Es gibt immer mehr häusliche Gewalttaten, doch Frauen in Not finden in Esslingen einen sicheren Hafen. Das Frauenhaus bietet Schutz und die Chance auf einen Neuanfang.
Fast jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. An jedem zweiten Tag gelingt es ihm. Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Lagebild des Bundeskriminalamts zu häuslicher Gewalt. Sie bestätigen, was manche schon lange wissen: „Statistisch gesehen ist der gefährlichste Ort für eine Frau das eigene Zuhause“, erklärt Hanna Frey, Mitarbeiterin des Esslinger Vereins Frauen helfen Frauen.
Die Zahlen zeigen auch, dass die Anzahl der Fälle von häuslicher Gewalt an Frauen jährlich steigt. Eine Entwicklung, die auch in Esslingen zu spüren ist. „Wir merken das sowohl an der Anzahl der Anrufe, die unsere Beratungsstelle erreichen, als auch an den Anfragen für das Frauenhaus“, erklärt Frey. Sie und ihre Kolleginnen, Katrin Heubach und Nadine Grupp, wollen betroffene Frauen ermutigen, sich Hilfe zu suchen, denn: „Sie sind nicht allein.“
40 Jahre Schutz: Das Esslinger Frauenhaus
In Esslingen gibt es seit 40 Jahren ein Frauenhaus. Träger ist der Verein „Frauen helfen Frauen“. In das Frauenhaus können gewaltbetroffene Frauen ab 18 Jahren einziehen. Sie können auch ihre Kinder mitnehmen. Eine Ausnahme besteht hierbei lediglich für Jungen ab 14 Jahren. Es sei wichtig, dass mögliche Triggerpunkte im Haus vermieden werden, sagen die Mitarbeiterinnen im Gespräch. Deswegen dürfen keine Männer oder ältere Jungen ins Haus. In solchen Fällen würde man aber gemeinsam nach Alternativen suchen.
Der Verein unterstützt Frauen auch durch Beratung und Intervention. Bei der Beratungsstelle können sich sowohl Betroffene selbst als auch Bekannte oder Familienmitglieder von betroffenen Frauen melden, telefonisch und per E-Mail. Anschließend werde der Dialog mit der Frau gesucht. „Wir machen verschiedene Perspektiven und Möglichkeiten sichtbar. Die Frau entscheidet dann selbstbestimmt, welchen Weg sie gehen möchte“, erklärt Nadine Grupp. Die Polizei werde dabei nur involviert, wenn die Frau beschließt, Anzeige zu erstatten.
Schritt für Schritt in die Sicherheit
Frauen, die Schutz und Sicherheit im Frauenhaus suchen, können sich ebenfalls telefonisch oder per Mail melden. Anschließend wird ein gemeinsamer Treffpunkt vereinbart, wo die betroffene Frau von einer Mitarbeiterin abgeholt und zum Frauenhaus gebracht wird. Vor Ort wird dann ein erstes Gespräch geführt. „Wir möchten der Frau erklären und aufzeigen, welche Möglichkeiten bestehen“, sagt Frey. Danach bekommen die Frauen genug Zeit, um anzukommen. „Oft müssen sie sich auch daran gewöhnen, wieder in Sicherheit zu sein“, erklärt Frey. Wenn eine Frau ein oder mehrere Kinder dabei hat, haben auch diese eigene Ansprechpartnerinnen im Haus. Außerdem gibt es zusätzliche Angebote wie zum Beispiel Kindergruppen oder Ausflüge in den Ferien.
Voraussetzung für die Aufnahme im Frauenhaus ist, dass ein Zimmer frei ist. Sollte dies nicht der Fall sein, suche man nach einer anderen Lösung. Zum Beispiel nach anderen Frauenhäusern über das Internet-Portal: www.frauenhaus-suche.de.
Solidarität und Eigenständigkeit im Frauenhaus
Die aufgenommenen Frauen wohnen im Haus allein oder mit ihren Kindern in einem Zimmer. Badezimmer, Küche, Wohnzimmer und Kinderzimmer werden gemeinschaftlich genutzt. „Die Bewohnerinnen sind untereinander solidarisch und unterstützen sich“, erzählt Frey. Sie versorgen sich und ihre Kinder selbst, gestalten ihren Alltag eigenständig und treffen ihre eigenen Entscheidungen. Die meisten von ihnen kommen nicht aus Esslingen, zu groß ist die Gefahr, dass sich Frau und Gefährder über den Weg laufen könnten.
Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses unterstützen die Frauen dabei, möglichst schnell wieder eigenständig auf eigenen Beinen stehen zu können. Bei finanziellen oder rechtlichen Fragen zum Beispiel oder bei Kontakten mit Ämtern oder Gerichten stehen sie zur Verfügung. Frauen ohne eigene finanzielle Mittel helfen sie, indem sie bei der Jobsuche unterstützen und notfalls Zugtickets oder Lebensmittel aus Eigenmitteln des Vereins übernehmen. Auch eine erste Stabilisierung der Frauen durch eine psycho-soziale Beratung ist Kernaufgabe.
Mutig sein, Zivilcourage zeigen und helfen
„Sie sind nicht allein, vielen Frauen geht es ähnlich. Wir sind da, um sie zu unterstützen“, möchte Nadine Grupp betroffenen Frauen sagen. Es brauche viel Mut, sich Hilfe zu suchen, dessen sind sich die Mitarbeiterinnen des Vereins bewusst. Auch Personen, die indirekt oder direkt Zeugen Häuslicher Gewalt werden, sollen Mut zeigen und sich trauen, Hilfe zu suchen. Auch wenn man vielleicht etwas aus einer anderen Wohnung im Wohnhaus mitbekommt, könne man klopfen und nach Mehl oder Zucker fragen, um die Situation zunächst zu unterbrechen, sagt Hanna Frey. Besteht Gefahr für das Leben, solle man die Polizei rufen. Wichtig sei vor allem anderen eines: „Nicht wegschauen.“
Das Esslinger Frauenhaus
Finanzierung
Frauenhäuser werden aus öffentlichen Mitteln finanziert. Das Esslinger Frauenhaus bekommt keinen festen Zuschuss, abgerechnet wird nach Tagessätzen und nur für belegte Plätze. Ohne Spenden oder Stiftungsgelder würde es laut den Mitarbeiterinnen nicht funktionieren. Geld- und Sachspenden nimmt der Verein entgegen. Weitere Informationen gibt es online: www.frauenhelfenfrauen-es.de/spenden/
Kontakt
Betroffene Frauen sowie Bekannte, Familienmitglieder oder Zeugen können sich telefonisch und per Mail beraten lassen. Die Beratungsstelle ist unter der Telefonnummer: 0711 / 35 72 12 erreichbar. Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, können sich über die Telefonnummer: 0711 / 37 10 41 oder die E-Mail-Adresse: frauenhaus@frauenhelfenfrauen-es.de melden.