Wenn ein Elternteil viel zu früh stirbt, stehen junge Menschen mit ihrer Trauer oft alleine da. Das Angebot „Du fehlst mir“ bringt Betroffene zusammen und schafft Raum zum Trauern und Erinnern.
„Papa hatte einen Unfall. Er ist tot.“ Ein Satz, bei dem die Welt plötzlich stehen bleibt. Alles, was zuvor vermeintlich wichtig war, spielt keine Rolle mehr. Früher oder später verliert jeder seine Eltern. Passiert das aber viel zu früh, nimmt es einen großen Einfluss auf das restliche Leben der hinterbliebenen Kinder. Das Leben teilt sich für immer in ein Davor und ein Danach. Für Kinder und Ehepartner gibt es in der Region zahlreiche Anlaufstellen, die den Leidtragenden beistehen.
Doch was, wenn man Anfang 20 ist, einem die Welt offen steht und die Nachricht bekommt, dass ein Elternteil verstorben ist? Das Angebot für junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren ist rar. Es scheint, als sei man ab der Volljährigkeit erwachsen genug, um diesen Schicksalsschlag alleine oder mit Familie und Freunden bewältigen zu können. Doch wer hat in diesem Alter schon Erfahrung mit Trauer?
Freunde trauen sich nicht, den Tod anzusprechen
„Viele meiner Freunde trauen sich nicht das Thema ansprechen, weil sie nicht in der Wunde bohren möchten“, sagt Lena Hartmann. Die 23-Jährige besucht die Trauergruppe „Du fehlst mir“ der katholischen Erwachsenenbildung Ludwigsburg. Dort gibt es regelmäßig Angebote für Trauernde zwischen 18 und 35 Jahren. Anfangs war sie sehr skeptisch. Sie habe das Bild einer Selbsthilfegruppe vor Augen gehabt, da wollte sie in keinem Fall hin. Es habe sie viel Überwindung gekostet, zum ersten Abend zu gehen. „Ich bin sehr glücklich, dass ich hier bin. Ich wüsste nicht, wie ich heute damit umgehen würde, wenn ich nicht hier wäre“, erzählt sie. Teilnehmer kommen extra aus Tübingen, Ulm oder Schwäbisch Hall, weil es im Land kaum Angebote gibt.
Bei den regelmäßigen Treffen hat sie eine ihrer besten Freundinnen Nele Remmert kennengelernt. Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Gespräche über ihren Verlust kaum stattfinden. „Ich kann mit meiner Familie schlecht darüber sprechen. Das ist für mich auch ein Grund, warum ich gerne hier her komme“, sagt die 22-Jährige. Auch im Freundeskreis fühle sie sich oft schlecht, das Thema anzusprechen. Sie wolle ihre Freunde nicht damit belasten. „Viele sagen, ich kann mich jederzeit melden. Aber das macht man ja nicht.“ Viele junge Menschen wollen über den Verlust sprechen, jedoch niemandem zur Last fallen.
Wie sollen sich Mitmenschen verhalten?
Doch wie sollten sich Mitmenschen in einer solchen Situation verhalten? Remmert habe es geholfen, wenn Menschen aktiv auf sie zugegangen sind. Teresa Renier hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Am meisten hilft es, wenn man direkt fragt: Was möchtest du?“ Es gebe verschiedene Wege, mit der Trauer umzugehen. Manche wollen darüber sprechen, andere möchten nur nicht alleine sein. Kommunikation sei viel besser als „der Eiertanz“, den viele machen. Die 32-Jährige war zuvor in einer anderen Trauergruppe. Überwiegend waren dort Menschen über 65 Jahre. „Ich persönlich empfinde es als etwas anderes, wenn jemand mit 80 seinen Partner verliert oder mit 20 sein Elternteil. Für mich hat das eine andere Qualität.“ Die Trauer verstehe sie natürlich, doch sich damit zu identifizieren, viele ihr schwer.
Die Trauergruppe ist für die jungen Menschen ein Ort, an dem sie die Zeit und den Raum bekommen, darüber zu sprechen. Oder auch nicht. „Man hat jederzeit die Chance, nur zuzuhören, einfach da zu sein“, sagt Hartmann. Die Psychologin Johanna Schwarz leitet gemeinsam mit Michael Friedmann die Gruppe. Die jungen Menschen sollen Zeit für sich, ihre Gedanken, für Austausch in der Gruppe, für Erinnerungen und Kreatives haben. „Ich bekomme von den Teilnehmern mit, dass das Verbundensein mit sich, der verstorbenen Person und untereinander wirklich hilft“, sagt Schwarz.
Männern fällt es schwerer, über Gefühle zu sprechen
Auffallend ist der geringe Männeranteil der Gruppe. „Grundsätzlich kann man schon feststellen, dass es Männer in unserer Gesellschaft schwer haben, über ihre Gefühle zu sprechen. Und bei einer Gruppe, die auf Sprechen ausgelegt ist, ist das natürlich deutlich spürbar“, so Schwarz. Gebhard ist einer der wenigen Männer, die an der Gruppe teilgenommen haben. „Besonders im ersten Jahr nach dem Tod meines Vaters war ich froh, einen Ort zu haben, um Trauer zulassen zu können“, sagt der 40-Jährige. Er würde sich freuen, wenn mehr Männer das Angebot annehmen würden.
Beim Satz „Zeit heilt alle Wunden“ müssen die jungen Menschen schmunzeln. Zu oft haben sie das schon gehört. „Mir macht der Satz Druck, weil ich denke, es muss ja besser werden“, sagt Remmert. Die Teilnehmenden sind sich einig: Die Trauer geht mit der Zeit nicht weg, sie verändert sich nur. Kommentare von Außenstehenden, dass man „doch endlich mal darüber hinweg kommen solle“ sind leider nicht selten. „Es gibt immer noch Momente, in denen die Trauer stärker wird“, sagt Gebhard. Das seien häufig besondere Momente im Leben wie das Ende der Ausbildung, die eigene Hochzeit oder die Einschulung des Kindes.
Für diese Zeit hat jeder individuelle Strategien, die in der Trauer helfen. „Wir haben eine Weihnachtskugel gebastelt, die liegt immer im Wohnzimmer. Wenn ich die anschaue, muss ich schmunzeln“, sagt Hartmann. Mit der Zeit überwiegen die schönen Erinnerungen vor der tiefen Trauer.
Angebote für Trauernde
Trauergruppe
Am 22. April beginnt eine neue Trauergruppe mit 5 Themenabenden. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange der Todesfall zurückliegt. Das Angebot ist kostenlos.
Offene Angebote
Michael Friedmann und Johanna Schwarz planen regelmäßig verschiedene Angebote. Beispielsweise Wintergrillen, Klettern oder ein gemeinsames Afterwork. Die Angebote sind für Menschen jeden Geschlechts gedacht. Termine sind auf Instagram @dufehlstmir.lb zu finden oder bei: www.keb-ludwigsburg.de/angebote-fuer-trauernde.de.