Trotz der Digitalisierung stehen Büchereien bei Kindern und vielen Erwachsenen nach wie vor hoch im Kurs. Foto: dpa/Arne Dedert

Wissensspeicher, Informationsvermittler und kulturelle Einrichtung: Seit 1995 machen Bibliotheken am 24. Oktober auf ihre besondere Rolle aufmerksam. Auf den Fildern haben sich die Büchereien stark weiterentwickelt: weg von grau und verstaubt, hin zum Treffpunkt, der auch zu den Leuten kommt.

Filder - Verstaubt, grau und leise – das war früher einmal. Heute sind Büchereien Aufenthaltsorte. Ein Blick in die Stadtteilbibliothek in Stuttgart-Vaihingen: Knallbunt sind die Regalwürfel im Kinderbereich im Untergeschoss, sie laden die jungen Leser zum Stöbern in Büchern und audiovisuellen Medien ein. Auf großen Kissen können sie es sich gemütlich machen und schon mal in den Büchern blättern. Auch für die Erwachsenen gibt es Sitzecken. „Zwischen den Regalen finden Workshops und Vorlesestunden statt und machen die Inhalte der Medien lebendig“, sagt die Leiterin Andrea Schiller.

Darüber hinaus zeigt die Bücherei am Vaihinger Markt regelmäßig Ausstellungen im zweiten Stock, aktuell Impressionen aus Venedig von Klaus D. Bertl, Mitglied des Fotoclubs Stuttgart 1938, und gefaltete Buchobjekte von Susanne Jarsch. Zudem stehen auf allen drei Stockwerken Computerarbeitsplätze mit Internetzugang zur Verfügung. Der Bedarf nach solchen Arbeitsplätzen für Schüler, Studenten und Lerngruppen sei gestiegen, sagt Schiller. Im Schnitt verweilten die Nutzer ein bis zwei Stunden in der Bibliothek. Bei den „Stammlesern“ gehöre der Büchereibesuch fest zum Tages-, Wochen- oder Monatsrhythmus.

„Unsere Besucher haben ganz unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse; gemeinsam Lernende und gemütlich Lesende auf der einen Seite, Kindergruppen und Mütter mit Kleinkindern, die die Kinderbibliothek als Treffpunkt nutzen, die Vorlesestunden besuchen, mit den Kuscheltieren spielen oder Brettspiele testen, auf der anderen“, sagt Schiller. Ein „Psst“ bleibe daher nicht immer aus, „denn ohne Verständnis und Rücksicht aufeinander ist eine Stadtteilbibliothek, die für alle da sein will, nicht möglich“, sagt die Bibliotheksleiterin. (Sandra Hintermayr)

Teilweise sind Ehrenamtliche nötig

Nicht überall halten Profis den Bücherei-Betrieb aufrecht, in Musberg und Stetten beispielsweise sind es Ehrenamtliche, die sich entschieden haben, in ihrer Freizeit insbesondere Grundschulkindern Lesestoff zu bieten. „Die Ehrenamtlichen leisten tolle Arbeit“, sagt Uwe Janssen, der Vorsitzende des Fördervereins Stadtbücherei. „Die Schließung der beiden Standorte konnte so verhindert werden“, ergänzt er.

Die ehrenamtlich betriebene Musberger Bücherei gibt es seit zehn Jahren, jene in Stetten etwas kürzer. Die Ausleihzahlen sind stabil. „Es läuft gut“, sagt Janssen. Dennoch beschreibt er das Angebot als einen Kompromiss. Denn nur Profis, also ausgebildete Fachkräfte, könnten die Nutzer wirklich beraten – ihnen beispielsweise sagen, wie sie an seriöse Informationen zu einem Thema kommen, das für die Schule oder den Beruf gebraucht wird. „Das können Ehrenamtliche nicht“, sagt Janssen.

Auch deshalb richten sich die ehrenamtlich betriebenen Büchereien insbesondere an Grundschüler. In Stetten gibt es auch ein paar Medien für Erwachsene, weil in diesen Stadtteil viele ältere Menschen leben. In Musberg beschränkt man sich neben den Kinderbüchern weitgehend auf Eltern-Ratgeber und ein paar Zeitschriften.

In den Stadtbibliotheken Echterdingen und Leinfelden derweil „gibt es den Service, den moderne Büchereien bieten sollten“, sagt Janssen: Bücher für Kinder und Erwachsene, Spiele, Filme, Musik-CDs, Zugang zum Internet. Dorthin gehe man mittlerweile auch, ohne etwas ausleihen zu wollen.

Der Förderverein ruft im Übrigen in diesem Jahr wieder dazu auf, den Büchereien Bücher zu kaufen. Die Aktion läuft noch bis zum 26. Oktober. (Natalie Kanter)

Papierfraß gibt es nur noch in den großen Büchereien

Große Bibliotheken wie die Landesbibliothek mit mehreren Millionen Büchern leiden unter Papierfraß, der altersbedingten Auflösung durch Säure im Papier. Der Erhalt kostet stolze Summen. „Dieses Problem haben wir nicht“, sagt Klaus-Peter Aiple von der Universitätsbibliothek Hohenheim. „Wir haben rund 360 000 Bände“, sagt er. Im Bestand steige der Anteil elektronischer Medien stetig. „Wenn wir neue Bücher kaufen, nehmen wir, je nach Fach, verstärkt E-Books.“ Der Anteil der elektronischen Medien bei den wissenschaftlichen Zeitschriften für Agrar- und Naturwissenschaften liege bei rund 90 Prozent. „Wir bieten diese Dokumente als PDFs an, auf welche die Studenten von ihren Arbeitsplätzen zugreifen können“, sagte Klaus-Peter Aiple. Im Gegensatz zu Stadtbüchereien bekämen die Studenten die Exemplare nicht zusammen mit einem Reader in die Hände. Eine große Herausforderung für die Unibibliothek seien die Budgets. „Im Medienbereich sind die Preissteigerungen eklatant. Wir versuchen, mit wissenschaftlichen Verlagen gute Verträge für E-Journals und Fachdaten abzuschließen. Eine Bibliothek soll nämlich stets aktuell, aber auch noch finanzierbar sein.“ (Götz Schultheiß)

Öffentliche Bücherregale werden immer beliebter

Wenn sie oder ihre Kollegen am Morgen ein Buch in das Bücherregal vor dem Bezirksrathaus in Plieningen stellen, dann erlebe dieses nicht mehr die Mittagspause, sagt Andrea Lindel. Laut der Bezirksvorsteherin von Plieningen und Birkach sei das Bücherregal „megamegamegafrequentiert“, es stünden quasi ununterbrochen Menschen davor und schauten die Lektüre durch.

Mittlerweile gibt es an zahlreichen Stellen auf den Fildern Orte, an denen man ausgemusterte Bücher abstellen darf – und andere sie wieder kostenfrei mitnehmen. Nicht immer sind dies Regale, teilweise dienen auch ausgehöhlte Bäume als Bücherregal, in Waldenbuch eine ehemalige Telefonzelle.

Damit die Bücherregale nicht zur Mülldeponie verkommen, braucht es aber auch Leute, die sich kümmern. In Plieningen schaut entweder Andrea Lindel selbst oder einer der FSJler mindestens einmal täglich nach dem Bücherregal. „Wir investieren etwa zehn Minuten am Tag“, sagt Lindel. So müssten zum Beispiel Zeitschriften oder andere Gegenstände, die wegfliegen könnten, aus dem Regal entfernt und ins Altpapier verfrachtet werden. Auch CDs, DVDs oder Altkleider hätten in Bücherregalen nichts zu suchen.

Solange es sich aber um Bücher handle, werde nicht zensiert, betont Lindel. „Lediglich pornografisches Material und erkennbar rechtsradikale Schriften entsorgen wir.“ Alles andere bleibe drin, denn „Geschmäcker sind eben verschieden“. (Julia Bosch)

Die Bücherbusse kommen zu den Leuten

Lena Schöller ist zum ersten Mal im Bücherbus. Normalerweise geht die junge Mutter lieber in die Stadtteilbibliothek in Degerloch. Doch mit drei kleinen Kindern war ihr die Fahrt mit Bus und Bahn heute zu stressig. Dann lieber mal den Bücherbus direkt um die Ecke testen. Der steht jeden Donnerstagnachmittag vor der Grundschule in Sillenbuch – und der Andrang ist groß.

Kein Wunder, denn in dem umgebauten Gefährt ist Platz für 5000 Medien. Es gibt viele Kinderbücher, Zeitschriften, Hörbücher, DVDs und Computerspiele. Auch die Erwachsenen kommen auf ihre Kosten. Das Angebot reicht von Sachbüchern über Romane bis hin zu Reiseführern. Im hinteren Teil des Busses gibt es sogar eine Leinwand, einen Beamer und einen Laptop, um zum Beispiel mal eine Bilderbuchschau zu zeigen.

Inzwischen hat sich Lena Schöller mit ihren drei Jungs durch das Gedränge zu den Kinderbüchern vorgearbeitet. Der zweijährige Bruno hält bereits einen Yakari-Band in der Hand, den er nicht mehr hergeben will. Der kleine Indianer steht bei ihm derzeit hoch im Kurs. Sein Bruder Paul, drei Jahre, interessiert sich hingegen mehr für ein Ritter-Sachbuch und Geschichten von den Olchies. Auch der fünfjährige Henri ist fleißig am Stöbern.

Das Besondere am Bücherbus: „Wir haben immer die aktuellen Sachen dabei“, sagt Sabine Fischer-Uhl. Die Diplom-Bibliothekarin ist die Leiterin der Stuttgarter Fahrbücherei. Zu dieser gehören die beiden Busse Max und Moritz. Ihr Magazin mit 39 000 Medien haben sie am Ostendplatz. Die Bücherbusse gibt es, weil es nicht überall in Stuttgart Stadtteilbibliotheken gibt. Das Ziel ist es, den Bürgern Bücher und andere Medien im wahren Wortsinn näher zu bringen. Vormittags sind Max und Moritz an den Grundschulen und Kindergärten. Im Laufe seines zweiten Schuljahrs bekommt jedes Kind in einem der Busse seinen Bibliotheksausweis. Nachmittags öffnen die Busse für alle. „Wir haben auch viele erwachsene Stammkunden“, sagt Fischer-Uhl, und viele kennt sie mit Namen. An Wochenenden ist das Team der Fahrbibliothek auch immer wieder bei Festen und kulturellen Veranstaltungen anzutreffen.

Lena Schöller und ihren Kindern hat der Besuch im Bücherbus an diesem Nachmittag gefallen. Auch wenn das Angebot doch ein bisschen klein sei, wie sie kritisch bemerkt. Ihr großer Wunsch ist eine Stadtteilbibliothek in Sillenbuch. (Alexandra Kratz)

Zahlen und Fakten

Leser: Die Nutzerzahlen in den Büchereien Stuttgart, Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen haben sich in den vergangenen 20 Jahren ganz unterschiedlich entwickelt. Filderstadt hat ein Minus, 5700 Leser in 1998, 4300 in 2018. Leichter Anstieg in L.-E.: 4058 in 1998, 4308 in 2018. Ein sattes Plus in Stuttgart, wobei man dort lieber Besucher statt Leser zählt: 1,8 Millionen vor 20 Jahren, knapp 3,5 Millionen heute.

Ausleihzahlen: Die Ausleihen sind in Filderstadt runtergegangen: 281 00 in 1998, 258 000 in 2018. In L.-E. ging es nach oben: von knapp 200 000 auf knapp 300 000. Ein Plus auch in Stuttgart: Dort stiegen die Ausleihzahlen der Medien von gut vier Millionen auf knapp sechs Millionen.

Kosten: Am günstigsten ist der Leseausweis in Filderstadt: 18 Euro für Erwachsene. In Stuttgart zahlt man 20 Euro, in L.-E. sind es 25 Euro. Kinder zahlen überall nichts. (Judith A. Sägesser)

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