Die Gestaltung der Gebäude im Synergiepark wirkt bisweilen etwas schräg. Ein renommierter Architekt erzählt, wie man den Gesamteindruck verbessern kann. Foto: Archiv Thomas Krämer

Die Architektur im Synergiepark in Stuttgart-Vaihingen wirkt oft abweisend. Ein Frankfurter Architekt schlägt Verbesserungen vor und gibt im Interview Tipps, wie Firmen Flächen gewinnen können.

Vaihingen/Möhringen - Stefan Kornmann war jüngst Referent bei einer Tagung der Wirtschafts- und Industrievereinigung Stuttgart über die Gebietsentwicklung des Synergieparks Vaihingen/Möhringen. Wir sprachen mit ihm darüber, wie ein Gewerbegebiet aussehen sollte, um für Fachkräfte attraktiv zu sein.

 

In Ihrem Vortrag haben Sie gesagt, Gewerbearchitektur sei das Stiefkind in der Architektur und der Planung. Trifft dies auch auf den Synergiepark zu?

In meinem Vortrag bin ich auf übergreifende Entwicklungen von Gewerbe- und Dienstleistungsgebieten und den künftigen Bedarf eingegangen. Zum Synergiepark selbst kann ich wenig sagen, denn ich bin nur einmal durchgefahren. Ich habe aber das Gefühl, dass man dort bei den Neuplanungen eine höhere Qualität erreicht. Generell werden bei gewerblichen Bauten, besonders wenn es sich um Hallen und Zweckbauten handelt, meist sehr einfache Fassaden, oft aus Wellblech, verwendet. Hier müsste man über die Gestaltung in Richtung des öffentlichen Raums nachdenken.

Lokalpolitiker fordern immer wieder, dass der Synergiepark einen öffentlichen Platz und/oder eine grüne Mitte haben müsse. Wie denken Sie darüber?

Bei einem modernen Industrie-, Gewerbe- und Büroareal sollte man darauf achten, dass man das Innen und das Außen miteinander verknüpft. Arbeit verlagert sich nämlich durchaus nach draußen, so dass jemand mit dem Laptop im Freien sitzt und arbeitet. Wenn man dort einen Pavillon hätte oder einen geschützten Platz, dann wäre das gut. Es wäre auch wünschenswert, dass man sich im freien Raum erholen kann. Dazu bietet es sich an, auch aus ökonomischen Gründen, keine großen Flächen, sondern gut gestaltete, hochwertige, kleinteilige Areale wie Plätze oder Sitzecken zu schaffen. Man muss heute die Architektur von innen und außen zusammen denken und gestalten.

Im Synergiepark fehlen nicht nur hochwertig gestaltete kleine Flächen, sondern auch Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten. Was ist zu tun?

Weil die Läden heute bis 20 Uhr und sogar bis 22 Uhr geöffnet haben, ist es nicht mehr so, dass man im Gewerbegebiet zwingend einen großen Supermarkt für die Beschäftigten braucht. Meist kaufen die Mitarbeiter in der Nähe ihrer Wohnorte ein. Wichtiger ist eine gewisse Belebung durch Gastronomie, kleinteilige Bistros oder Espresso-Bars und kleine Supermärkte. Dabei ist auch die Mitwirkung der Unternehmen gefordert, denn Firmen denken oft in Kantinen-Kategorien: Man stellt den Mitarbeitern eine Kantine zur Verfügung, und dort soll alles abgewickelt werden. Bei modernen Campus-Entwicklungen geht man von den reinen Kantinen weg und versucht, die Angebote zu dezentralisieren, indem man Bistros, Espresso-Bars und kleinteilige Gastronomieformen anbietet. Damit ist viel gewonnen.

Der Flächenbedarf des Gewerbes ist hoch. Wie schafft man im Synergiepark neue Flächen für Unternehmen?

Wir stellen fest, dass es zurzeit trotz der Coronakrise im gesamten gewerblichen Sektor große Flächennachfragen gibt. Dazu müssen wir vorhandene, gewachsene Gewerbegebiete wie den Synergiepark optimieren. Es geht immer um die Frage: Wie kann ich stärker verdichten, in die Höhe bauen und Nutzungen und Funktionen aufeinanderstapeln? Das geht bei Büros relativ gut, und da ist es gängig. Wir müssen künftig auch stärker bei Hallen und Produktionseinheiten über Mehrgeschossigkeit nachdenken. Dasselbe gilt auch dort, wo es um Lagerhaltung oder um Distribution geht. Das alles muss künftig flächenoptimiert werden.

Im Synergiepark werden Parkplätze Mangelware, unter andrem, weil sie Radwegen zum Opfer fallen. Welche Verkehrskonzepte braucht man?

Was das Parken angeht, denken wir bei modernen Planungskonzepten immer in Richtung Verkehrsvermeidung, um CO2 zu reduzieren. Dies wird beim Bauen dank Passivhäusern und Wärmedämmung relativ gut erreicht. Der Schwachpunkt ist aber noch der Verkehr. Wir brauchen integrierte Mobilitätskonzepte: eine Reduktion der Stellplätze verbunden mit der Förderung umweltfreundlicher Verkehrsmittel und der Einführung innovativer Systeme wie selbst fahrender E-Servicebussen. Das müssen wir anpacken.

Am Wallgraben soll ein Gewerbeboulevard entstehen. Genügen dafür Fassaden und Bäume, oder braucht es mehr?

Entscheidend ist, dass eine Belebung stattfindet, dass Menschen unterwegs sind, dass man sich dort aufhalten kann. Das kann von Gastronomie über Empfangsbereiche bis zu von außen einsehbaren Kommunikationsbereichen reichen. Man muss sehen, dass entlang des Boulevards etwas passiert. Oft sind Unternehmen gerade im gewerblichen Bereich introvertiert und nach außen abgeschottet. Hier wäre es schön, wenn man sich nach außen zeigt, um seine Tätigkeit zu visualisieren oder Produkte zu präsentieren, zum Beispiel mit Showrooms.

Wäre Kunst am Bau ein Mittel, um Fassaden im Gewerbegebiet optisch aufzupeppen?

Das Thema Kunst am Bau würde ich nicht prioritär sehen, weil oft singuläre Dinge gemacht werden. Entscheidender ist, dass man die Fassaden-Front, besonders im Erdgeschoss, lebendig und offen gestaltet. Ich betone das Erdgeschoss, weil die meisten Leute, die sich durch das Gebiet bewegen, ihre Sichthöhe ebenerdig haben. Ab und zu schaut man nach oben und nimmt das Gesamte wahr, die Hauptwahrnehmung liegt aber auf dem Erdgeschoss, das prägt vorrangig das Bewusstsein des Passanten. Damit verbieten sich Dinge wie spiegelnde Fenster, die durch die Spiegelung abweisend wirken, oder lange, geschlossene Fassaden. Die Firmen sollten sich hier öffnen und ein bisschen Leben zeigen, wenn ab zu noch eine Espresso-Bar dazwischen ist, wäre es umso besser.