Inzwischen kein seltenes Bild mehr: Vor den Altkleidercontainern – wie hier in Esslingen – liegen Kleider- und Müllberge. Foto: Elke Hauptmann

AWB in Sorge: Im Esslinger Kreisgebiet verschwinden zunehmend Altkleidercontainer, weil sich die Sammlung vor allem für karitative Organisationen kaum noch rechnet.

Der Trend zur Billigmode kurbelt die Müllproduktion an – und setzt das altbewährte System der Altkleidersammlung zunehmend unter Druck. Der Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) des Kreises Esslingen beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. Der AWB wird deshalb laut seinem Geschäftsführer Michael Potthast bis Ende dieses Jahres ein neues Konzept zur Sammlung und Verwertung erarbeiten – „für den Fall, dass das aktuelle System nicht mehr flächendeckend aufrechterhalten werden kann“.

 

Der AWB-Chef erklärt: „Das System krankt zurzeit an mehreren Stellen.“ Die wirtschaftliche Sammlung und Sortierung der Altkleider werde zunehmend schwieriger, weil immer mehr unbrauchbare Textilien in den Containern landen. Vor allem Mischgewebe würden Probleme bereiten: Sie seien aufwendiger zu trennen und daher für Verwerter wenig attraktiv. Zudem sei der Absatzmarkt eingebrochen.

Sinkende Nachfrage nach Altkleidern

„Die Lagerhallen vieler Sammler sind voll“, berichtet Potthast. In der Vergangenheit seien große Mengen gebrauchter Textilien vor allem in osteuropäische Länder gegangen – eine Nachfrage, die seit Beginn des Kriegs in der Ukraine stark zurückgegangen sei. Gleichzeitig verändere sich der Markt in Afrika. Dort würden günstige Importe aus China zunehmend die gebrauchte Kleidung aus Europa verdrängen.

Die Sammlung und Verwertung von Kleiderspenden war für karitative Organisationen einst eine wichtige Einnahmequelle. Foto: dpa/Fredrik von Erichsen

Ein weiteres Problem ist laut Potthast die falsch verstandene EU-Richtlinie. Seit einem Jahr gilt die sogenannte Getrenntsammlungspflicht von Altkleidern, die für Deutschland faktisch keine Änderung mit sich bringt – aber viel Verunsicherung bei den Verbrauchern ausgelöst hat. Mit der Folge, dass nun auch kaputte oder stark verschmutzte Textilien in den Altkleidercontainern landen, statt in der Restmülltonne, wo sie nach wie vor hineingehörten.

400 Standorte mit Altkleidercontainern gibt es laut dem AWB im Esslinger Kreisgebiet.

Die Sammlung von Altkleidern übernehmen im Kreis Esslingen etwa 30 gewerbliche Textilverwerter und karitative Organisationen, die dafür an knapp 400 Standorten im Esslinger Kreisgebiet Container aufgestellt haben. Das war über viele Jahre ein einträgliches Geschäft – vor allem für die sozialen Träger, die mit den Verwertungserlösen einen Teil ihrer Arbeit finanzieren. Inzwischen aber ist mit gebrauchter Kleidung kein Geld mehr zu verdienen. Stattdessen entstehen beträchtliche Kosten durch die Entsorgung von unbrauchbaren Dingen, die sich nicht nur in, sondern verstärkt auch vor den Containern anhäufen.

„Die Kleidersammlung ist nicht mehr rentabel“, schätzt Rafael Dölker, der Kreisgeschäftsführer des DRK Kreisverbandes Nürtingen/Kirchheim, die Situation ein. Der Kreisverband betreibt derzeit mehr als 70 Container im Altkreis Nürtingen. Immer wieder stellt man bei den regelmäßigen Leerungen fest: „Die Sammelcontainer sind massiv überfüllt mit Müll und nicht verwertbaren Gegenständen.“ Deshalb wurden laut Dölker bereits erste Standorte aufgegeben – drei in Weilheim und drei in Lenningen. Vor der Kleiderkammer des DRK sei die Lage nicht anders: „Wir erleben immer häufiger, dass außerhalb der Öffnungszeiten einfach Säcke und Kartons mit Kleidung und Müll abgestellt werden“ , schildert Dölker.

Qualität der Kleidung nimmt ab

Ähnliches berichtet Markus Oßwald, der Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Esslingen. Dort denkt man nun intensiv darüber nach, wie es mit den Standorten weitergehen soll. Denn das, was in den insgesamt 93 Containern an 67 Stellen landet, taugt kaum noch für das Recycling. „Die Qualität der gespendeten Kleidung nimmt leider seit Jahren ab.“Die Vermüllung hingegen deutlich zu. Einen Standort in Plochingen habe man „aufgrund starker Verschmutzung“ bereits aufgeben müssen, berichtet Oßwald.

Die Altkleidercontainer quellen häufig über – und oft landen nicht nur gebrauchte Textilien in den Sammelbehältern. Foto: imago/Gottfried Czepluch

Dass sich die karitativen Träger zunehmend aus dem Geschäft zurückziehen, registriert der AWB-Chef mit wachsendem Unbehagen. Bislang führt der kreiseigene Abfallwirtschaftsbetrieb keine eigene Sammlung und Verwertung von Alttextilien durch. Das könnte sich aber ändern, „sollte das aktuelle System flächendeckend kollabieren“, informiert Potthast in der Stellungnahme zu einem Antrag der SPD-Kreistagsfraktion. In dem Fall wäre eine Ausschreibung erforderlich, es müssten dann alle 75 Entsorgungseinrichtungen des AWB, eventuell auch weitere Standorte im Landkreis, mit eigenen Altkleidercontainern ausgestattet werden.

Neue EU-Richtlinie macht Hoffnung

Die Hoffnung ist , dass dieses Szenario nicht eintritt. Denn die EU plant dem AWB-Chef zufolge die Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung. Bis 2028 soll eine entsprechende Richtlinie entworfen werden, wie die Altkleidersammlung für die Verwerter wieder rentabler gestaltet werden kann. „Allerdings gilt es bis dahin, eine Durststrecke zu überstehen.“

Die Option für die Zukunft macht sich wohl schon bemerkbar: Der AWB stellt laut Potthast bei seinen Kontrollen fest, dass aufgelöste Standorte zum Teil von einem anderen Betreiber genutzt werden. „Diese scheinen sich praktisch heute den Standort für wirtschaftlich bessere Zeiten zu sichern.“ Dadurch bestehe derzeit im Landkreis noch ein funktionierendes System für die Altkleidererfassung, so Potthast. Die Container-Standorte werde man aber „weiterhin intensiv beobachten“.