Szene aus Hans Steinbichlers Film „Das Tagebuch der Anne Frank“. Foto: Verleih

Es gibt einfachere Stoffe als das berühmte Tagebuch der jungen Jüdin Anne Frank, die von den Deutschen 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Hans Steinbichler hat sich an diese Aufzeichnungen herangewagt. Im Interview erklärt er wie.

Berlin - Herr Steinbichler, wie nähert man sich einem so berühmten Text, wenn man ihm gerecht werden möchte?
Ich habe versucht, mich auf Augenhöhe zu nähern und diesen übergroßen Mythos mal beiseitezulassen, den die Menschen verständlicherweise daraus gemacht haben. Als 14-jähriger Schüler habe ich überhaupt nicht verstanden, was diesen Text zu einem besonderen macht. 30 Jahre später mit Lebenserfahrung im Rücken habe ich mich erinnert, wie ich selbst war als Teenager, und ich habe erkannt, was dieses Mädchen da aufgeschrieben hat und in welcher Form. Das hat mich sehr stark berührt.
Ihr Film macht fühlbar, wie sinnlos dieser Tod war, einer von sechs Millionen – war das Ihr Ziel?
Exakt. Ein ganz normales Mädchen wächst unter entsetzlichen Umständen auf, und am Ende hat man das Gefühl, das könnte gut ausgehen, die Alliierten sind fast da. Aber die im Hinterhaus Versteckten werden ­unvorsichtiger, denn man lebt sich auch in solchen Verhältnissen ein. Nach 18 Monaten vergeht die Angst, dass noch jemand kommen könnte. Und dann werden sie einfach ermordet – ohne Grund. Und wenn man das versteht, wie dieses blühende Mädchen aus dem Leben gerissen wurde, dann hat der Film einen Sinn. Mich rührt sehr an, wie sie mit ihrer Schwester darüber spricht, dass sie ihre Tage bekommt, wie es ist, eine Frau zu werden. Das wird ihr einfach genommen.
War sie wirklich ein ganz normales Mädchen? Sie hat fein beobachtet, hat außergewöhnlich kluge Sachen aufgeschrieben.
Natürlich ist unglaublich, was sie mit 13 schon aufschreibt und denkt, aber sie ist auch in einem guten Umfeld aufgewachsen. Und vielleicht war sie ja nicht allein mit so einem Genius – vielleicht gab es 10 oder 15 solcher Dokumente, und wir haben nur eines davon ­gefunden.
War es schwer, die Hauptdarstellerin zu finden?
Ich dachte, man müsste jemanden finden mit unglaublichem Talent, der diese Haltung Anne Franks im Spiel herstellen kann. Aber das stimmt überhaupt nicht. Das habe ich gemerkt, als ich Lea gesehen habe, die von sich aus diese unglaubliche Haltung mitbringt. Da kann man ansetzen, damit kann man arbeiten. Wenn jemand die Haltung nicht hat, schafft man das nicht.
Wie war das mit einem Teenager am Set?
Lea ist sehr fokussiert. Sie ist keine der Jugendlichen, die dasitzen, auf ihrem Telefon herumdrücken und kaum zu einem klaren Gedanken zu bewegen sind. Sie hat das durchgestanden, 43 Drehtage in zwei Monaten, und sie musste permanent am Set sein. Natürlich hatte sie Krisen, Überforderung, Verzweiflung, das Gefühl, das nicht zu können. Ich habe ihr das genommen. Ich habe diesem Mädchen ja den ganzen Film übergehängt, und das habe ich mich nur getraut, weil ich selbst Kinder in dem Alter habe und wusste, wo da die Grenzen sind.
Wie hat sich das Ensemble auf die sehr intensive Situation am engen Set eingestellt – haben alle die Nerven behalten?
Das sind ja sehr unterschiedliche Charaktere, und es hat auch reale Spannungen gegeben. Wir waren zusammengepfercht in ­diesem Raum, alle ausgeliefert an dieses Unternehmen. Acht Schauspieler am Tisch, die essen, und um sie herum Leute, die Haare machen und Make-up, Ausstatter, zwei Kameraleute, zum Teil drei Tonleute – das war wie in einer Legebatterie.
Sie haben also eine Art Stress tatsächlich erzeugt, unter dem sich die Familie Frank und ihre Mitbewohner befunden haben müssen?
Ganz genau. Wenn da eine ganz zurückgenommene Martina Gedeck am Tisch sitzt und Margarita Broich ihrer Figur wieder die Show stiehlt, dann ist das wie im richtigen Leben. Da kommt eine Frau, die sinnlich ist und laut, und die Schauspielerinnen waren so in ihren Rollen, dass das zwischendrin auch anstrengend war – aber es hat sich gelohnt.
Martina Gedeck sieht man selten so gedämpft.
Das war unsere Verabredung. Sie ist fast wie unter einem Schleier, da merkt man, was für eine besondere Schauspielerin sie ist. Sie hat das vollkommen akzeptiert, aber irgendwann gesagt: Ich bin ja fast verschwunden! Genau wie Edith Frank, das war das Ziel.
Der Originaltext muss vorkommen, darf aber nicht zu geballt sein – wie dosiert man das?
Ich habe das letztlich im Schnitt hinbekommen, aber mir war klar, dass man da Leute nicht überfrachten darf. Ich musste immer an normale Jugendliche denken, die sich das ansehen. Die sollen sagen: Okay, ich gehe mit ihr mit, sie hat Stress mit ihrer Mutter, ihren Vater findet sie okay, und das ist der Typ, in den sie sich verlieben will – die einfachen Sachen sollten nachvollziehbar sein.
Sie haben das Tagebuch ein wenig fortgeschrieben. Wie kann so etwas gelingen – und darf man das überhaupt?
Es war ein gewisses Risiko. Aber in dem Moment, in dem die Deutschen Anne das Tagebuch aus der Hand schlagen, verliert sie ja nicht ihre Stimme. Es gibt gesicherte Quellen von Leuten, die sie auf allen Stationen vor und im KZ erlebt haben, und wir haben versucht, diese Zeugnisse in Anne Franks Sprache zu fassen.
Wie haben Sie das gemacht mit der Wohnung auf mehreren Etagen, die man in Amsterdam im Anne-Frank-Haus real besichtigen kann?
In dem Haus selbst kann man nicht drehen, das ist viel zu eng. Wir haben das im Studio nachgebaut, und zwar so, dass jeder, der schon drin war, das Gefühl hat, es wiederzuerkennen. Wir hatten herausnehmbare Wände für das Filmteam, allerdings waren die Räume alle auf einer Ebene, sonst hätten wir eine richtige Statik herstellen müssen. Die Verbindungsszenen, das Treppauf und Treppab, haben wir in Amsterdam gedreht. Das war ein irrer Aufwand, denn die Anschlüsse müssen exakt stimmen. In einer Szene von fünf Sekunden, in der ein Soldat das Gebäude betritt, sind vier Drehorte zu sehen, und die Aufnahmen liegen zwei Monate auseinander.
War es schwierig, die Ausstattung des Hinterhauses zu organisieren bis hin zu den richtigen Teetassen?
Wir hatten ein ganzes Stockwerk voller Leute, die nur damit beschäftigt waren, Dinge zu besorgen. Und dann schwenkt man einmal drüber. Aber es lohnt sich, man muss das machen, es darf sich nicht anfühlen wie Kulisse, man soll denken, man wäre bei ihnen.
Haben Sie je erwogen, zu abstrahieren – etwa wie Lars von Trier in „Dogville“?
Nein, dieser Film soll ganz normale Leute erreichen. Ich will nur dieses Mädchen in den Vordergrund rücken, die Zuschauer sollen ganz bei ihr sein. Das soll auch nicht belehrend wirken wie aus einer Onkelperspektive. Zwölfjährige Schüler sollen mitfühlen, nachvollziehen können. Der Film erzählt ja exemplarisch etwas über heute – Anne Frank war ein Flüchtling, und es gab Leute, die ihr geholfen haben.
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