Gundi Liebehenschel unter einer 150 Jahre alten Zeder in Weinheim. Foto: privat

Nach dieser Reise mit der Bahn hat Gundi Liebehenschel viel zu erzählen. Sie ist auf den Rollstuhl angewiesen und hat allein an einem Tag fünf Pannen mit öffentlichen Verkehrsmitteln erlebt. Doch sie lässt sich nicht entmutigen.

Stuttgart - Ein Tagesausflug nach Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis) ist für Gundi Liebehenschel (78) und ihren Freund Wolfgang Lechleitner zu einem Hindernislauf geworden. „Das Pech klebte uns förmlich an den Fersen“, sagt die Stuttgarterin. Ursache waren nicht barrierefreie Bahnen und Bahnhöfe – und ein Ladeproblem.

 

„Wolfgang ist ein eingefleischter Zugfahrer“, sagt Gundi Liebehenschel. Er ordere Tickets und buche für sie die Einstiegshilfen. Die Stuttgarterin ist gehbehindert. „Mein E-Scooter passt leider nicht in Busse und in Züge der Deutschen Bahn.“ Bei Ausflügen sei sie mit einem normalen Rollstuhl unterwegs, ausgerüstet mit einer elektrischen Schiebehilfe.

Kaputte Aufzüge, fehlende Beschilderung

Am Bahnhof Untertürkheim soll der Ausflug beginnen, doch der Aufzug zur S-Bahn ist kaputt, also machen sie kehrt und fahren mit der Stadtbahn nach Bad Cannstatt. Dort streben sie der S-Bahn zu und stranden erneut vor Treppen. „Ich hatte gerade einen freundlichen Herrn gebeten, uns behilflich zu sein, aber da sagte uns ein anderer, dass es weiter vorne eine Rampe gebe. Kein Schild weist darauf hin“, erzählt Gundi Liebehenschel. Die beiden steuern auf die am Gleis stehende S-Bahn zu, so schnell sie mit Rollstuhl und in hohem Alter eben können, da fährt sie ihnen vor der Nase weg.

Zwei Stunden müssen sich die reiselustigen Senioren bis zum nächsten Anschluss nach Heidelberg um die Ohren schlagen, allerdings können sie in der Zeit nicht die Hände in den Schoß legen. „Wir mussten die Einstiegshilfe umbuchen, die wir für den ersten Zug geordert hatten. Dazu mussten wir zu einem Schalter außerhalb der Bahnhofshalle, wo uns eine sehr nette Dame die ,Rechte für Bahnreisende’ abgestempelt hat.“ In einem zweiten Büro, nahe am Bahnsteig, bestellt ein Beamter die Einstiegshilfe erneut. Der Einstieg mit einem „museumsreifen“ Hebelift – „den muss man noch von Hand hochkurbeln“ – klappt problemlos, auch der Umstieg in Heidelberg.

Bange Blicke auf den Ladezustand der Schiebehilfe des Rollstuhls

Die Tagesausflügler genießen ihr Ausflugsziel Weinheim, den Exotenwald und den Anblick einer mächtigen, 150 Jahre alten Zeder in vollen Zügen, bevor sie sich wieder auf den Weg zum Bahnhof machen – mit bangen Blicken auf den Ladezustand der Schiebehilfe, deren Funktion gelegentlich aussetzt. Und dann auch noch das: In Weinheim am Bahnhof steckt ein Reisender im Aufzug fest, am anderen Ende des Kontakttelefons nimmt keiner ab, die Polizei muss helfen. Sie disponieren um und nehmen einen Zug nach Heidelberg, den sie oberirdisch erreichen können. In der Studentenstadt kommen sie pünktlich an, dort, wo der Aufzug und die Hebebühnen für den Zug nach Stuttgart stehen. Geschafft, denken sie.

Welch ein Trugschluss! Kein Helfer kommt ans Gleis. Die auf dem Ticket vermerkte Waggonnummer ist kein Fahrgastabteil, sondern der Fahrrad-Gepäckwagen. „Die haben uns falsch eingebucht“, erzählt sie. Ein freundlicher Bahn-Bediensteter und ein weiterer Angestellter hieven den Rollstuhl in diesen Wagen, Gundi Liebehenschel klettert unter Aufbietung aller Kräfte in den Waggon, hangelt sich durch den Gepäckwagen bis zu den anderen Abteilen und landet ausgerechnet in der 1. Klasse. „Jetzt setzen Sie sich erst mal hier hin“, habe der Bahn-Mitarbeiter zu ihnen gesagt – und sie bis Stuttgart unbehelligt gelassen.

Auf der letzten Akku-Zelle nach Hause

Um Mitternacht schließlich sind die Reisenden wohlbehalten zurück, der letzte Balken des Akkus der Schiebehilfe hält tatsächlich bis vors Gartentor durch. „Es war zwar in gewisser Weise ein rabenschwarzer Tag, doch jeder Tag hat auch etwas Gutes. Es zeigt, wie wichtig eine gute Freundschaft ist“, sagt die Reisende.

Ihre Reiselust lässt sich die 87-Jährige ohnehin von nichts und niemand vermiesen, schon gar nicht von der Deutschen Bahn. Sie hat schon wieder Pläne: „Morgen fahren wir mit dem Zug nach Aalen und gehen ins Besucherbergwerk Tiefer Stollen“, sagt Gundi Liebehenschel gut gelaunt. „Dort fährt eine Eisenbahn in den Stollen, die sogar Rollstühle aufnehmen kann.“

Bis 2035 wird gebaut

Das Gesetz
Das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) gibt vor, dass der öffentliche Nahverkehr bis Januar 2022 barrierefrei sein soll. Allein im VVS-Bereich sammeln sich seit Juni 20 Anzeigen über Aufzüge, die „bis auf weiteres“ nicht in Betrieb sind. Darunter zahlreiche Haltestellen mit steilen Treppen- oder Rolltreppenabgängen.

Das Niveau
An 32 S-Bahn-Stationen will die Bahn in den kommenden Jahren das Niveau der Bahnsteige erhöhen und damit einen stufenfreien Zugang zu den Bahnen schaffen. Sie beginnt damit derzeit an der S-Bahn-Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof und Österfeld; die ersten 14 Haltestellen werden erst 2028 fertig sein, der Rest erst 2035. Die SPD im Verkehrsausschuss des Verbandes Region Stuttgart hat die schleppende Nivellierung der Hindernisse kürzlich scharf kritisiert. czi