Ungewöhnlich: Yurdal Tokcan spielt türkische Musik mit der Oud. Foto: factum/Granville

Die Stadt und ihre Schlossfestspiele – das ist eine wechselvolle Beziehung in Ludwigsburg. Doch stolz ist die Stadtgesellschaft darauf – das wird beim Empfang deutlich.

Ludwigsburg - Allwaltender Stolz ist nach der Eröffnung der Ludwigsburger Schlossfestspiele im Forum am Schlosspark mit Händen zu greifen. Er liegt in der Luft, spricht aus den Gesichtern der versammelten Honoratioren, die sich nach den elegischen Klängen des Eröffnungskonzerts im Bürgersaal versammelt. Stolz ist der OB Werner Spec, für den dieser Termin ein Hochamt ist. Stolz ist der Kulturbürgermeister Konrad Seigfried, stolz sind die Fraktionschefs im Gemeinderat, und stolz ist auch der Intendant Thomas Wördehoff, der vor Freude fast jeden einzelnen Musiker verbal umarmen möchte.

Das war nicht immer so. Die Stadt und die Schlossfestspiele, das ist eine wechselvolle Beziehung. Vor einigen Jahren fuhr das viermonatige Kulturspektakel hohe Verluste ein. Und in der Anfangszeit der Wördehoff-Ära stießen dessen Neuerungen nicht nur auf Wohlwollen. Auch am Freitag wagt der Chef viel Unkonventionelles. Türkische Mandolinenmusik von Yurdal Tokcan etwa. Und die Rede von Ulrich Raulff, dem Direktor des Marbacher Literaturarchivs, ist literarisch derart belesen und mit Allegorien gespickt, dass selbst kulturbeflissene Zuhörer ob dieses geistigen Höhenflugs ins Straucheln geraten. Wördehoff ficht das nicht an und schwärmt neben Falafel-Häppchen und Lachsschnittchen beim Empfang anschließend davon, dass ein von Raulff mehrfach zitierter „Krakauer“ praktisch später noch „musikalisch über die Bühne spaziert“ sei.

Ein kultureller Leuchtturm

Aber die Schlossfestspiele sollen ja etwas Besonderes sein, ein kultureller Leuchtturm, der die Stadt Ludwigsburg aus dem Kreis der grauen Mittelstädte herausheben soll. Und so verzeiht man auch den Ausflug in die Höchstkultur und klopft sich auf die Schulter. „Das Geld ist gut investiert“, findet etwa die SPD-Sprecherin Margit Liepins, die bekennt, keine Klassik-Expertin zu sein, aber vollauf begeistert ist. Ihr Parteikollege Dieter Juranek unterstreicht, wie „wichtig die Schlossfestspiele für Ludwigsburg“ sind. Auch Konrad Seigfried hat ein Leuchten in den Augen und freut sich über ein mit 1200 Plätzen ausverkauftes Konzert. Für ihn ein Symbol dafür, dass die Ludwigsburger ihr Festival (wieder) mögen: „Die Zuschauer haben die Neuerungen angenommen.“

Ein wenig stolz ist er auch darauf, dass der Aufsichtsrat den Reformkurs seinerzeit durchgesetzt hat. Thomas Wördehoff hat sich auch deswegen die Loyalität der Stadtoberen verdient, weil er die Festspiele enger mit der Stadtgesellschaft verankert. Dass ein Orchester des musischen Goethe-Gymnasiums auf die Bühne beim Klassik-Open-Air auftreten darf – früher wäre das wohl undenkbar gewesen. Wördehoff arbeitet viel mit Schulen und lokalen Akteuren. Ein besonderes Symbol mag dafür die „Ludwigsburg Symphonie“ sein: Sie wurde von Studenten der Filmakademie komponiert und wird nun bei den Festspielen von Profis uraufgeführt – ein Bekenntnis zu der Stadt.

Die Stimmung ist ausgelassen im Forum am Schlosspark. Der Oberbürgermeister Werner Spec verblüfft die Festgemeinde mit einer knackigen 90-Sekunden-Rede: „Ich will es sehr, sehr kurz machen.“ Ungewöhnlich an dieser Stelle, doch wie man ihn kennt, hat das Stadtoberhaupt schon wieder viele neue Ideen im Kopf, die umgesetzt werden müssen. „Ein großartiger, mitreißender Auftakt“, sagt Spec immerhin. Trotz der Einsilbigkeit ist er offenbar stolz, dass die Aufmerksamkeit des Landes sich mal wieder auf seine schöne Barockstadt richtet.

Schmiedel: Wo ist der Ministerpräsident?

Mitten drin im Getümmel stehen zwei Noch-Abgeordnete: Claus Schmiedel (SPD) und Klaus Herrmann (CDU). Am Vorabend ihres letzten Tages als Parlamentarier sozusagen – am Samstag endete offiziell die alte Legislaturperiode. Beiden ist der Abschiedsschmerz als Landespolitiker noch anzusehen. Der CDU-Mann Herrmann ist begeistert von der Aufführung und ärgert sich, dass der Landesrechnungshof immer wieder an den Zuschüssen herummäkelt – je 800 000 Euro von der Stadt und vom Land.

Und Claus Schmiedel, dem der Verlust der landespolitischen Bedeutung förmlich anzusehen ist, wünscht sich, dass sich die Landesregierung mit dem Festival noch mehr schmückt: „Es könnte ja auch mal der Ministerpräsident zu der Eröffnung kommen.“ Beiden fällt es schwer, das Amt und seinen öffentlichen Glanz loszulassen. Schmiedel tröstet sich immerhin damit, dass er in der Steinbeis-Hochschule eine weitere Betätigung gefunden habe. So ist die Stadtgesellschaft mit sich im Reinen – und irgendwie ist man jetzt sogar stolz darauf, dass die Schlossfestspiele seit einigen Jahren so ungewöhnlich geworden sind.

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