Nikolas Mauruschat und Martin Kluck. Foto: Petsch

Der Stuttgarter Martin Kluck hat bewiesen, dass die Chaostheorie richtig ist: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Feuerbach verändert das Leben von Kindern in Afrika. Unter dem Namen Kipepo, Schmetterling, verkauft er T-Shirts und unterstützt mit den Erlösen Schüler in Tansania.

Der Stuttgarter Martin Kluck hat bewiesen, dass die Chaostheorie richtig ist: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Feuerbach verändert das Leben von Kindern in Afrika. Unter dem Namen Kipepo, Schmetterling, verkauft er T-Shirts und unterstützt mit den Erlösen Schüler in Tansania.

Stuttgart - Es ist wie so oft. Die spektakulären Geschichten beginnen selten mit einem Knalleffekt, sondern ganz unspektakulär und alltäglich. Der Wetterkundler Edward Lorenz nannte es den „Schmetterlingseffekt“, er fragte sich: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ Wohl nicht, aber er kann ihm einen anderen Verlauf geben. So wie das Leben von Martin Kluck einen anderen Verlauf genommen hat. Sein Flügelschlag war ein Anruf. 2008 arbeitete er als Kaufmann, war 24 Jahre alt und unzufrieden, wollte eigentlich etwas anderes machen, wusste aber nicht genau was. Da rief ihn ein Kumpel an, Student der Sozialpädagogik, und fragte ihn, ob er mit nach Tansania kommen wolle. Für ein Projekt brauche man sechs Leute, habe aber nur fünf beisammen. Kluck überlegte kurz, ging dann zu seinem Chef und kündigte. Acht Wochen später war er in Tansania, einem der ärmsten fünf Länder der Welt.

Heute, sieben Jahre später, arbeitet er nach einem Studium als Betriebswirt im Marketing. Und in seiner Freizeit als ehrenamtlicher T-Shirt-Verkäufer und Spendensammler für zwei Schulen in Tansania. Mittlerweile sind seine Produkte so gefragt, dass er ein Büro im Schick-Areal gemietet hat und dort in der Werkstatt von Nikolas Mauruschat die Textilien bedrucken lässt. Mit Motiven, die die Kinder gezeichnet haben. Nilpferde, Löwen, Elefanten oder eine Skizze vom Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas, der in Tansania liegt.

Knapp 100 Kilometer entfernt vom Kilimandscharo liegt die Stadt Arusha. Offiziell zählt sie 600.000 Einwohner, Kluck schätzt aber, dass sich dort 1,5 Millionen Menschen angesiedelt haben. In Arusha sollte Kluck drei Monate in einem Waisenhaus arbeiten. So der Plan. Am ersten Tag führte man ihn herum, hernach fragte Kluck: „Was soll ich nun tun?“ Die Antwort: „Nichts! Wir haben nichts für Sie zu tun!“ Kluck ging frustriert durch die Stadt, Musik lockte ihn in eine Kirche. Erst einmal verstummte die Gemeinde, nahm den blassen Besucher aber alsbald in die Mitte. Nach dem Singen plauderte man, und Kluck lernte einen Schulrektor kennen: „Er hatte vor kurzem eine Schule mit 80 Schülern gegründet, hatte bisher nur zwei Lehrer und fragte mich, ob ich dort Englisch unterrichten wollte.“

Dazu muss man wissen, dass ein Lehrer in Tansania etwa 70 Euro im Monat verdient. „Das ist nicht viel“, sagt Kluck, „ die meisten Kinder dort wollen Safari-Guides werden.“ Die führen die Touristen durch die Serengeti und bekommen „an einem Tag mehr Trinkgeld als Lehrer in einem Monat“. In staatlichen Schulen unterrichtet ein Lehrer oft 150 Schüler in einer Klasse, an Privatschulen sei das Verhältnis besser, sagt Kluck. „Aber man ist auch um Laien wie mich froh.“ Er blieb schließlich ein halbes Jahr.

Mit Schule in Kontakt geblieben

Auch wenn das sehr altmodisch klingt, über das Erlebte schrieb er kein Blog, sondern führte ein Tagebuch. Mit Strichen, nicht mit Buchstaben. „Ich kann überhaupt nicht schreiben, dafür ganz ordentlich zeichnen“, sagt er, „und weil ich es im Unterricht immer dabeihatte, borgten es sich die Kinder aus und malten etwas hinein.“ Die sieben Jahre alte Abigale Muro zeichnete ihm einen Liebesbrief. Sie verewigte Kluck mit großem Kopf, eigenwilliger Nase, ohne Arme, daneben schrieb sie: Love you.

Er blieb in Kontakt mit der Schule. Und überwies sogar das Schulgeld für Abigale, weil ihre Eltern es nicht mehr aufbringen konnten. Das sind 30 Euro pro Monat, drei warme Mahlzeiten am Tag inbegriffen. „Ich habe eine Woche auf dem Bau gejobbt, das reichte für ein Jahr“, sagt er. Und grübelte, wie er weiterhelfen könne. Wieder schlug der Schmetterling mit seinem Flügel. Die Zeichnung von Abigale hatte sich Kluck auf ein T-Shirt gedruckt. Das trug er bei einem Ski-Urlaub in Ischgl. Am letzten Tag hatte er keine Lust auf Skifahren, ging in die Kneipe. Und wurde vom Barkeeper nach seinem T-Shirt gefragt. Er erzählte die Geschichte, der Barkeeper bot ihm spontan 100 Euro für sein T-Shirt. „Ich hatte keine anderen Klamotten dabei, aber wir haben ausgemacht, dass ich ihm zwei T-Shirts schicke.“ Kluck bekam 100 Euro, Getränke gratis und frei Haus die Idee, wie er der Schule helfen kann.

Jene 100 Euro waren der Grundstock für Kipepo, was auf Kisuaheli Schmetterling bedeutet. Er ersteigerte via Ebay einen Transferdrucker, mit dem man mittels Hitze die Zeichnungen aufs T-Shirt überträgt. So ähnlich, wie wenn man Motive aufbügelt. In der WG in Stuttgart spannte er Mitbewohner Raffael Wesoly ein, „wir haben die Wohnung in eine Werkstatt verwandelt“. Eine Theke im Flur diente als Werkbank, in sein Zimmer baute er ein Hochregallager. Zunächst kauften Freunde die T-Shirts, die er sozusagen nackt aus Tansania bezieht, fair gehandelt und aus 100 Prozent ökologischer Baumwolle. Bedruckt verkauft er sie ab 18.95 Euro.

Die Idee verbreitete sich, aus dem Flügelschlag wurde zwar kein Tornado, aber doch eine frische Brise. So wird Kipepo am Wochenende bei der Sportartikelmesse Ispo in München mit dem Winner Social Aware­ness ausgezeichnet. „Social awareness“ heißt soziales Bewusstsein. Aber auf Englisch klingt das einfach bedeutungsschwerer. Doch bedeutet der Preis für Kluck und seine Helfer auch viel Arbeit. Alle Prospekte und die Webseite müssen sie auf Englisch übersetzen, den Messestand bauen sie selbstverständlich auch selbst. Ob sich das lohnt, weiß er t noch nicht. Doch jedes verkaufte T-Shirt hilft. Und beweist, der Flügelschlag eines Schmetterlings kann ­Leben verändern.

www.kipepeo-clothing.com/
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