Tag der Stadtgeschichte in Stuttgart November 1918 als Leerstelle in der Erinnerung

Von Julia Bosch 

Um die 150 Menschen sind zum 13. Tag der Stadtgeschichte ins Stuttgarter Stadtmuseum gekommen. Foto: Lichtgut/Michael Latz
Um die 150 Menschen sind zum 13. Tag der Stadtgeschichte ins Stuttgarter Stadtmuseum gekommen. Foto: Lichtgut/Michael Latz

Wie kam Deutschland zur Demokratie? Und warum wird die Novemberrevolution bis heute nicht richtig gefeiert? Darum ging es beim 13. Tag der Stadtgeschichte am Samstag im Stadtpalais in Stuttgart.

Stuttgart - Keine Straße, kein Platz und keine Gedenktafel weist in Stuttgart auf die Novemberrevolution 1918 hin; also auf das Ende des Ersten Weltkriegs, als die Monarchie im Deutschen Reich gestürzt und am 9. November 1918 die Weimarer Republik ausgerufen wurde. „Das ist eine Leerstelle der Erinnerungskultur“, sagte Günter Riederer vom Stuttgarter Stadtarchiv am Samstag im Stadtpalais. Dort haben zum 13. Tag der Stadtgeschichte mehrere Historiker rund 150 Besuchern die Novemberrevolution sowie die Auswirkungen auf Stuttgart erläutert.

„Das entscheidende Moment für die Revolution war die Sehnsucht nach Frieden nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg“, sagte der Stuttgarter Geschichtsprofessor Wolfram Pyta. „Doch es war Kaiser Wilhelm II. selbst, der den Frieden verhindert hat. Wäre er so weise gewesen, selbst rechtzeitig abzudanken, hätte man die Revolution noch eindämmen können.“ So aber hätten meuternde Matrosen und Soldaten die Revolution zunächst nach Kiel und später in das ganze Deutsche Reich gebracht. „Die Weimarer Republik wurde nicht einfach so ausgerufen, sondern entstand, weil die Monarchie revolutionär abgeschafft wurde“, betonte Pyta. In den Jahren danach aber sei die Novemberrevolution in den Köpfen der meisten Menschen zunehmend verschwunden, berichtete Stadtarchivar Riederer: „Das Leben ging danach einfach so weiter: Die Straßenbahnen sind gefahren, das Licht hat funktioniert und es kam warmes Wasser aus den Leitungen.“ In Stuttgart würden einige Menschen sogar so weit gehen, die Novemberrevolution als eine Art Betriebsunfall abzutun.

Die Feierlichkeiten verschwanden 1933 jäh

Zwar gab es in den danach Jahren einige Revolutionsfeiern, die vom sozialdemokratischen Milieu Stuttgarts organisiert wurden sowie Verfassungsfeiern am 11. August, um der Ausfertigung der Weimarer Verfassung 1919 zu gedenken. „Doch beide Feierlichkeiten verschwanden 1933 jäh, als Adolf Hitler die Macht übernahm“, sagte Riederer. Bis heute würde die Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Ausrufung der Weimarer Republik 20 Jahre zuvor verdrängen. „Aus meiner Sicht ist es höchste Zeit, die demokratischen Wurzeln Deutschlands mehr ins Stadtbild zu rücken“, schloss Riederer.

Lesen Sie jetzt