Tagblattturm Ein exklusiver Betonriese

Von Johanna Trommer 

Der Tagblattturm im Herzen Stuttgarts Foto: Leif Piechowski
Der Tagblattturm im Herzen Stuttgarts Foto: Leif Piechowski

Wer hier oben stehen und die Aussicht genießen darf, hat Glück gehabt. Auf der rund 50 Quadratmeter großen Terrasse des Tagblatt-Turms ist es ruhig.

Stuttgart - Wer hier oben stehen und die Aussicht genießen darf, hat Glück gehabt. Auf der rund 50 Quadratmeter großen Terrasse des Tagblatt-Turms ist es ruhig. Man ist hier ganz allein, mitten im Herzen Stuttgarts und doch davon abgerückt; die zahllosen Passanten, die unten die Eberhardstraße kreuzen, auf der anderen Seite die Autoschlangen, die über die Bundesstraße 14 kriechen – das vertraute Stadtleben wirkt aus dieser erhabenen Perspektive beinahe surreal.

„Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt Nikolas Reinke. Er gehört zu den wenigen Privilegierten, die täglich das besondere Flair in der 15. Etage des mittlerweile 85 Jahre alten Hochhauses erleben dürfen. Vor etwa einem Jahr hatten er und sein Bruder Lennart Reinke als Geschäftsführer der Video- und Webagentur STN Europe gemeinsam mit der Fotografin Julia Blank das Glück, einen Mietvertrag über die oberste nutzbare Bürofläche im Tagblatt-Turm zu bekommen. Vermieterin ist die Stadt Stuttgart. „Seitdem genießen wir mit einem Grinsen auf dem Gesicht fast jeden Morgen unseren ersten Kaffee auf der Terrasse mit Stuttgart zu unseren Füßen“, so Nikolas Reinke.

Die Innenräume des Büros sind lichtdurchflutet, die Fenster und die verglasten Terrassentüren stehen sommers fast alle offen. Hier zu arbeiten und den Blick dauerhaft auf den Bildschirm zu richten, erzählt der Videoexperte, erfordere Disziplin. „Wenn der Blick abschweift, könnte man stundenlang rausschauen.“

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Türme in Stuttgart und Region

Von unten wirkt der 61 Meter hohe Tagblatt-Turm recht unauffällig. Hier werden keine Partys gefeiert wie am Bismarckturm, hier gibt es kein Turmrestaurant wie im Bahnhofsturm und keine Touristenströme wie am Fernsehturm. Wer durch die gläserne Eingangstüre tritt und in einen der zwei Aufzüge steigt, geht in der Regel zur Arbeit oder hat einen geschäftlichen Termin. Die meisten Etagen sind durch Ämter der Stadt Stuttgart besetzt. „Das Leben im Turm spielt sich relativ anonym ab“, sagt Nikolas Reinke. „Es ist ein freundliches Miteinander, das sich auf die Aufzugfahrten beschränkt.“

Es gab allerdings Zeiten, zu denen der Turm in der Eberhardstraße Schlagzeilen machte. Das von Ernst Otto Oßwald gebaute, im Jahr 1928 fertiggestellte Gebäude für das „Stuttgarter Neue Tagblatt“ war mit seinen 18 Etagen das erste Hochhaus in Württemberg. Seit 1976 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Der Stuttgarter Oßwald schuf mit dem ersten Eisenbeton-Hochhaus Deutschlands eines der bedeutendsten Architekturdenkmäler des Neuen Bauens. Und noch etwas machte den modernen Turm einzigartig: Er hatte den 1927 von der Firma Stahl eingebauten, seinerzeit höchsten Paternoster der Welt. Dieser blieb jedoch nur bis in die sechziger Jahre erhalten.

Die Redakteure und Mitarbeiter der namensgebenden Tageszeitung arbeiteten bis 1943 in „ihrem“ Turm. Nach dem Krieg bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts diente er der „Stuttgarter Zeitung“, deren Verleger Josef Eberle von den US-Amerikanern die Lizenz zum Zeitungsmachen übertragen bekommen hatte. Zuerst eine, dann zwei dünne Ausgaben pro Woche wurden damals in ungeheizten Räumen produziert, erinnerte sich der Chronist Martin Hohnecker anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums der Zeitung. Im Jahr 1976 schließlich siedelten die Journalisten aus dem Tagblatt-Turm ins Pressehaus nach Möhringen – zusammen mit den Kollegen der Stuttgarter Nachrichten, die in der Räpplenstraße die Umzugskisten packten.

In den Jahren 2002 bis 2004 wurden die zwei Hinterhäuser, die ehemalige Setzerei und Druckerei, das 1. Obergeschoss der Vorderhäuser und die Fassaden des Turms saniert. Seitdem hat sich dort das Kulturareal Unterm Turm etabliert mit der tri-bühne, dem Zentrum für Figurentheater Fitz, dem Jungen Ensemble Stuttgart (Jes), dem Museumspädagogischen Dienst der Stadt und der Jugendkunstschule (JuKuS). Seit 2005 können die Besucher am Abend die Konturen des Hochhauses wieder leuchten sehen – wie einstmals 1928. Damals verwandte man Neonröhren, heute Lichtfaserleitungen.

Den größeren Aha-Effekt hat man anscheinend aber hoch über den Köpfen der Kulturschaffenden. „Wenn Kunden zu uns kommen, bleibt ihnen oft erst einmal der Mund offen stehen“, erzählt Nikolas Reinke. „Man kennt vielleicht den Blick vom Fernsehturm, aber die wenigsten kennen diesen hier auf über 50 Meter Höhe im Herzen der Stadt.“ Wohl dem, der hier ein Büro hat.

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