Rund 800 Besucher spazierten am Samstag durch den 1,3 Kilometer langen Rosensteintunnel. Foto: Uli Nagel

Ein spannender und informativer Spaziergang in 20 Metern Tiefe: Mehr als 800 Besucher waren beim Tag der offenen Tür im Rosensteintunnel am Samstag.

Stuttgart - Insgesamt acht große Stadttunnel betreut das städtische Tiefbauamt. Der längste mit 2,3 Kilometern ist der Heslacher Tunnel. Zuwachs bekommt die „Tunnelfamilie“ ab November mit dem Rosensteintunnel. Er ist zwar nur 1,3 Kilometer lang, wird aber die zweispurige Röhre in Heslach als größtes innerstädtisches Tunnelbauwerk ablösen. Warum, das erfuhren die Besucher beim Tag des offenen Tunnels am Samstag.

 

Andrang

„Wir waren schnell ausgebucht“, sagte Claus-Dieter Hauck, beim Tiefbauamt unter anderem auch für die Tunnelbauwerke verantwortlich. Insgesamt rund 800 Neugierige besuchten am Samstag die beiden Röhren samt Betriebszentrale. Der Einlass war an der Pragstraße, wo eigens wegen des Sicherheitsabstands eine Fahrspur gesperrt wurde. „Mehr als 20 Personen je Gruppe im Abstand von 15 Minuten waren nicht möglich“, bedauerte Hauck die Prozedur für die Besucher. Doch die übten sich ohne Murren in Geduld, bis sie über eine Treppe 20 Meter tief unter die Erde steigen durften.

Sicherheit

„Ein Brand kann sich in einem Tunnel rasant schnell ausbreiten“, so Claus-Dieter Hauck. Besonders kritisch seien besonders Lkw-Brände, was jedoch in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten nicht der Fall gewesen sei. „Wir haben jedes Jahr vielleicht einen brennenden Pkw – mehr Gott sei Dank nicht.“ Und für solche Feuer wurde in jeder Tunnelröhre eine Entrauchungsanlage installiert: In kurzen Abständen von etwa 50 Metern befinden sich in der Zwischendecke zum Abluftkanal Lüftungsklappen, die sich an der Stelle öffnen, an der der Brandherd durch Sensoren lokalisiert wird. „Damit wird die Gefahrenstelle von giftigem Rauch freigehalten“, so Hauck. Die giftigen Rauchgase werden anschließend von leistungsfähigen Ventilatoren in der Betriebszentrale über den Abluftkanal oberhalb der Zwischendecke durch die Kamine an der Pragstraße heraus befördert.

Betriebszentrale

Optisch wirkt das Herz des Tunnels eher langweilig: ein langer Gang mit vielen Türen. „Doch dahinter verbirgt sich modernste Technik“, verrät Jürgen Mutz, Leiter des Tiefbauamts. Darunter auch eine Geothermie-Anlage. Dafür wurden in der Tunnelinnenschale – ähnlich wie bei Fußbodenheizungen – Wärmetauscherleitungen verlegt. Die Anlage nimmt die Abwärme der Tunnelbetriebstechnik und des Autoverkehrs auf, ebenso die Wärme im Boden, und überträgt sie im Winter an das Wasser der Wärmetauscherleitungen. Mit einer Wärmepumpe wird dann ein nutzbares Temperaturniveau erreicht und für das Heizen in der Wilhelma genutzt. Im Sommer soll überschüssige Wärmeenergie in der Erde gespeichert werden. Die so gewonnene Wärme wird für die neue Elefantenanlage der Wilhelma verwendet. Viel Technik (insgesamt 200 Kilometer Kabel wurden verlegt), aber wenig Personal. „Die Betriebszentrale, in der alles automatisiert ist, wird natürlich täglich kontrolliert – von einem Mitarbeiter“, so Mutz.

Ausstattung

Der Tunnel verfügt über 16 Notrufkabinen und fünf Notrufnischen. Ausgestattet sind beide Röhren zudem mit insgesamt 103 Fluchtwegkennzeichnungs- und Orientierungsbeleuchtungen, einer Videoanlage mit 68 Kameras, einer Anlage mit 53 Lautsprechern sowie 18 Hydranten zur Löschwasserentnahme. Die Brandmeldeanlage in beiden Betriebszentralen haben 2200 Meter Temperaturfühler an der Decke, 56 manuelle Brand- und 172 Rauchmelder.

Verkehr

Als „alternativlos“, bezeichnete Stephan Oehler, Leiter Abteilung Verkehrsplanung beim Stadtplanungsamt, das Projekt – trotz der Kostendiskussion, die das Straßenbauprojekt von Anfang an verfolgt. Beim Baubeschluss 2012 lagen die bei 190 Millionen Euro, mittlerweile liegen sie – mit allem drum und dran – bei 456 Millionen Euro. Vor Jahrzehnten habe die Stadt einen Kurztunnel im Bereich der Wilhelma-Kreuzung als Lösung für das dortige Nadelöhr untersucht, zudem noch eine Tunnelvariante durch den Rosensteinpark im Bereich des Paketpostamts. „Der Rosensteintunnel, wie er sich bald dem Autofahrer präsentiert, ist die beste Lösung“, so Oehler, der in diesem Zusammenhang die geplanten Rückbaumaßnahmen nicht unterschlagen will.

Straßenrückbau

„Vor allem die Pragstraße ändert ihr Gesicht“, sagt Claus-Dieter Hauck. Unmittelbar nach Tunneleröffnung wird es nur noch zwei anstatt vier Fahrspuren geben. „Jeweils eine stadtein- und stadtauswärts auf der bebauten Seite“, so Hauck. Auf der Wilhelmaseite werde dann eine Interimsradspur eingerichtet, bevor es dann an den eigentlichen Rückbau gehe. Gut 17 Millionen stehen dafür zur Verfügung. „Wir werden nach der Eröffnung im Rahmen eines Verkehrsversuchs die Wilhelmsbrücke für Autos sperren.“ Und die Schönestraße? Die versprochene Radspur wird eingerichtet, bis sich dort der neue Rosensteintunnel jedoch bemerkbar mache, werde es noch dauern. „Denn die Umgestaltung des Leuzeknotens – und davon hängen die Fahrzeugzahlen in der Schönestraße ab – ist erst 2024 abgeschlossen.“