Um Geld zu sparen drehen viele Raucher ihre Zigaretten selbst Foto: dpa

Immer mehr Raucher weichen auf Bläh-Tabake zum Selberdrehen aus. Dadurch gehen dem Fiskus Steuereinnahmen verloren. Auch Gesundheitspolitiker drängen auf höhere Steuer.

Berlin - Anfang des Jahres hatte unsere Zeitung berichtet, dass nach der Bundestagswahl die Tabaksteuer auf Feinschnitt über die ohnehin geplante Anhebung hinaus noch etwas kräftiger ansteigen soll. Das Bundesfinanzministerium dementierte umgehend und in eindeutiger Form.

Inzwischen verdichten sich aber die Hinweise, dass die Steuer doch steigen soll. Während die Union in Berlin Sondierungsgespräche mit SPD und Grünen führt, darf spekuliert werden: Bricht Finanzminister Wolfgang Schäuble am Ende sein Wort?

Aufhorchen lässt, dass eine mögliche Tabaksteuererhöhung am Rande Gegenstand der Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD war. Und zwar in indirekter Form: Die Union hatte in den Gesprächen deutlich gemacht, dass sie nicht von ihrem zentralen Wahlversprechen abrücken werde, die Steuern zu erhöhen. Sie soll dem Vernehmen nach allerdings in einem einzigen Punkt Steuererhöhungen nicht kategorisch ausgeschlossen haben – bei der Tabaksteuer.

Nach Informationen unserer Zeitung sind Fachbeamte des Ministeriums schon seit längerem im Gespräch mit der Branche über eine außerplanmäßige Erhöhung der Tabaksteuer beim Feinschnitt. Hintergrund ist, dass immer mehr Raucher die hohen Preise bei den Fabrikzigaretten umgehen und dazu übergehen, ihre Zigaretten selbst zu drehen. Selbst gedrehte sind deutlich billiger zu haben als Fabrikzigaretten. Der Grund: Die steuerliche Belastung einer Fabrikzigarette ist deutlich höher als beim Feinschnitt. Je Zigarette des Marktführers Marlboro kassiert der Fiskus derzeit etwa 15 Cent. Für eine Zigarette, die ein Raucher sich selbst aus Feinschnitt dreht, sind dagegen nur sechs Cent Steuer fällig.

Neueste Absatzzahlen der Branche belegen, dass der Trend zum Feinschnitt ungebrochen ist. Von Januar bis September brach der Absatz der Fabrikzigarette weiter ein. 2012 wurden in diesem Zeitraum gut 55 Milliarden Zigaretten ausgeliefert, 2013 waren es nur noch gut 53 Milliarden Stück. Dies ist ein Rückgang um knapp vier Prozent. Dagegen boomt eine spezielle Art des Feinschnitt-Tabaks. Von den sogenannten Volumen-Tabaken wurden von Januar bis September 2012 5082 Tonnen am deutschen Markt ausgeliefert. In diesem Jahr waren es mit 5721 Tonnen bereits gut zwölf Prozent mehr.

Hersteller von Feinschnitt wie etwa Reemtsma und Philip Morris haben die Volumen-Tabake auf den Markt geworfen, um den Feinschnitt-Absatz noch weiter anzuheizen. Dabei handelt es sich um einen Tabak, der künstlich aufgebläht ist. Weniger als ein halbes Gramm dieser Bläh-Tabake reicht bereits aus, um sich eine Zigarette zu drehen.

Das Steuerprivileg für Feinschnitt beruht im Übrigen nicht auf einem Zufall. Politik und Branche wollten vielmehr ganz gezielt einkommensschwächeren Rauchern eine preisgünstige Alternative zur höher besteuerten Fabrikzigarette anbieten. Erklärtes Ziel war dabei stets auch, den Zigarettenschmuggel einzudämmen. Lange ging das Kalkül auch auf, der Feinschnitt lag preislich zwischen der Schwarzmarkt-Ware und der Fabrikzigarette. Doch dann entwickelten die Hersteller Volumen-Tabake. Und damit war die steuerliche Kalkulation hinfällig. Bei der Konzeption der Tabaksteuersätze war die Politik nämlich noch davon ausgegangen, dass etwa ein Gramm Feinschnitt-Tabak verwendet wird, um eine Selbstgedrehte herzustellen. Tatsächlich wird aber nur die Hälfte benötigt.

Dies führt dazu, dass Schmuggelzigaretten vielerorts teurer verkauft werden als die entsprechende Menge Feinschnitt. Wer sich in diesen Tagen aus Volumen-Tabak Zigaretten selbst dreht, zahlt bei einer beliebten Marke für 19 Stück etwa 1,40 Euro, aus klassischem Feinschnitt kostet die gleiche Menge etwa zwei Euro. Schmuggelzigaretten sind preislich deutlich höher angesiedelt.

Zurück zu den Sondierungsgesprächen in Berlin: In der Branche gilt es als sehr wahrscheinlich, dass eine Erhöhung der Steuer auf Feinschnitt in den Koalitionsverhandlungen wieder aufgerufen wird. Das Finanzministerium hat Modelle in der Schublade. Auch die Branche hat diverse Pläne durchgerechnet. Sie will vorbereitet sein.

Bei höheren Steuersätzen auf Tabak sind sich Finanz- und Gesundheitspolitiker schnell einig. Das Ausweichen der Raucher auf steuerprivilegierten Feinschnitt beschert dem Fiskus kräftige Einnahmeausfälle. Und Gesundheitspolitikern ist der immer höhere Feinschnitt-Konsum ohnehin ein Dorn im Auge, weil der Raucher dabei einer wesentlich höheren Schadstoffbelastung ausgesetzt ist als beim Konsum der Fabrikzigaretten. Es ist also alles angerichtet für den Wortbruch.

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