Immer mehr von Gewalt Betroffene suchen Hilfe. Trotzdem bleibt die Dunkelziffer bei Fällen von häuslicher Gewalt weiterhin sehr groß. Foto: Mauritius//Westend61/Eloisa Ramos

In Waiblingen erreicht die Zahl der Fälle einen neuen Höchststand. Die Stadt macht auf das Thema aufmerksam, Aktivistinnen laden zur Kundgebung ein – und eine Beratungsstelle wartet weiter auf eine unbefristete Förderung.

An Weihnachten, dem Fest der Liebe, gehen die Zahlen stets nochmals nach oben. Aktuell weiß Angelika Neudek, die Beauftragte für Chancengleichheit der Stadt Waiblingen, von 70 Vorkommnissen häuslicher Gewalt, zu denen die Polizei allein in Waiblingen in diesem Jahr gerufen wurde. Damit liegt die Anzahl der in Waiblingen polizeibekannten Fälle häuslicher Gewalt jetzt schon höher als im gesamten vorigen Jahr 2021. Und doch sind diese 70 Fälle nur die Spitze des Eisbergs. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, sagt Neudek.

 

Zahl der Vorkommnisse ist auf einem Höchststand

Angesichts dieses Höchststandes mit Zahlen, die deutlich über jenen der Corona-Hauptzeit liegen – 2020 waren es 59 Fälle, im Jahr 2021 dann 66 Fälle – sei er erschrocken, sagt Waiblingens Erster Bürgermeister Ian Schölzel. Umso wichtiger sei es, als Stadt auf das Thema aufmerksam zu machen und dazu aufzurufen, „dass keiner wegschaut“.

Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen an diesem Freitag ist da ein guter Anlass. Wobei das Thema häusliche Gewalt längst nicht nur Frauen betreffe, berichtet Angelika Neudek: „Wir haben auch Fälle, in denen Frauen die Täterinnen und Männer die Opfer sind.“ Ein sichtbarer, symbolischer Hinweis auf den Gedenktag sind die Flaggen, die am Rathaus Waiblingen, am Kulturhaus Schwanen und beim Familienzentrum Karo am Alten Postplatz flattern.

Jugendgemeinderat verteilt Plakate

Konkrete Unterstützung können sich betroffene Frauen zum Beispiel bei einem speziellen Hilfetelefon des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend holen. Hinweisplakate, die auf die kostenlose Hotline-Nummer verweisen, werden schon seit Jahren in Waiblingen aufgehängt. Allerdings räumt Tina Greiner vom Verein Frauen im Zentrum Waiblingen (FraZ) ein: „In den vergangenen Jahren war unsere Aktion nicht so erfolgreich, man musste die Plakate mit der Lupe suchen.“

In diesem Jahr ist alles etwas anders, denn die Frauen im Zentrum haben im Jugendgemeinderat motivierte Mitstreiterinnen gefunden. „Wir haben es als unsere Pflicht gesehen, uns für das Thema einzusetzen und andere Jugendliche aufzuklären, damit jeder weiß, wo er sich hinwenden kann und dass er nicht alleine ist“, sagt die 18-jährige Lorena Reci. Zusammen mit Rebecca Schildmacher und Jasmin Hüsch hat die Jugendgemeinderätin Waiblinger Schulen und Jugendeinrichtungen abgeklappert. Nun hängen die Plakate auch in allen weiterführenden Schulen in Waiblingen sowie in den Jugendhäusern. „Wir haben an den Schulen offene Türen eingerannt“, sagt Angelika Neudek.

Hilfe für Opfer sexualisierter Gewalt

Eine der diversen Anlaufstellen für Gewaltopfer im Rems-Murr-Kreis – in diesem Fall für Frauen oder Männer, die sexualisierte Gewalt erfahren haben – ist das Beratungsangebot „Flügel“ von Pro Familia. Die Zahl der Hilfesuchenden werde erst nach Ablauf des Jahres öffentlich gemacht, sagt Agnes Perjesi, die Leiterin der Beratungsstelle. Klar sei aber bereits jetzt, dass sich „viel aufgestaut“ habe in der Coronazeit und der Beratungsaufwand für die einzelnen Betroffenen groß sei. Bis November hat das Team mehr als 500 Beratungen geleistet, es ist davon auszugehen, dass es auch bei der Zahl der polizeilich angezeigten sexuellen Gewalttaten einen Anstieg gegenüber den Spitzenwerten aus 2020 geben wird.

Die kostenlose und auf Wunsch anonyme Unterstützung im Zuge des 2010 zunächst speziell für Frauen gegründeten Projekts „Flügel“ ist also für etliche Betroffene im Landkreis dringend notwendig. Seit dem Jahr 2017 werden auch Männer beraten, die aktuell oder in ihrer Vergangenheit sexualisierte Gewalt erlebt haben. Lobende Worte bekommen Agnes Perjesi und das Pro-Familia-Team für das Projekt zwar häufig, allerdings gewährt der Landkreis, der das Angebot seit 2014 finanziell unterstützt, nach wie vor nur eine auf jeweils drei Jahre befristete finanzielle Hilfe. Danach muss jedes Mal der Kreistag über eine erneute Förderung entscheiden. „Ich bin natürlich dankbar, dass wir gefördert werden“, sagt Agnes Perjesi. Dennoch würde sie sich wünschen, dass die Entscheider nach zwölf Jahren Laufzeit des „Flügel“-Projekts ein politisches Signal setzen und grünes Licht für eine unbefristete Förderung der jährlichen Kosten in Höhe von 32 500 Euro geben würden.

Keine Kreistagsfraktion gibt „Flügel“ Rückenwind

Für den Kreishaushalt des kommenden Jahres hatte die Leiterin der Beratungsstelle deshalb einen Antrag auf unbefristete Förderung gestellt. Die Kreisverwaltung bezog zu dem Antrag Stellung: „Durch die stark erhöhte Anzahl der Beratungs- und Unterstützungstätigkeiten kann die beantragte unbefristete Fortsetzung der Finanzierung grundsätzlich nachvollzogen werden.“ Sie empfahl dann dennoch eine erneute Befristung auf drei Jahre. Weil keine der Kreistagsfraktionen eine unbefristete Förderung beantragte, bleibt zu Agnes Perjesis Bedauern alles wie gehabt: Das Projekt „Flügel“ wird nur für drei Jahre gefördert und muss weiter auf Rückenwind warten.

Aktionen und Hilfe für Ratsuchende

Veranstaltungen
Mit einer Kundgebung in Waiblingen machen die Frauen im Zentrum (FraZ) und der Verband Courage diesen Freitag auf den Tag gegen Gewalt an Frauen aufmerksam. Die Aktion beginnt um 16 Uhr auf dem Postplatz, dann geht es durch die Stadt bis zum Rathaus, wo bis gegen 17.30 Uhr eine Kundgebung abgehalten wird. In Fellbach gibt es auf dem Weg zwischen der Stadtbahn-Haltestelle Lutherkirche und der Hinteren Straße an diesem Freitag, 25. November, eine Plakataktion zum Thema. Auch das Fellbacher Netzwerk bei häuslicher Gewalt informiert zwischen 11 und 15 Uhr über Hilfsangebote.

Hotline
Das bundesweite Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr mit mehrsprachigen Ansprechpartnerinnen besetzt. Die Hotline-Nummer lautet 080 00/11 60 16. Im Rems-Murr-Kreis können sich Hilfesuchende zum Beispiel an Pro Familia wenden unter 0 71 51/9 82 24 89 40.