Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) liefern sich in der Fellbacher Schwabenlandhalle einen munteren Schlagabtausch (von links). Foto: Gottfried Stoppel

Die Mitgliederversammlung des Landesbauernverbands wird Bühne eines agrarpolitischen Schlagabtauschs. Spitzenkandidaten liefern Wortgefechte, Bauernfamilien klare Forderungen.

 Was als Jahresversammlung begann, endete in einem politischen Schlagabtausch mit klarer Botschaft: Die Landwirtschaft in Baden-Württemberg steht unter Druck – und sie fordert Antworten. Mit rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die 35. Mitgliederversammlung des Landesbauernverbands (LBV) in der Fellbacher Schwabenlandhalle mehr als eine Pflichtübung. Sie wurde zur agrarpolitischen Generalprobe für die Landtagswahl 2026.

 

„Die Betriebe erwarten Reformen, nicht Sonntagsreden“, brachte es Joachim Rukwied, Präsident des LBV, gleich zu Beginn auf den Punkt. Die Landwirtschaft brauche verlässliche Rahmenbedingungen, Investitionen und vor allem eines: Vertrauen. Seine Botschaft ist klar: Auflagen wie das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz müssten sich auch im Preis niederschlagen. Wer bessere Standards fordere, müsse auch bessere Preise ermöglichen.

„Die Betriebe erwarten Reformen, nicht Sonntagsreden“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied Foto: Gottfried Stoppel

Bürokratie, EU-Vorgaben, Pflanzenschutz, Wildtiermanagement: Der Frust auf den Höfen ist greifbar. Der neue „Kompass“, das Forderungspapier des LBV, ist entsprechend deutlich: weniger Auflagen, mehr Praxisnähe, Planungssicherheit und eine Landwirtschaftspolitik, die Mut zur Innovation zeigt.

Ernährungssicherheit als Staatsziel: Hagels kühne Forderung

Diesen Ton nahm auch die Podiumsdiskussion mit jenen auf, die es im kommenden März in den baden-württembergischen Landtag drängt. Fünf Spitzenkandidaten, fünf Perspektiven. CDU-Mann Manuel Hagel wagte sich dabei weit aus dem Fenster und forderte die Verankerung der Ernährungssicherheit als Staatsziel in der Landesverfassung: „Was mir große Sorge bereitet, ist, dass wir in der Frage nicht mehr souverän sind“, sagte er.

Als es um das Wildtiermanagement ging, wurde es lebendig. „Da gibt es ein einfaches Mittel: Schrot und Blei“, polterte Hagel und rief den Spitzenkandidaten der Grünen, Cem Özdemir, dazu auf, gesetzlich dafür zu sorgen, dass Wolf, Biber und Saatkrähe gejagt werden dürfen, wenn diese Tiere Schaden verursachen. Özdemir reagierte, verwies auf seinen Einsatz in Brüssel für eine Lockerung des Wolf-Schutzstatus und sein Agieren als Landwirtschaftsminister in der Ampelkoalition: „Ich halte die Versprechen, die die Schwarzen geben – Sie versprechen, ich setze es um.“ Über das Jagdrecht könne man gerne reden. Seine ironische Spitze an Hagel dazu: „Ich gewinne die Wahl, werde Ministerpräsident – und Sie können das dann im Landtag gerne einbringen.“

Özdemir und Hagel vereint gegen Atomkraft-Forderung der AfD

Im Konter gegen AfD-Kandidat Markus Frohnmaier fanden sich Özdemir und Hagel hingegen gemeinsam auf einer Linie. Der forderte die Rückkehr zur Atomkraft. Hagel nannte das „realitätsfernen Populismus“ und fragte trocken: „Wer soll die bauen, und wo?“ Özdemir legte nach: „Beim Endlager sind plötzlich alle Geologen und sagen: ‚Bei uns geht’s net.“

Der Saal der Schwabenlandhalle war bis auf den letzten Platz besetzt. Foto: Gottfried Stoppel

Frohnmaiers zweite Forderung – eine Renationalisierung der Landwirtschaft – prallte ebenso ab. SPD-Vertreter Jonas Weber hielt dagegen: „Wir haben keine Weinkrise, weil zu wenig Wein getrunken wird, sondern weil der falsche Wein getrunken wird.“ Der Markt sei aus dem Gleichgewicht geraten – und müsse sozialer geregelt werden.

Rülkes Kritik an Natur- und Wildtierschutz

FDP-Mann Hans-Ulrich Rülke hält weniger von Eingriffen in die Marktpolitik: Der Mindestlohn sei in der Landwirtschaft fehl am Platz, betonte er – und wetterte gegen überbordende Naturschutzgesetze. „Das Biodiversitätsstärkungsgesetz muss weg“, forderte er, und lieferte in Sachen Wildtiermanagement eine spitze Rechnung: „Wir geben acht Millionen Euro für den Schutz von vier Wölfen aus. Das macht zwei Millionen pro Wolf.“

Der Bauernverband hingegen hat konkrete Vorstellungen, was den Landwirten helfen könnte. Der zur Mitgliederversammlung vorgestellte „Kompass“ zur Landtagswahl ist ein 60-seitiges Manifest bäuerlicher Existenzangst und politischer Forderungen. Der LBV will keine Randnotiz mehr sein, sondern Mitgestalter. Und benennt klar: Wettbewerbsverzerrungen durch nationale Alleingänge, Überregulierung beim Pflanzenschutz, fehlende Anreize für Tierwohl-Investitionen, stockende Digitalisierung und schleppende Förderverfahren.

Auszug aus dem „Kompass“ des LBV

  • Ernährungssicherheit soll Verfassungsrang erhalten
  • Wettbewerbsfähigkeit darf nicht durch nationale Sonderregeln gefährdet werden
  • Planungssicherheit beim Stallbau und Tierwohlinvestitionen muss gesetzlich garantiert sein
  • Bürokratieabbau ist überfällig: Ein Viertel der Arbeitszeit verbringen Landwirte am Schreibtisch
  • PV-Anlagen gehören auf Dächer, nicht auf Ackerland
  • Schlachtinfrastruktur muss regional gesichert und ausgebaut werden

Die zentrale Botschaft lautet: Landwirtschaft ist Teil der Lösung. Nicht das Problem. Doch ohne Verlässlichkeit, Eigenverantwortung und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen sei ein Hof heute nicht mehr zukunftsfähig. Präsident Rukwied bringt es auf den Punkt: „Bäuerinnen und Bauern sind keine Bittsteller, sondern Leistungsträger. Und sie erwarten, dass die Politik das anerkennt – mit Taten.“