Die Wohngruppe Chamäleon hat im Kirchheimer Steingau-Quartier gemeinsam ein Wohnhaus gebaut. Foto: Ines Rudel

Verschiedene Wohnmodelle lernten die Teilnehmer des Tags der Architektur im Kreis Esslingen kennen. Moderne Ästhetik und zukunftsweisende Raumkonzepte standen im Fokus der Touren.

Wie ein Fels in der Brandung steht das Haus der Familie Wächter am Waldrand von Roßwälden. „Einen Monolithen“ hat der Esslinger Architekt Thomas Sixt Finckh in dem Ortsteil von Ebersbach gebaut. Der Besuch in dem Einfamilienhaus war Teil der Rundfahrt am Tag der Architektur. Bei der Busfahrt im Kreis Esslingen entdeckten die 30 Teilnehmenden die Vielfalt des Baumaterials Beton, das sich zunehmend im Wohnungsbau durchsetzt. Im Gespräch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern lernten die Gäste unterschiedliche Wohnmodelle kennen.

 

An dem heißen Sommertag erlebten die Gäste bei der vierköpfigen Familie Wächter, dass die Räume angenehm kühl blieben. An rohen, dunkelgrauen Wänden hängen bunte Bilder, die die Kinder Emma und Mats gemalt haben. Mit der Einrichtung schaffen Jan und Franziska Wächter in ihrem Haus eine warme Atmosphäre, obwohl dem Baumaterial Beton eher kühle Schlichtheit zugeschrieben wird.

Beim Wettbewerb „Beispielhaftes Bauen“ ist das Haus ausgezeichnet worden. „Solche Baukunst muss erschwinglich sein“, sagt Finckh, der Vorsitzender der Esslinger Kammergruppe ist. Deshalb hat er mit der Familie Wächter einen Finanzierungsplan ausgetüftelt, der ihr das anspruchsvolle Projekt ermöglichte. In dem Budget war sogar ein Schwimmteich im Garten drin.

Laien mit neuen Trends vertraut machen

Finckh möchte am Tag der Architektur Laien mit neuen Trends vertraut machen. Auch die Nürtinger Kammergruppe hatte zu einer Tour eingeladen. Die führte zum Holzparkhaus in Wendlingen und zum neuen Kindergarten in Kirchheim-Lindorf. „Wir müssen in der Architektur umdenken, denn Raumkonzepte sollten sich mit dem Leben der Menschen entwickeln“, sagt Finckh. Deshalb hat das Haus der Familie Wächter eine Einliegerwohnung, „damit dort später unter Umständen die Eltern einziehen können.“ Zukunftsperspektiven denkt der Architekt beim Planen stets mit. Weil Grundstücke in den Kommunen knapper werden, könne man sich kaum leisten, „dass ein Ehepaar alleine in einem riesigen Haus lebt, wenn die Kinder ausgezogen sind.“ Viele Menschen träumten vom Eigenheim, „und diese Träume sollten wir als Architekten erfüllen“.

Zugleich haben Finckh und seine Kollegen Wohnmodelle für Generationen im Blick. Wie solche mehrgeschossigen Wohnungen aussehen können, zeigt das Beispiel der Wohngruppe Chamäleon im Kirchheimer Steingau-Quartier. „Der Begriff gründet auf der Idee eines sich der Situation anpassenden Wesens, das Veränderungen zulässt, aushält und auffängt, ohne sein Konzept zu verlieren“, erklärt der Kirchheimer Architekt David Brodbeck.

Da haben vier Familien zusammen ein Haus gebaut, die sich vorher nicht kannten. „So war es möglich, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, sagt Brodbeck. Er hat das Projekt mit seinem Büro Mehr*Architekten realisiert, das er mit Jens Rössler und Florian van het Hekke gegründet hat. Junge Familien und ältere Menschen, die neu starten wollen, leben dabei unter einem Dach. „Jeder ist für sich, aber wir begegnen einander“, sagt Margit Schmelz. Die Rentnerin lebt mit ihrem Mann im Erdgeschoss. „Weil eine Bewohnerin eine kleinere Wohnung wollte, haben wir eine Etage höher noch ein Gästezimmer mit Bad bekommen“, schwärmt Schmelz. Die Wohnungen sind im Stil eines venezianischen Palazzo geschnitten, sagt Brodbeck: „wie ein großer, durchgestreckter Saal.“ Fließende Übergänge prägen das Raumkonzept. Rohe Wände aus Recycling-Beton prägen das Bild. Auf diesem Untergrund kommen die Bilder und Plakate der Familie Schmelz stark zur Geltung.

Das Miteinander der Generationen klappt

Wie klappt das Miteinander der Generationen? „Man hilft sich gegenseitig“, sagt Schmelz. Miteinander ins Gespräch zu kommen, das klappe gut. „Wenn wir Lust haben, gehen wir mit einer Flasche Sekt auf den Dachgarten. Da ist immer jemand.“ Begegnung ist auch in den mit Bäumen, Betten und Büschen begrünten Innenhöfen möglich, die das Quartier prägen. In Zeiten des Klimawandels sind Schattenräume unverzichtbar.

Die Rundfahrt endete im ästhetisch bemerkenswerten Zweckbau der Kirchheimer Brauerei „Braurevolution“, einer Konstruktion aus Stahl, Beton und Oberlichtern aus Polycarbonat. Der Bau mit der eigenwilligen Dachform, asymmetrisch und an einen Schornstein erinnernd, prägt das Projekt. Mit dieser Bauästhetik knüpften Brodbeck und sein Team „an die markanten Industriebauten früherer Jahrhunderte an, wie man sie etwa im Neckartal findet.“