Küssen, die intime Berührung der Lippen, kennen wir als liebevolle Geste der Zuneigung zweier Menschen Foto: Yakiv - stock.adobe.com

Bruderkuss, Zungenkuss, Handkuss: Der Kuss hat viele Varianten. Zum Tag des Kusses am 6. Juli erklären wir, woher das Ritual kommt und wie es sich verändert hat.

Klar ist: Der Kuss ist nicht nur ein Kuss. Hektor Haarkötter, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, hat dem labialen Kontakt gleich ein ganzes Buch gewidmet. Er begreift das Küssen als „berührende Kommunikationsart“, die kulturgeschichtlich unterschiedlich ausgeprägt ist und viele Facetten hat.

 

Geläufig ist uns heutzutage fast nur noch der Begrüßungs-, der Abschieds- und der Liebeskuss. Wir kennen das Küssen, die intime Berührung der Lippen, als liebevolle Geste der Zuneigung zweier Menschen sowie als habituelle Ausdrucksform, um sich Hallo oder Adieu zu sagen. Bereits in den altorientalischen Kulturen, wie etwa im antiken Persien, handhabte man den Kuss – je nach sozialer Stellung – als Zeremoniell der Begrüßung und Ehrerbietung. Unter Gleichrangigen gab es Mundküsse, Untergebene huldigten per fußfälliger Verehrung, Proskynese genannt. Eine Begrüßung der ganz anderen Art stellt der sozialistische Bruderkuss dar, der durch Erich Honecker und Leonid Breschnew anlässlich der Feier zum 30-jährigen Bestehen der DDR 1979 zu Berühmtheit gelangte.

Ein Kuss galt im Mittelalter wie ein Vertrag

Im Mittelalter war der Kuss fester Bestandteil im Rechtswesen und galt so viel wie heute ein unterschriebener Vertrag. Es gab den Friedenskuss zur Beilegung einer Fehde oder den Huldigungskuss als Zeichen der Unterordnung. Letzterer besiegelte die Abhängigkeit zwischen Lehnsherrn und Untergebenem, indem der Belehnte das Schwert oder den Ring seines Herrn küsste. Rechtlich bindende Wirkung hatte damals auch der Verlobungskuss, der noch heute im Hochzeitszeremoniell in der Redewendung „Sie dürfen die Braut jetzt küssen“ fortbesteht.

So facettenreich der Kuss auch sein kann, so umstritten ist unter Philematologen, wie die Kussforscher im Fachjargon heißen, die Frage nach seinem Ursprung. Theorien dazu gibt es diverse, gesicherte Beweise dagegen wenige.

Der Ursprung des Kusses ist so alt wie die Menschheit selbst. Noch bevor der Mensch die Schrift erfand, tauschte er Küsse aus. Die „Liebenden von Ain Sakhri“, eine rund 11 000 Jahre alte Skulptur nahe Bethlehem, ist die früheste Darstellung menschlicher Kopulation und des labialen Kontakts. Die frühesten schriftlichen Belege für das Küssen stammen aus Mesopotamien und sind dem dänischen Assyrologen Troels Pank Arboll zufolge rund 4500 Jahre alt.

Die Inuit küssen nicht, sie reiben die Nasenflügel

Allerdings ist das Ritual der Lippenberührung in der menschlichen Kultur nicht überall verbreitet. In anderen Weltregionen, wie etwa bei afrikanischen Kulturen südlich der Sahara oder auf Neuguinea, ist der Brauch gänzlich unbekannt. Dort wurden andere Arten der Liebkosungen praktiziert, sagt die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld. Auf den Troibriad-Inseln im Südosten Neuguineas etwa knabbern sich die Einwohner beim Liebesakt gegenseitig die Wimpern ab, während sich die Inuit die Nasenflügel reiben.

Doch nicht nur Menschen liebkosen und küssen sich, auch Tiere tun es. Tauben schnäbeln, Fische berühren am Mund. Und die Bonobos, Vettern der Schimpansen, geben sich sogar Zungenküsse – nicht in Paarungsabsicht, sondern als Versöhnungsgeste. Solche animalischen Verhaltensweisen geben Anlass zur Vermutung, dass der Kuss älter als die Gattung Mensch ist.

Ein altbekannter Ansatz, vertreten durch den österreichischen Verhaltensbiologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1928–2018), sieht eine Verbindung zwischen dem Küssen und der Weitergabe der Nahrung. Er führt das Küssen anhand von Beobachtungen bei Menschenaffen auf den Brutpflegetrieb zurück. Vorgekautes wird dem Nachwuchs über die Lippen verabreicht, für Eibl-Eibesfeldt ein Indiz dafür, dass das Küssen eine abgewandelte Form der Mund-zu-Mund-Fütterung sei.

Anders die Kusstheorie von Ingelore Ebberfeld; sie richtet den Blick zur Nase. Die Bremer Kulturanthropologin (1952–2020) suchte den Ursprung des Kusses im sexuellen Verhalten von Säugetieren, die sich zwecks Kontaktaufnahme gegenseitig am Hinterteil beschnüffeln und belecken. Im Laufe der Evolution, als aus den Vierbeinern aufrechtgehende Zweibeiner wurden, habe sich dann „die Kontaktaufnahme von unten nach oben verlagert“.

Laut Freud erinnert Küssen an das Saugen an der Mutterbrust

Für den Psychoanalytiker Sigmund Freud hingegen hat der Kuss eine rein sexuelle Bedeutung. Laut seiner Theorie empfindet der Mensch beim Küssen das Saugen an der Mutterbrust nach, weil die Nahrungsaufnahme ihm erste sexuelle Gefühle vermittelt hat. Der Mund bleibt demnach auch im Erwachsenenalter eine hochsensible erogene Zone. Doch was der Wiener Seelendoktor nicht bedachte: Nicht jedes Küssen ist erotischer Natur.

Wahre Kussweltmeister müssen die alten Römer gewesen sein. Glaubt man dem römischen Dichter Martial war die intime Berührung der Lippen als Ausdruck von Zuneigung und Liebe in den mediterranen Gefilden Italiens dermaßen verbreitet, dass es manch einem zu viel wurde. In Rom beispielsweise sei es schier unmöglich gewesen, „den Küssern zu entkommen“.

Ungleich keuscher ging es im christlichen Mittelalter zu. Küssen als Zeichen der Zuneigung galt der katholischen Kirche als sündhafte Aktivität. Fortan dominierte der rituelle Kuss: Statt auf den Mund küsste man sakrale Gegenstände, wie etwa den Fingerring des Papstes, Kruzifixe oder heilige Reliquien. Erst im Zeitalter der Renaissance und später der Romantik hatte der Kuss als sinnliche Berührung der Lippen wieder Konjunktur.

Doch die romantische Seite des Küssens hat auch ihre Schattenseiten. Denn beim oralen Kontakt werden nicht nur Endorphine und Hormone ausgeschüttet, sondern auch allerlei Mikroorganismen ausgetauscht – darunter auch Herpes labilis.

Bei jeder Lippenberührung werden Glückshormone freigesetzt

Dezidiert nachgewiesen hat das ein Forscherteam der Universität Cambridge um die Genetikerin Christiana Scheib. Anhand von rund 3000 vorgeschichtlichen und historischen DNA-Proben gelang es, die Evolution des Herpesvirus HSV-1 zu rekonstruieren. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass das Aufkommen des Kusses die Verbreitung des oralen Herpesvirus begünstigt hat. Unbewusst bereiteten die ersten Küssenden so einem Virus die Bühne, der bald weltweit seinen Siegeszug antrat. Einmal in der Welt, ging Herpes labialis viral: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind heute etwa 3,7 Milliarden Menschen unter 50 Jahren mit dem HSV-1-Erreger infiziert.

Trotz solcher unschönen Begleiterscheinungen hat der Mund-zu-Mund-Kontakt auch einen positiven Nebeneffekt. Man muss nicht unbedingt von der Muse geküsst worden sein, um zu wissen, dass Küssen gesund ist. Bei jeder Lippenberührung werden Glückshormone freigesetzt, was wiederum das Immunsystem ankurbelt. Fazit: Wer viel küsst, lebt länger!