Angela Merkel. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Im Westen hätten die meisten Menschen die Wiedervereinigung als Zuschauer erlebt, sagt die Kanzlerin am Tag der Einheit. Den Osten habe dagegen „die Wucht der Einigung“ getroffen. Zum Einigsein müssten beide Seiten einander verstehen.

Kiel - Knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterschiedliche Wenderfahrungen in Ost und West betont und für mehr gegenseitiges Verständnis geworben. Zwar seien alle Deutschen heute „mit ihrem Leben insgesamt zufriedener als zu jedem anderen Zeitpunkt nach der Vereinigung“, sagte Merkel am Donnerstag beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel. Zur Bilanz nach 29 Jahren Wiedervereinigung gehöre aber auch, „dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen in der Bundesrepublik als Bürger zweiter Klasse fühlt“. Die staatliche Einheit sei vollendet. „Die Einheit der Deutschen, ihr Einigsein, das war am 3. Oktober 1990 noch nicht vollendet, und das ist es bis heute nicht.“

Zugleich warnte die Kanzlerin davor, ähnlich wie zu DDR-Zeiten „die Ursache für Schwierigkeiten und Widrigkeiten vor allem und zuerst beim Staat und den sogenannten Eliten“ zu suchen, „denen man sowieso nichts glauben könne und die dem Einzelnen irgendwie nur im Wege sind“. Ein solches Denken sei in ganz Deutschland zu beobachten. „Setzte sich ein solches Denken durch, führte das ins Elend.“

Freiheit hänge mit der Verantwortung des Einzelnen für eigene Entscheidungen zusammen. Mit Blick auf Menschen, die diese Verantwortung nur auf den Staat abladen wollten, sagte Merkel: „Niemals darf konkretes politisches Handeln - sei die Enttäuschung darüber auch noch so groß - als Legitimation dafür akzeptiert werden, andere wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung auszugrenzen, zu bedrohen oder anzugreifen.“

1989 als historischer Glücksmoment

Während die meisten Menschen in den alten Ländern die Wiedervereinigung als Zuschauer erlebt hätten, sei die Nachwendezeit für viele im Osten nicht nur mit positiven Erfahrungen verbunden. „Wir alle in Politik und Gesellschaft müssen lernen zu verstehen, dass nicht schon allein mit einer verbesserten wirtschaftlichen Lage auch die Identifikation mit unserer Demokratie einhergeht. Wir müssen lernen zu verstehen, was es für den Einzelnen bedeutete, als auf die Last der Teilung die Wucht der Einigung folgte.“

Beides müsse zusammengebracht werden: Die Revolution von 1989 als historischer Glücksmoment und die Anerkennung unterschiedlicher Lebenserfahrungen - „auch mit all dem Verlust von Lebensgewissheit in der Zeit danach“, sagte Merkel. „Beides muss Platz haben im Gedächtnis unserer Nation: Wahrgenommen werden und Anerkennung finden.“

Mehr Platz für die ostdeutschen Aspekte

Auch Bundesratspräsident Daniel Günther (CDU) wünschte sich, „mehr Platz für die ostdeutschen Aspekte unserer deutschen Geschichte“ und auf westdeutscher Seite mehr Sensibilität und Verständnis. „Die Ostdeutschen hatten es nach dem Zweiten Weltkrieg ungleich schwerer.“ Ihre Lebensläufe und biografischen Brüche in zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen „sind seit der Wende vielfach zu wenig berücksichtigt worden“, sagte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident zu Beginn des Festakts in Kiel.

Begonnen hatte die zentrale Feier mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kieler St. Nikolai Kirche, an dem neben Günther und Merkel auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, teilnahmen. Dabei riefen Kirchenvertreter zu Toleranz und Respekt in der Gesellschaft auf. Nur so könne das weitere Zusammenwachsen gelingen, hieß es.

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