Premiere: das erste Auto, das mit synthetischem Kraftstoff aus der weltweit einmaligen Pilotanlage für E-Fuels Haru Oni betankt wurde. Foto: StN/Christoph Reisinger

Mit dem Produktionsstart von E-Fuels in Chile nimmt eine neue, grüne Industrie ihren Anfang. Sie bietet Chancen auch für Baden-Württemberg. Aber die EU läuft Gefahr, schon den Start zu verschlafen.

Überraschend klein sieht die weltweit erste Pilotanlage zur industriellen Herstellung von synthetischem Kraftstoff aus. Vom Boden wie aus der Luft. Einsam ragt ihr einziges Windrad mit 134 Metern Rotordurchmesser aus der baumlosen, kargen Landschaft ganz im Süden des lateinamerikanischen Festlandes. Haru Oni (zu deutsch: „Der Ort, an dem der Wind bläst“) heißt die Ansammlung von Windrad, Kesseln, Containern, Röhren und Parkplätzen. Ein Zaun umschließt gerade mal 3,2 Hektar. Und das soll die Keimstätte einer neuen Industrie von weltweiter Bedeutung sein?

 

Meilenstein für den Klimaschutz?

Cesar Norton ist sich da ganz sicher, wenn er über die Anlage spricht, die auf Initiative und mehrheitlich mit dem Geld des Stuttgarter Autobauers Porsche in der südchilenischen Region Magallanes entstanden ist: „Hier, wo Pazifik und Atlantik aufeinandertreffen, entsteht ein Treibstoff, der die Klimafrage für Chile und die Welt positiv verändern wird“, sagt der Chef des chilenischen Energieunternehmens HIF Global, an dem Porsche mit 12,5 Prozent beteiligt ist. HIF betreibt Haru Oni und will zügig Großanlagen für synthetische Kraftstoffe aufbauen.

Kohle, Öl und Gas sollen überflüssig werden

Was Norton meint: In dieser weltweit noch einmaligen Pilotanlage wird auf Basis von Windenergie und Wasser Methanol hergestellt und dieses zu sogenannten E-Fuels verarbeitet. Diese Betriebsstoffe haben das Potenzial, grundsätzliche Probleme - vor allem die begrenzte Speicher- und Transportierbarkeit von Strom - der Energiewende zu lösen. So sollen sie den Einsatz fossiler Brennstoffe wie Erdöl, Erdgas oder Kohle überflüssig machen. Durch die Verflüssigung von Wasserstoff in Methanol wird aus Wind oder Sonne gewonnene Energie leichter speicher- und in Schiffen transportierbar. Und die daraus herstellbaren E-Fuels können herkömmliche Verbrennermotoren antreiben. Das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung freigesetzt wird, entspricht jenem, das für die Methanolherstellung der Luft entnommen wurde. Also klimaneutral, wenn auch der Strom grün ist, der dafür genutzt wird.

Mit vierfachem Antrieb

Träge dreht sich an diesem Morgen das Windrad von Haru Oni im Wind. Als wollte es den Namen der Anlage Lügen strafen. Und in der lauen Sommerluft an den globalen Klimawandel erinnern, der auch das raue Patagonien erreicht hat, und weniger an den Zweck, eine neue Industrie anzukurbeln. Doch die technischen Daten sehen anders aus: Im Vergleich zu Deutschland drückt übers Jahr eine vierfache Windlast auf die Rotorblätter. Wo permanent Wind oder Sonne im Überfluss zur Verfügung stehen, geht die Rechnung mit E-Fuels auf, zumindest ökologisch.

Erdöl zu billig?

Wirtschaftlich noch nicht ganz: Solange sich die EU nicht zu verpflichtenden Beimischungsquoten für diese grünen Brennstoffe in Schiffsdieseln oder Flugbenzin durchringe, werden sich E-Fuels allein über den Markt nicht gegen die Verbrennung von Erdöl durchsetzen, rechnet Michael Steiner, Entwicklungs-Vorstand von Porsche, vor. „Auch wenn inzwischen Herstellungskosten realistisch sind, die den Preis von fossilem Treibstoff nicht übersteigen.“ Allerdings den Preis inklusive Steuern und Abgaben, wie Steiner einräumt.

Was auf einen weiteren Punkt verweist, ohne den synthetische Kraftstoffe zumindest in der EU wohl kein Erfolgsprodukt werden: Ohne Steuervorteile oder die Anrechenbarkeit von E-Fuels auf die CO2-Bilanzen von Produkten und Unternehmen bleiben die fossilen, klimaschädlichen Energieträger wirtschaftlich kaum schlagbar.

Wo E-Fuels zum Einsatz kommen sollen

Das aber bedeute, sagt Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), ein entschiedener Verfechter von E-Fuels, einen erheblichen Rückschlag für alle Bemühungen um Klimaschutz. Schließlich deckt Deutschland drei Viertel seines Energiebedarfs nicht mit dem zumindest etwa zur Hälfte grünen Strom, sondern ausschließlich aus Kohle, Gas und Öl. Weshalb E-Fuels gerade dort wirken sollen, wo keine erneuerbaren Energien ohne Umwandlung einsetzbar sind, oder wo es ohne Flüssigtreibstoffe auch in überschaubarer Zukunft nicht gehen wird. Also vor allem in der Schiff- und in der Luftfahrt sowie in besonders energiehungrigen Industrien wie der chemischen.

Was auch in Deutschland geht

Hermann verweist auf die Chancen, die Baden-Württemberg mit seinen weltweit bedeutenden Anlagenbauern und deren Zulieferern habe, Teil der Wertschöpfung einer entstehenden E-Fuels-Industrie zu werden. Außerdem könne die Methanol-Raffinerie MiRO in Karlsruhe „direkt loslegen“, um Methanol in E-Fuels zu verarbeiten. Entfallen doch bei der Produktion synthetischer Brennstoffe 98 Prozent des Strombedarfs auf die Herstellung des Methanols und nur zwei Prozent auf die Weiterverarbeitung zu E-Fuels, die daher auch in Deutschland erfolgen könnte.

„Wir brauchen jetzt Tempo“

Entsprechend groß ist das Unbehagen, mit dem der Minister auf die Zögerlichkeit in der EU schaut, was die auch in seiner Partei keineswegs unumstritteneren E-Fuels angeht: „Wir brauchen jetzt Tempo in der Regulatorik, um die industrielle Produktion in großem Maßstab hochzufahren“, sagt der Minister. „Und ich sehe strategisch die Gefahr, dass die neue Industrie in Nordafrika, Nordamerika und Chile entsteht und wir in Europa am Ende nur noch die Fertigprodukte kaufen.“

Chiles Energieminister Diego Pardo jedenfalls klingt zuversichtlich. Er sieht sein Land schon als kommenden Großexporteur von grüner Energie. Jorge Fließ, der Gouverneur von Magallanes, träumt laut von den Chancen der Jüngeren in seiner Region, von akademischen Ausbildungsgängen für grüne Energie und von Kooperationen der regionalen Hochschule mit Baden-Württemberg. Die Bürgermeister in der Region sprechen von Siedlungsprojekten und handwerklichen Arbeitsplätzen, die mit den geplanten nächsten Ausbaustufen neben der Pilotanlage in Haru Oni entstehen sollen.

Ein Windrad oder 56?

Da klingt der Satz des Chefentwicklers von HIF, Rolf Schumacher, ziemlich ernüchternd: „Solange wir in Europa keinen sicheren Rechtsrahmen für E-Fuels haben, bleibt offen, ob hier im Süden Chiles in sieben Jahren wirklich die für eine Endausbaustufe geplanten 56 Windräder stehen werden und nicht nur eines. Andernorts hingegen geht es zügig los. Voraussichtlich im US-Staat Colorado wird die erste industrielle Großanlage für synthetische Treibstoffe entstehen. Die Regierung Biden hat mit ihrem Inflationssenkungsgesetz diesen Rechtsrahmen schon geschaffen: Belohnt wird jede Investition in den USA, die nachweislich zur Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes beiträgt.

Rückenwind für eine grüne Industrie

„Deshalb ist es für uns so wichtig, dass wir in Haru Oni gezeigt haben, dass die Herstellung funktioniert. Das schafft Glaubwürdigkeit. Und die braucht es, um Fremdkapital für die Großanlagen einzuwerben“, sagt Porsche-Vorstand Steiner.

Inzwischen hat der Wind um Haru Oni aufgefrischt. Das Rad dreht sich schneller. Manch einer der mehrheitlich chilenischen Beschäftigten schließt die Jacke seiner Schutzkleidung. Lebhaft flattern die Flaggen von Chile, Magallanes und der HIF. – Rückenwind für eine neue, grüne Industrie. Wie viel davon Deutschland erreicht, steht allerdings noch in den Sternen.

* Ein Teil der Kosten der Reise nach Patagonien wurde von der Porsche AG übernommen.