Titelblatt einer Schützengrabenzeitung von 1918 Foto: DLA Marbach

Viele Kulturschaffende begrüßten anfangs den Ersten Weltkrieg. Doch im weiteren Verlauf kam die Ernüchterung, ihr Mitteilungsbedürfnis wurde immer geringer.

STUTTGART - Ein Kriegsausbruch beflügelt das Mitteilungsbedürfnis. Das war auch schon vor 100 Jahren so mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Das Marbacher Literaturarchiv hat es sich zur Aufgabe gemacht, umfassend die schriftlichen Hinterlassenschaften von Literaten, Wissenschaftlern und Künstlern von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an zu sammeln. Für die gesamte Kriegsdauer, also vom 1. August 1914 an bis zum 11. November 1918, kommt es auf 18 544 Archivalien, allein 4229 davon entstanden zwischen dem 1. und dem 31. August 1914. Und dabei sind noch gar nicht alle Dokumente im Literaturarchiv nach ihrem Entstehungsdatum erfasst.

Anfangs gibt es noch ein Nebeneinander von Krieg und Alltag. Der Elsässer Ernst Stadler, der im September 1914 mit 30 Jahren nach Toronto reisen wollte, um dort an der Universität dem Ruf als Professor zu folgen, stattdessen aber in Straßburg einen Stellungsbefehl erhielt, eröffnet am 31. Juli 1914 sein Kriegstagebuch mit folgenden Sätzen: „Vorlesung am Vorabend abgesagt. Morgens Einkäufe: Revolver. Nachmittags gegen 3 Uhr verkünden Extrablätter den ,drohenden Kriegszustand‘. Aufregung in der Stadt.“ Ähnlich lakonisch hält es Franz Kafka: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmschule“, bemerkt er am 2. August 1914.

Erste direkte Kriegseindrücke gibt es von Stadler. „Es ist Sonntag. Die Glocken läuten. Der Hauptmann: ‚Betet nur, das verhütet Blutvergießen.‘ Mittags esse ich mit dem Fahnenjunker Guth im Gasthaus Meyer in St. Moritz, wo ich Quartier habe. Die Dorfbewohner werden zum Schanzarbeiten herangezogen. Wir fällen Obstbäume und hauen die Reben ab. Der Hauptmann bedauert. Die ersten Nachrichten von Patrouillenzusammenstößen. Spione erschossen. Die Bevölkerung ist freundlich und verängstet“, notiert Stadler schon am 1. August 1914. In der Sommerfrische in einem belgischen Strandbad wird dies anders wahrgenommen. Die 21-jährige Arzttochter und Dichterin Leonore Landau lobte die allgemeine Mobilmachung und begrüßte die Aufhebung der Standesunterschiede: „Es herrscht eine solche Verbrüderung, solche Opferwilligkeit, daß immer mehr der Krieg mir als gut erscheint. Denn ist nicht der Kampf eine Naturnotwendigkeit wie das Wachsen einer Blume, die Nahrung aus dem Tode saugt“, schwärmt sie am 2. August 1914. Widersprüchlichkeiten stellt sie fest, doch stören sie diese offensichtlich nicht sonderlich. So fügt sie am 20. September 1914 hinzu: „Heute ist jüdisches Neujahr. Ich war nicht in der Synagoge, weil ich nicht Kindergarten versäumen wollte. Heute wird von allen deutschen Juden gebetet, daß die gemeinen Russen, Franzosen u. s. w. Schläge bekommen. Zur gleichen Zeit auf der anderen Seite beten die Juden zu demselben Gott um Vernichtung der Deutschen. Eine seltsame Welt!“

Der Volkshochschullehrer Theodor Kappstein hat Geschäftssinn. Am 7. August 1914 geht folgendes Schreiben von ihm an Robert Kröner, damals Besitzer der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart: „Sollten wir den Soldaten nicht in den nächsten Monaten in Form von Flugblättern die geistigen Schätze unserer Dichter der Gegenwart und der klassischen Vergangenheit bequem zugänglich machen, mit dem Blick auf den Krieg und die Stärkung des Deutschtums? Ich bin bereit, die Leitung solcher poetischen Flugblätter zu übernehmen. Nicht umsonst; denn ich bin infolge der Wirren meiner festen Einnahmen beraubt und schwebende erhebliche Abschlüsse haben sich zerschlagen oder wurden vertagt.“

Hin und her gerissen ist Armin T. Wegner, der sich als Kriegskorrespondent der Breslauer „Morgenpost“ freiwillig als Sanitäter gemeldet hat. Das erfährt seine Mutter am 9. August 1914: „Ich habe so viel Bewunderung für dieses menschliche Uhrwerk, das in Deutschland in diesen Tagen ins Laufen kam. Aber mir bleibt bei aller Begeisterung etwas im Halse stecken. Irgend etwas war mir fremd. Selbst noch der Schmerz der Leute war mir fremd, weil mein Gefühl sich von dem nicht überzeugen konnte, was in meinem Kopf wohl klar war: die Notwendigkeit dieses kriegerischen Auszugs.“

Mit zunehmender Ernüchterung über den Kriegsverlauf lässt das Mitteilungsbedürfnis allgemein nach. Nicht so bei dem Schriftsteller und Philosophen Ernst Jünger, der als Freiwilliger am Krieg teilnahm: „Ist ein Gewehrschuß auch auf weitere Entfernung auf mich abgegeben, so ist der Klang eigenartig scharf. Schießt ein Freund von mir in der Richtung auf den Feind, so ist der Schuß dröhnend und lang aushallend.“ Noch viele weitere Seiten räsonierte der 21-Jährige am 9. Januar 1916 detailgetreu über Kampfgeräusche an der Front in seinem Kriegstagebuch, die Grundlage für sein erstes, 1920 erschienenes Buch „In Stahlgewittern“.

Ganz anders klingt es bei dem Schriftsteller Friedrich Gundolf. Ein Auszug aus seinem Brief aus Verdun vom 30. November 1916 an seine spätere Ehefrau Elisabeth Salomon: „Ein grundlos und überschwenglich dreckiger halbverwüsteter Unterholzwald, wo erste Ansiedler mühselig sich Wohnung und Leben herrichten . . . nur vom Dreck machst du dir keine Vorstellung. Dazu keine Waschmöglichkeit, ein unbeschreiblicher Raummangel.“ Im letzten Kriegsjahr ist auch bei Jünger die Stimmung gedämpfter: „Es ist doch ein merkwürdiges Gefühl, wenn ein Mensch, der einem körperlich so nahe ist, unter dem Leibe weggeschossen wird. Es ist dies wohl die nächste Form, in der der Tod an einem vorbeistreichen kann“, hält er am 8. August 1918 in seinem Tagebuch fest.

Das Schlusswort gehört den Dichtern. Klabund aus einem Schweizer Lazarett am 9. November 1918 an seine Frau: „Wie der Mann im Märchen, der auszog einen goldenen Schatz zu heben, ihn auch gewann, bis ihm ein böser Zauber alles nahm, so kehr’ ich nach Deutschland zurück, müde und elend, ein rechter Landstreicher, der nicht weiß wohin, mit leeren Händen und übervollem Herzen.“ Ganz bitter stellt der Dramatiker Arthur Schnitzler am 12. November 1918 fest: „Ein welthistorischer Tag ist vorbei. In der Nähe sieht er nicht sehr großartig aus.“

Die Ausstellung „August 1914. Literatur und Krieg“ wird noch bis zum 30. März im Marbacher Literaturarchiv der Moderne gezeigt.
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