Stadtdekan Christian Hermes (links) im Haus der katholischen Kirche im Gespräch mit StN-Chefredakteur Christoph Reisinger Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der „Talk am Dom“ hatte das Thema „Fake, News, Lügenpresse - ist der Journalismus am Ende?“ Für Gastgeber Christian Hermes befindet sich „Print auf hoher See“.

Stuttgart - „Brauchen wir Ihre Zeitung überhaupt noch?“ Mit dieser Frage an Christoph Reisinger, den Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten, brachte eine Schülerin des St. Agnes-Gymnasiums am Donnerstagabend im Haus der Katholischen Kirche auf den Punkt, was der katholische Stadtdekan Christian Hermes als Gesprächsführer anfangs in ein Bild fasste: „Print befindet sich auf hoher See.“ Reisinger bestätigte den Befund, betonte im Gespräch mit Hermes aber sogleich: „Es gibt keinen Grund, hoffnungslos zu sein. Wir stellen uns dem Veränderungsdruck, und wir haben gute Argumente dafür, dass man uns weiterhin braucht.“

In der Problem-Analyse umriss Hermes, was den hohen Wellengang ausgelöst hat: das Internet, Social Media und die daraus resultierende Veränderung der Mediennutzung. Dass sich mit dem digitalen Zeitalter „die Zahl der Mitspieler auf dem Nachrichtenmarkt multipliziert“ habe, nannte Reisinger als wichtiges Merkmal der veränderten Rahmenbedingungen für klassische Medien: „Im Netz sind wir nur eine Stimme im Ozean publizistischer Angebote.“ Deshalb müsse die Antwort darauf vorweg eine publizistische sein: „Wir müssen so klar erkennbar eine unverwechselbare Marke sein, dass wir als Zeitung auch auf den digitalen Kanälen gebraucht werden.“ Es gehe jetzt darum, neue Leser zu gewinnen, „die vor allem digital zu uns kommen. Auf diesem Feld müssen wir uns attraktiv machen. Da sind wir als Medienhaus bereits auf einem sehr vorzeigbaren Niveau.“

Fülle von regionalen Nachrichten

Und der Rückgang der gedruckten Auflage? Als Chefredakteur sei er „kein Papierhändler, sondern mit journalistischen Inhalten unterwegs“, sagte Reisinger. Im übrigen gebe es „noch erfreulich viele Leser, die die klassische Zeitung zum Anfassen wollen“. Wie sieht das inhaltliche Unterscheidungsmerkmal zur Konkurrenz aus: „Wir haben eine Fülle von regionalen Nachrichten, die kein anderes Medium hat“, so Reisinger. Zum Leitmotiv im Gespräch über den „Überlebenskampf der Zeitungen“ (Hermes) wurde der Faktor Glaubwürdigkeit: „Kein anderes Medium erreicht annähernd die Glaubwürdigkeit von Qualitätszeitungen. Da liegt der entscheidende Nutzen für die Leser“, betonte Reisinger. Basis dieses „hohen Grades an Verlässlichkeit“ seien „Standards für enorm aufwändiges journalistisches Arbeiten, aber auch die saubere Trennung von Tatsachenbeschreibung und Meinung“.

Das war auch eine Antwort zum Thema „Lügenpresse“, einst von Goebbels und Co. als Propagandageschütz gegen die Auslandspresse verwendet und in jüngerer Zeit von Pegida, AfD und dem aktuellen amerikanischen Präsidenten („Fake News“) neu als Kampfbegriff in Stellung gebracht: „Ich hätte von der Seite gerne einmal einen Beleg für den Vorwurf, stattdessen wird er nur wiederholt“, sagte Reisinger. Zu Trump befand er: „Warum arbeitet er sich mit so großem Aufwand an den Qualitätsmedien ab, wenn sie angeblich so irrelevant sind?“ Im übrigen unterhalte seine Redaktion „eine teure und viel beschäftigte Rechtsabteilung, die Versuche zur Unterdrückung von Recherchen abwehrt. Auch da sind wir auf dem richtigen Dampfer.“ Im finalen Bogen zum Anfang gab Hermes seinem Gesprächspartner dann eine Steilvorlage: „Jedes Abo, jeder gekaufte Inhalt sichert unabhängigen Journalismus.“ Reisinger dazu: „Da kann ich Ihnen nur zustimmen.“

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