Das weiße Gebäude an der Klosterallee wurde früher als Pferdestall genutzt. Ein stilvolles Wahrzeichen in Weil, meint Martin Hahn Foto: Roberto Bulgrin

Mondänes Ambiente. Royales Flair. Tummelplatz der High Society. Die Pferderennbahn im heutigen Esslinger Stadtteil Weil lockte bis 1928 die Gutbetuchten an. Nun soll der historische Ort für einen Tag wieder zum Leben erweckt werden. Neue Visionen für ein altes Areal haben sich Studierende der Hochschule Technik in Stuttgart ausgedacht.

Esslingen - Sehen. Und gesehen werden. Die oberen Zehntausend im Festtagszwirn. Die Damen flott mit weißen Kleidern und Sonnenschirmen. Die Herren stattlich mit Melone, Frack und Krawatte. Herausgeputzt für den Besuch der Pferderennbahn im heutigen Esslinger Stadtteil Weil. 1928 fand dort das letzte Rennen statt, und der alte Glanz ist verflogen. Ein paar Gebäude, ein paar Postkarten, ein paar Straßennamen – wenig ist übrig vom Glamour vergangener Tage. Doch Studenten der Hochschule für Technik in Stuttgart haben sich Gedanken über eine neue Nutzung des Geländes um die Königsallee herum gemacht. Ihre Entwürfe, Ideen, Visionen können am „Tag des offenen Denkmals“ am Sonntag, 13. September, online abgerufen werden.

 

Spurensuche vor Ort

Spannung liegt in der Luft. Und der Geruch von Pferden und Wohlstand. Stimmengewirr. Anfeuerungsrufe. Temperamentsausbrüche. War es früher so? Fantasie ist gefragt. Denn dort wo einst Pferde für Wetten um die Wette liefen, befinden sich heute Häuser, Wohnblocks und Grünanlagen. Die Spurensuche in Weil mit Martin Hahn vom Landesdenkmalamt ist schwierig. Aber erfolgreich. Ein lang gestrecktes weißes Gebäude an der Klosterallee hinter den Unterkünften für Migranten. Der ehemalige Pferdestall des Gestüts. Wuchtig und beeindruckend. 1820 von Stararchitekt Giovanni Salucci als offene Dreiflügelanlage geplant. Die Fenster erinnern noch an die ehemalige Nutzung als Stall. Und etwa einen Kilometer außerhalb entlang der Straße An der Rennbahn das grellgelbe Gebäude draußen im Grünen. Heute ein Privathaus. In den beiden Seitenflügeln war früher das Wettbüro mit seinen Schaltern untergebracht. Und noch eine Spur - das Schlösschen Weil an der Königsallee. 1819 vom württembergischen König Wilhelm I. in Auftrag gegeben. Ein vom damaligen württembergischen Hofbaumeister Giovanni Salucci erbautes Landhaus. Im klassizistischen Stil italienischer Landvillen errichtet. Umgeben von einer Veranda aus Gusseisen. „Im Innern des heute privat genutzten Gebäudes haben sich zahlreiche bauzeitliche Deckenmalereien, Reliefs und Stuckaturen erhalten“, weiß Martin Hahn.

Der Rennbahn auf der Spur

Elegant. Extravagant. Exklusiv. Die Postkarten, Fotografien und Darstellungen der Rennbahn, die Martin Hahn mitgebracht hat, geben das mondäne Luxusflair wieder. Ein schwäbisches Ascot - zweistöckige, überdachte Tribünen, Flaniermeilen an der Rennstrecke entlang, Pferde und Reiter im waghalsigen Sprint. Eine Aufnahme zeigt den württembergischen König Wilhelm I. hoch zu Ross vor dem Schlösschen in Weil, dessen Silhouette sich in einem inzwischen verschwundenen Gewässer spiegelt. Royale Pracht. Im frühen 19. Jahrhundert war in Weil das königliche Gestüt eingerichtet worden, im Jahr 1891 wurde die Pferderennbahn angelegt. Eine feine Adresse: „Hier wurden edle Araberhengste und -stuten gezüchtet. Die Anlage war führend in Europa und hatte auch international einen sehr guten Ruf“, erinnert Martin Hahn: „Die Bedeutung, die damals der Bauaufgabe Reitstall zugemessen wurde, wird auch an der markanten architektonischen Form vieler Gebäude deutlich.“ Mit der Bahn seien die gut betuchten Besucher nach Esslingen gekommen, um dann mit Kutschen oder zu Pferde zur Rennbahn zu gelangen. Auch die zentrale Lage im Neckartal habe den Boom in Weil begünstigt. Doch 1928 wurde das letzte Rennen auf den Bahn ausgetragen, das Gestüt wurde 1932 aufgegeben. Die meisten Pferde wurden größtenteils in das heutige Haupt-und Landgestüt Marbach verlegt.

Neue Spuren auf dem Areal

Die Anlage verfiel. Die Wohnbebauung setzte ein. Moderne Stadtentwicklung verlangte neue Schwerpunkte. Zum Bedauern von Martin Hahn. Er wohnt im Esslinger Stadtteil Mettingen, kommt immer wieder auf Spaziergängen nach Weil und ist als promovierter Architekt beeindruckt von dem brachliegenden Potenzial des Areals der ehemaligen Rennbahn. Eine unendliche Spielwiese für Stadtplaner, fand er. Und da er einen Lehrauftrag an der Hochschule für Technik in Stuttgart hat, zeigte er seinen Studierenden der Fachrichtung Stadtplanung und Architektur die Flächen um die Königsallee in Weil, machte sie mit der Geschichte vertraut und regte sie an, sich Gedanken für eine neue Nutzung zu machen: „Das waren natürlich Gedankenspielereien, die Entwürfe kann man nicht eins zu eins umsetzen. Aber die Studierenden konnten sich so visionär austoben.“ Und die Ideen sprudelten – die Entwicklung eines echten Ortszentrums, ein Gebäude mit Gastronomie und Aufenthaltsqualität, der Wiederaufbau von Tribünen und die Austragung von Rasenspielen. Manche Studierende knüpften auch an die Tradition an und dachten über Veranstaltungen mit Pferden nach. Etwa Ponyreiten am „Tag des offenen Denkmals“. Und eine Art Lehrpfad wurde angedacht, bei dem sich die Besucher an verschiedenen Stationen über die Geschichte der Rennbahn informieren können. Drei Jahre lang hat Martin Hahn seine Studierenden im dritten Semester des Masterstudiengangs auf das Gelände in Weil angesetzt. In den beiden Vorjahren waren die jungen Erwachsenen vor Ort, 2020 geschah die Beschäftigung mit dem Areal Corona-bedingt virtuell. Doch die Pläne sind beeindruckend. Sie wurden in Poster-Form als PDF-Dateien abgescannt und können am „Tag des offenen Denkmals“ in Augenschein genommen werden. Neue Spuren früherer Zeiten.

Der „Tag des offenen Denkmals“

Der „Tag des offenen Denkmals“ wird am Sonntag, 13. September, Corona-bedingt virtuell organisiert. Am Veranstaltungstag werden unter www.esslingen.de/denkmaltag etwa 20 Beiträge zum Oberthema „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken“ frei geschaltet. Die Veranstalter empfehlen die Verwendung der Hashtags #DenkmaltagEsslingen oder #TagdesoffenenDenkmals. Die Filme, Bilderstrecken und „Digiwalks“, also virtuellen Rundgänge, sind vom Veranstaltungstag bis Mittwoch, 30. September, abrufbar. So sind auch die visionären Entwürfe der Studenten der Hochschule für Technik Stuttgart für das Gelände der ehemaligen Pferderennbahn in Esslingen-Weil zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.tag-des-offenen-denkmals.de .