Rauchte einst bis zu fünf Schachtel Zigaretten pro Tag: Serge Gainsbourg Foto:  

Ein Hauch von Frankreich verschwindet: Im Land der Gauloises und Gitanes schließt die letzte Zigarettenfabrik ihre Pforten. Die Produktion wird Opfer der veränderten Rauchergewohnheiten und Gesundheitskampagnen.

Paris - Die kleine Meldung von Ende November machte keine Schlagzeilen, obschon sie das Ende einer Ära bedeutet: In der Stadt Riom in der Auvergne schließt im Verlauf des kommenden Jahres das letzte nationale Zigarettenwerk, das unter anderem die Zigaretten der berühmten Marke Gauloises herstellt. 239 Arbeitsplätze gehen verloren. Ein Tabakforschungszentrum mit 87 Angestellten stellt ebenfalls den Betrieb ein.

Die französische Herstellerin Seita, die auf das staatliche Tabakmonopol von 1810 zurückgeht und heute Teil des britischen Weltkonzerns Imperial Brands ist, begründet die Werksschließung mit dem Rückgang des Zigarettenabsatzes in Frankreich um 44 Prozent seit der Jahrtausendwende. 2014 hatte das Unternehmen schon seine zweitletzte Zigarettenfabrik bei Nantes an der Atlantikküste dicht gemacht. Nur in Korsika besteht noch eine kleine Tabakverarbeitung, die einzig für den lokalen Markt produziert.Erst nach und nach wird den Franzosen bewusst, was die Werkschließungen bedeuten: Sie besiegeln das Schicksal einer ganzen Industrie, die auf Napoleon zurückgeht und deren Zigarettenmarken mehr waren als Marken. Die kurzen, vorzugsweise filterlosen Gauloises und Gitanes verströmten auch französisches Flair und klebten einfach besser im Mundwinkel – nicht nur beim Leinwandhelden Jean-Paul Belmondo, dem Maler Pablo Picasso oder dem Philosophen Jean-Paul Sartre. Sie alle wussten noch nichts von der Schädlichkeit dieser Rachenkratzer oder kümmerten sich in bester französischer Manier nicht darum.

Werksschließungen besiegeln Schicksal einer Industrie, die auf Napoleon zurückgeht

Sogar die französische Armee gab bis Ende der siebziger Jahre so genannte Truppen-Gauloises heraus. Im Krieg gehörte das blaue Paket, auf dem der Gallier- unnützerweise durch einen Soldatenhelm ersetzt war, zur Kampfration. Die Pazifisten rauchten nicht weniger: Der Chansonnier Serge Gainsbourg rauchte bis zu fünf Schachteln Gitanes am Tag, und Léo Ferré sang im gleichnamigen Lied: „Du bist einfach gut gerollt, du bist meine Paradiesspenderin, meine Zigeunerin (das deutsche Wort für „gitane“), du bist meine Freundin.“

Nur noch anonyme Zigarettenschachteln zulässig

Wie sehr sich das alles geändert hat, wird sich an Neujahr zeigen: Vom 1. Januar an sind in Frankreich nur noch anonyme Zigarettenschachteln zugelassen, illustriert durch hyperrealistische Schockfotos von Lungenkrebs. Es sind denn auch diese gesundheitspolitischen Kampagnen, die der Seita den schleichenden Garaus gemacht haben. Schon 1984 hatte sich die frühere Tabakmonopolistin den wechselnden Zeiten anpassen müssen: Zu den wahren französischen Zigaretten, den „brunes“ mit dem schwarzbraunem Tabak, lancierte sie die „Gauloises blondes“ mit dem hellen, heute gebräuchlichen Nikotinspender.Das hielt den Abstieg nicht auf. 2005 wurde die Produktion der „brunes“ ganz eingestellt. Die Franzosen rauchten mittlerweile mehr amerikanische als heimische Zigaretten. Wenn überhaupt: von den einst 20 000 Tabakpflanzern in Frankreich sind heute kaum noch tausend geblieben, und bald werden sie nur noch exportieren können. Die Seita war schon 1995 privatisiert worden; danach fusionierte sie mit der spanischen Konkurrenten Tabacalera zu Altadis, die wiederum 2008 von Imperial Tobacco (heute: Imperial Brands) übernommen wurde. Immer mehr Zigarettenfabriken schlossen im ganzen Land. Die Konkurrenz in Osteuropa ist billiger als im Hochsteuerland Frankreich, das heute zudem eines der schärfsten Antitabakgesetze kennt. Das hat zur Folge, dass die Franzosen und Französinnen heute weniger rauchen als Deutsche.

Im diesem Sommer war es um die Gauloises und Gitanes fast ganz geschehen: Eine EU-Direktive verbietet in Zigarettennamen alle Attribute der „Feminität, Maskulinität oder Eleganz“. Der Staatsrat in Paris machte für die heimischen Traditionsmarken aber doch noch eine Ausnahme. Womit sich auch die Frage erübrigt, ob die Gauloises, die die in Zukunft in Polen hergestellt werden, vielleicht in Polonaises umgetauft werden sollten.

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