Sylvain Cambreling wechselt als Chefdirigent zu den Hamburger Symphonikern. Foto: dpa

Sylvain Cambreling verlässt das Staatsorchester Stuttgart. In seinem letzten Sinfoniekonzert hat er Werke von Georg Friedrich Haas und Anton Bruckner dirigiert.

Stuttgart - Am Ende ist der Sakko des Dirigenten durchgeschwitzt, und Sylvain Cambreling, gerade siebzig geworden, verneigt sich im Beethovensaal ein letztes Mal vor dem begeisterten Stuttgarter Publikum. Er wird gehen, so wie das gesamte Leitungsteam der Oper Stuttgart; am Pult des Staatsorchesters wird ab September Cornelius Meister stehen, und am Sonntagmorgen hat der scheidende Generalmusikdirektor zum Abschied zwei (österreichische) Komponisten zusammengebracht, die mancher noch nie zusammendachte, die aber unbedingt zusammengehören: Anton Bruckner und Georg Friedrich Haas. Dessen zweites Violinkonzert, ein Auftragswerk der Suntory Hall in Tokio und der Staatstheater Stuttgart, erlebt dabei nicht nur seine Europäische Erstaufführung, sondern entspricht auch der Leidenschaft des Dirigenten für zeitgenössische Klänge – ohne ein Stück neuerer Musik hätte Cambreling seinen Hut nicht nehmen können.

Es ist ein mächtiges, prächtiges, gleichzeitig aber auch ein ungemein zerbrechliches Stück, durch das sich das Staatsorchester und die australische Geigerin Miranda Cuckson unter seiner Leitung hindurcharbeiten. Zu hören ist, wie seit Jahren bei Haas, eine Hommage an die Weite eines mikrotonal erweiterten harmonischen Kosmos und - vor allem - an die erhebende Welt der Obertöne: Nach einem Anfang, der einem Einstimmvorgang ähnelt, gibt die Sologeige die Stichworte; Klangwogen des Orchesters antworten ihr. Zwischentöne sorgen für feinste Verdichtungen des Tongewebes. Es gibt wirkungsvolle Wiederholungen, Sequenzen und sich kreuzende Gegenbewegungen zwischen der Solistin und dem großen Apparat, und pathetische Ballungen dienen vor allem dem Ausdruck einer überwältigen Sehnsucht nach Schönheit.

Dreiklangsbrechungen und Emphase

Manches ist hier allzu berechenbar, wirkt (mittlerweile) ein wenig wie mikrotonale Konfektionsware, und das Stück hätte nicht verloren, wenn Haas es dort abgeschlossen hätte, wo sein Material es zu Ende gedacht, gefühlt und durchgeführt ist. Aber die Wirkung ist groß – und es ist anschließend überaus spannend, die Gemeinsamkeiten mit Bruckners siebenter Sinfonie hörend aufzuspüren. Die entwicklungsarmen Repetitionen, die sich wellenförmig verdichtenden Erregungszustände, die Vorliebe für Dreiklangsbrechungen und chromatische Linien, die schroffen Kontraste, das Pathos, der Wechsel von geballter Faust und extremer Fragilität, das Block- und das Naturhafte: All dies hört man hier wie dort, und im Rückblick wirkt Haas zuweilen wie ein zusammengedrückter, konzentrierter Bruckner.

Dessen Siebente hält Cambreling so meisterhaft in Balance (zwischen Gefühl und Kalkül, Detail und weitem Bogen, präzisen Vorgaben und Loslassen), dass man aus dem Staunen, Lernen und Genießen nicht herauskommt. Ungemein spannungsvoll erlebt man den sprechenden Wechsel zwischen cis-Moll und C-Dur im Adagio, und im Finale scheint nach dem Durchschreiten einer felsigen Alpenlandschaft (mitsamt folkloristischen Anklängen und frommen Chorälen) im reinen Dur-Dreiklang die Sonne aufzugehen. „Das Orchester hat natürlich gestutzt und gar nichts verstanden. Die Leute sind nämlich hier unglaublich reaktionär“: Das schrieb der Dirigent Hermann Levi 1885 bei seiner Einstudierung der Sinfonie aus München an Anton Bruckner. In Stuttgart haben alle verstanden. Auf Wiederhören, Monsieur Cambreling!

Termin Nochmals an diesem Montag, 9. 7., 19.30 Uhr, Beethovensaal.

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