Dass das Ulmer Münster schützenswert ist, darauf können sich die meisten Leute einigen. Bei modernen Gebäuden scheiden sich aber oft die Geister – zumal, wenn sie nicht so spektakulär aussehen wie das Stadthaus neben dem Münster. Foto: Ulm/Neu-Ulm Touristik

Die Wohnungsnot in den Ballungsräumen verschärft nach Expertenansicht die Bereitschaft, alte Häuser zu beseitigen. Der Tag des offenen Denkmals am Wochenende soll den Besuchern zeigen, wie wertvoll viele historische Gebäude sind.

Ulm - Die Städte und Gemeinen, gerade im prosperierenden Südwesten, müssen etwas tun. Bezahlbare Wohnungen müssen her, in Zeiten exorbitant steigender Mieten nicht nur für sozial schwache Familien, sondern auch für Grundschullehrerinnen, Behördenangestellte, Polizeianwärter, Krankenschwestern, Studenten. Da steige die Bereitschaft vieler Bürgermeister, Platz für Neubauten freizuräumen, sagt der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, Claus Wolf. Immer häufiger geschehe das auf Kosten wertvoller historischer Gebäude. „Wenn Sie sagen, dass die Betonschule des örtlichen Gymnasiums aus den 70er Jahren ein Denkmal sei, etwa weil die Betonmischung von damals zum ersten Mal verwendet wurde, dann müssen Sie manchmal gucken, dass Ihnen der Bürgermeister nicht irgendwas hinterherschmeißt.“

Geld hilft in solchen Fällen, aber es gibt zu wenig davon – trotz der Fördermillionen aus dem Denkmalförderprogramm des Landes oder des Geldes der Denkmalstiftung Baden-Württemberg. Ein anderes Bewusstsein müsse her gegen die Abrisswut, fordert Wolf. Dass nicht nur mittelalterliches Fachwerk und Spitzgiebel schützenswert sind, haben die Denkmalschützer bereits demonstriert, als sie die vergleichsweise junge Neue Staatsgalerie in Stuttgart in die Landesdenkmalliste aufnahmen. In diesem Jahr widerfuhr dieselbe Ehre dem 1993 eröffneten Ulmer Stadthaus des Architekten Richard Meyer.

Bundesweite Eröffnung in Ulm

Ein Zufall war das nicht: Ulm ist am Sonntag Schauplatz der bundesweiten Eröffnungsfeier für den Tag des offenen Denkmals. Die Eigner von 8000 Objekten in 2500 Städten und Gemeinden sind laut der Stiftung Denkmalschutz wieder dabei. Erst einmal, vor elf Jahren, ist mit Esslingen eine baden-württembergische Stadt der zentrale Austragungsort der laut Stiftung „größten Kulturveranstaltung Deutschlands“ gewesen.

Die alleinige Verknüpfung von heimatlicher Identität mit den Bildern mittelalterlicher Mühlen oder Burgen hält auch Katrin Schütz, die CDU-Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, für bedenklich. Am Montag ist sie zu einer medienwirksamen „Denkmalreise“ durch das Regierungspräsidium aufgebrochen. Einer ihrer Besuchsschwerpunkte sind schützenswerte Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, im Volksmund als „Betonbunker“ oder „Vater-unser-Garage“ bezeichnet. Solchen Gotteshäusern geht es laut Wolf oft ähnlich wie etwa der geschützten Technischen Hochschule in Ulm. Der Campus, Ende der 50er Jahre von Günter Behnisch entworfen, bezieht seine Einmaligkeit aus der Tatsache, dass er bundesweit erstmals praktisch komplett aus Fertigteilen zusammengesetzt wurde.

Neue Perspektiven

Nicht allein auf die Erwärmung der Herzen, sondern auch auf historische Informationen, auf die Eröffnung neuer Perspektiven in der breiten Bevölkerung zielt der Tag des Denkmals. Dass am Samstag und Sonntag offene Werkstätten, Speedführungen, Denkmal-Rallyes und Konzerte die Vermittlung leichter machen, gerade für ein jüngeres Publikum, will die Stadt Ulm zeigen. Dort in der Pauluskirche spielt etwa die Gaechinger Cantorey ein Bach-Konzert; in der Wilhelmsburg über der Stadt tritt derweil die Jazzrock-Band Kraan auf die Bühne. Deren Mitglieder waren in den 70er und 80er Jahren ganz groß und sind inzwischen quasi selber Denkmäler: angejahrt, original und immer noch gut.

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