Sylvain Cambreling dirigiert am Sonntag in Stuttgart die Uraufführung der Oper „Erdbeben. Träume“ von Toshio Hosokawa, feiert am Tag danach seinen Siebzigsten und packt dann die Kisten für seinen Wechsel nach Hamburg.
Stuttgart - Hamburg! Im Zimmer des Generalmusikdirektors sitzt Sylvain Cambreling, seine Augen leuchten, und in seinem unverwechselbaren, französisch gefärbten Deutsch breitet der 69-Jährige seine Arme weit aus: In Hamburg, sagt er, könne er ab September „sein Repertoire“ spielen, was für ein Glück!
Sein Repertoire? Schwer zu sagen, was das ist. Und, vor allem: was nicht. Getreu der Devise „Am meisten gefällt mir alles“ liebt Sylvain Cambreling leidenschaftlich die ganze Breite der Musik „von Monteverdi bis morgen“, wie er selbst es formuliert. Seitdem er im September 2012 Chefdirigent des Stuttgarter Staatsorchesters wurde, hat er am Eckensee Opern von Verdi, Tschaikowsky, Mozart, Beethoven, Wagner, Strauss und Offenbach ebenso dirigiert wie Stücke des 20. und 21. Jahrhunderts, etwa Mark Andre, Philippe Boesmans und Edison Denisov. Hinzu kommen all die sinfonischen Werke, die er mit seinen Musikern im Beethovensaal aufgeführt hat. Diese Werke wird er zu den Hamburger Symphonikern transportieren, die ihn vor allem wegen seiner 45-jährigen Pulterfahrung engagiert haben. Cambreling betont, dass er das Angebot auch wegen der Laeizhalle angenommen habe, in der sein zukünftiges Orchester residiert. Welcher andere Klangkörper verfüge schließlich über den Luxus, im Konzertsaal selbst proben und dadurch besonders fein am Klang arbeiten zu können? Obendrein habe das Haus am Hamburger Johannes-Brahms-Platz eine „wunderbare Akustik“, und das Orchester dort sei zwar „klein, aber sehr gut“.
Natürlich ist das größere Staatsorchester auch sehr gut. Das hat der temperamentvolle Franzose wieder und wieder betont, und er hat es in der ihm eigenen überwältigend-weltumarmenden Art getan, die seinem Gegenüber schlichtweg keine Chance lässt zu Einwänden. Wenn sich Cambreling begeistert (was er eigentlich permanent tut), dann ist man unweigerlich mit ihm Feuer und Flamme. Das gilt sogar für das bloße Zuhören – und sogar bei Musik unserer Zeit. Selbst bei zunächst spröde wirkenden zeitgenössischen Klängen gelingt ihm das Kunststück, Klarheit mit Enthusiasmus zu vereinen. Heraus kommt ziemlich oft Neue Musik, aus der die Flammen züngeln. Zuletzt konnte man das im Neujahrskonzert 2018 bei Helmut Lachenmanns „Marche fatale“ erleben, den der begeisterte Cambreling nach der Uraufführung gleich ein zweites Mal gab, mitsamt jenem verschmitzten Knallfrosch-Knacken, das Lachenmanns altersmilde lächelndes Werk beschließt. Es gibt gute Gründe, warum der Mann mit dem wippenden Zopf seit nunmehr 21 Jahren erster Gastdirigent des auf Neue Musik spezialisierten Klangforums Wien ist.
Die Musik soll in der Oper von Anfang an dabei sein
Nun ist Schluss in Stuttgart. Ob er nicht habe bleiben wollen? Nein, nein, winkt Cambreling ab, „sie kriegen einen Neuen, und ich war ja nicht der Erste“. Außerdem seien sechs Jahre als Chef doch eine ziemlich gute Zeit, nach der es „neue Impulse und neuen Enthusiasmus“ brauche, auch für ihn selbst. Vor seinem Engagement in Stuttgart ist er zehn Jahre am Théâtre de la Monnaie in Brüssel gewesen, viereinhalb in Frankfurt, zwölf beim SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg; seit neun Jahren (und noch bis 2019) leitet er außerdem als Chefdirigent das Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokio.
Die Oper, zugegeben, wird er vermissen, vor allem die Zusammenarbeit mit Jossi Wieler und Sergio Morabito, denn die sei immer „so intensiv und extrem angenehm“ gewesen. Überhaupt habe er in Stuttgart in so engem Kontakt mit den Regieteams gestanden, wie das sonst kaum möglich sei – und es ist ihm wichtig, dass die Musik im Musiktheater immer von Anfang an dabei ist. Ob es dabei schon mal Streit gab? „Ich akzeptiere nicht alles“, sagt Cambreling, „ich bin nicht nur Begleiter. Ich bin bereit, Risiken einzugehen, aber wenn eine szenische Idee gefährlich ist für das Zusammenspiel, die Balance oder die Sänger, dann fange ich an zu diskutieren. Manches mag für die Premiere ja gehen, aber wie fragil ist eine Aufführung danach, also im Repertoire und bei der Wiederaufnahme?“ Lösungen hat man aber immer gefunden.
Wie verändern sich Menschen nach einer Katastrophe?
Auf dem Tisch im Dirigentenzimmer liegt die Partitur des Stücks, das an diesem Sonntag als letzte Premiere der Ära Jossi Wieler an der Stuttgarter Oper uraufgeführt wird: „Erdbeben. Träume“ des 1955 in Hiroshima geborenen japanischen Komponisten Toshio Hosokawa ist ein einaktiges Werk, das auf Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben von Chili“ fußt. Der Schriftsteller Marcel Beyer hat dazu ein Libretto geschrieben, das, so Cambreling, „erzählt, wie sich Menschen nach einer Katastrophe verändern“.
Ein während des großen Tsunamis geborener autistischer Junge erfährt im Rückblick, wie seine Eltern ums Leben kamen. Es ist eine Geschichte von Gewalt, Liebe, Schönheit und von Wunden, die nie heilen. Hosokawa hat sie speziell für die Stuttgarter Sängerbesetzung und für den Staatsopernchor geschrieben, und Sylvain Cambreling schwärmt von den Momenten der Empathie und der Emphase, von einkomponierten Naturgeräuschen, von der Poesie der Sprache und der Klänge. „Die Musik“, sagt er, „ist eher konventionell, weil Hosokawa seine Zuhörer bewegen will. Sie ist sehr filigran, sehr textverständlich, dazu extrem emotional, vielleicht manchmal ein wenig sentimental, aber tief berührend.“
„Diese Oper“, meint der Dirigent, „könnte ein Repertoirestück werden. Sie hat das Zeug dazu.“ Er wird am Sonntag alles geben. Und am Tag nach der Premiere feiert er seinen siebzigsten Geburtstag. Für ihn kein Grund an den Ruhestand zu denken. „Wenn ich auf dem Podest stehe“, sagt Sylvain Cambreling, „bin ich glücklich. Warum sollte ich also damit aufhören?“