Der VfB Stuttgart stellt in dieser Saison häufig die jüngste Startelf des jeweiligen Bundesliga-Spieltags. Da werden Erinnerungen wach. Ex-Torhüter Timo Hildebrand zieht mit uns den Vergleich zum den Jungen Wilden von 2001.
Stuttgart - Geht es um das – bis auf die Niederlagen gegen den VfL Wolfsburg und RB Leipzig – so aufstrebende VfB-Team im bisherigen Saisonverlauf , so ist in der Bundesliga-Berichterstattung ja häufig von den jungen Wilden in der Version 2.0 die Rede gewesen. Der ehemalige Nationaltorhüter Timo Hildebrand war wie die späteren Stars Alexander Hleb, Andreas Hinkel oder Kevin Kuranyi, wie Christian Tiffert, Timo Wenzel oder Ioannis Amanatidis Teil der Originalbesetzung.
Zunächst hatte der im Februar 2001 verpflichtete Trainer Felix Magath den VfB Stuttgart vor dem Abstieg gerettet. Von Sommer an machten dann eben jene jungen Wilden als unverbrauchtes Team mit erfrischendem Offensivfußball von sich reden. Auch damals angeführt von zwei Routiniers: Krassimir Balakov und Zvonimir Soldo, denen Magath die Rollen als väterliche Anführer in Training und Spiel zuwies. Ist der Vergleich mit dem aktuellen Stuttgarter Team aber zulässig?
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„Diese Zeit war für den VfB ja so prägend, dass der Begriff junge Wilde gerne mal hervorgeholt wird, wenn der Verein mit jüngeren Spielern Erfolg hat. Und es gibt durchaus Parallelen zu heute“, sagt Timo Hildebrand: „Die aktuelle Mannschaft besitzt wie wir damals junge Profis wie etwa Nicolas Gonzalez oder Tanguy Coulibaly, die jetzt richtig durchgestartet sind. Dazu kommen die Routiniers wie Gonzalo Castro und Daniel Didavi. Die Mischung stimmt also wie 2001.“
Erinnerungen an „Qualix“ Magath
Mit Trainer Felix Magath, Spitzname „Quälix“, hatte der VfB einen echten Schleifer verpflichtet. Als Trainer stand der ehemalige Nationalspieler und Europapokalgewinner mit dem HSV vor der Verpflichtung durch den Stuttgarter Manager Rolf Rüssmann aber lediglich im Ruf, ein guter Feuerwehrmann zu sein.
Timo Hildebrand erinnert sich: „Allzu weich war Felix Magath in seinem Umgang gewiss nicht. Sein oberstes Prinzip war, das Maximum aus jedem Spieler herauszukitzeln. Er hat schon gemerkt, wenn es einem Spieler mal nicht so gut ging. Wenn sich aber mal einer hängen ließ, dann konnte er auch über das Limit hinaus gehen.“
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Im Verhältnis der Profis zum Trainer sowie der Spieler untereinander haben sich die Zeiten allerdings grundlegend geändert. Im Team von VfB-Cheftrainer Pellegrino Matarazzo gibt es eine flache Hierarchie. Das wäre damals undenkbar gewesen. „Es ist ein ganz anderer Umgang“, sagt Hildebrand: „Die Jungen trauen sich viel mehr zu. Wenn früher ein 18-Jähriger gesagt hätte: ‚Hey, Bala, geh mal Bälle tragen!‘ – dann hätte der das im Training schon gespürt.“
Die jungen Wilden aus Stuttgart, zu denen sich im Juli 2003 noch ein junger Profi aus Bayern namens Philipp Lahm als Linksverteidiger gesellte, sie setzten zu einem ungeahnten Höhenflug an. Dreimal in Folge erreichte der VfB unter Magath das internationale Geschäft, 2003 wurde man Vizemeister, ehe im Herbst desselben Jahres der legendäre 2:1-Heimsieg in der Champions League über Manchester United folgte.
Der Teamgeist als Erfolgsfaktor – damals wie heute
„Wir haben gemerkt, dass sich jeder zurücknehmen muss. Es galt, erst einmal zu liefern, ehe man sein Ego in den Vordergrund stellen konnte“, erklärt Timo Hildebrand: „Das kann in einer Männerwelt ja schon mal relativ schwierig sein. Wir haben als Team funktioniert, haben uns gut verstanden – und auch einiges außerhalb des Platzes gemacht.“
Auch heute gilt der Teamspirit beim VfB als ein entscheidender Erfolgsfaktor. „Es geht bei uns in der Kabine locker zu, jeder ist gleich“, sagt etwa der defensive Mittelfeldspieler Orel Mangala, der als Übersetzer für die französischsprachigen Spieler ein wichtiges Bindeglied im Team ist. Dazu gibt es viel Lob für den Kapitän Gonzalo Castro, der mit 395 Spielen zwar deutlich mehr Ligaeinsätze aufweist als die Kollegen – sich anders als Soldo und Balakov einst aber nicht in einer Sonderrolle sieht. „Er ist in der Kabine so etwas wie unser bester Mann“, sagt Linksverteidiger Borna Sosa, einer der jungen Millioneneinkäufe des VfB.
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Im Sommer 2001 hatte der VfB derweil mit eigenem Personal aus der Not eine Tugend gemacht. Aufgrund leerer Kassen konnten ehemalige Jugendspieler wie Kevin Kuranyi oder der Weißrusse Alexander Hleb, der zuvor eine Saison in der zweiten Mannschaft gespielt hatte, bei den Profis voll durchstarten. Hleb war seinerzeit wie Andreas Hinkel bereits 21 Jahre alt, Kuranyi war 20.
Großes Lob für Wataru Endo
„Zu meiner Zeit war es noch außergewöhnlich, wenn man mit 20 Jahren Bundesliga spielen konnte. Inzwischen sind die jüngsten Debütanten ja erst 16 Jahre“, sagt Timo Hildebrand, der mit 884 Bundesligaminuten ohne Gegentreffer, ebenfalls von 2003, bis heute den Bundesliga-Rekord unter Torhütern hält: „Die Ausbildung des Nachwuchses ist viel professioneller geworden. Es gibt Ausnahmen – aber mit 30 Jahren hat man als Profi heute meist schon ausgedient. Es hat sich alles nach vorne verlagert.“
In Silas Wamangituka, Mateo Klimowicz, Tanguy Coulibaly, Lilian Egloff und Momo Cissé haben auch beim VfB Teenager ihre Bundesliga-Laufbahn in Liga eins und zwei gestartet. Dazu gesellt sich in Wataru Endo, 27, aber ein Profi mittleren Alters, der zuletzt auf der Sechserposition nahezu alles richtig machte. „Endo ist überragend, ein Spieler, der den Unterschied ausmacht“, sagt Hildebrand, der im Frühjahr in Stuttgart das vegane Restaurant „Vhy“ eröffnen wird: „Er läuft Räume zu – und ich wünsche dem VfB, dass Endo noch lange hier bleibt.“
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Wie damals in der Magath-Ära, die immerhin 3,5 Jahre andauerte, trägt der Erfolg aber stets die Handschrift des Trainers – denn gerade junge Spieler müssen das Vertrauen ihres Umfeldes spüren. Bei zwei Abstiegen binnen drei Jahren und dem damit verbundenen unmittelbaren Erfolgsdruck des Wiederaufsteigen-Müssens war dies in Stuttgart zuletzt nicht gegeben.
Denn die Trainer gaben sich am Wasen die Klinke in die Hand. Dabei ist die Zeit der harten Hunde im Stil des Felix Magath vorbei. Es hat ein Umdenken stattgefunden – auch beim VfB, wo in Pellegrino Matarazzo seit diesem Jahr ein Cheftrainernovize das Sagen hat. „Die Art der Teamführung ist ja viel wichtiger geworden als früher“, sagt Timo Hildebrand: „Und das macht Matarazzo sehr gut. Er wirkt ruhig und ausgeglichen – und das Wichtigste ist dabei: Er hat die Spieler weiter gebracht.“