Ehemaliger Stuttgarter Generalmusikdirektor: Sylvain Cambreling Foto: dpa

Das Stuttgarter Staatsorchester und sein Ex-Chef Sylvain Cambreling eröffnen ihre Saison im Beethovensaal mit Schumann, Hosowaka und Tschaikowsky.

Töne, die aus dem Nichts kommen und am Ende dorthin entschwinden, aufblühende und zerfallende Klänge. Dazwischen aber brütet die Katastrophe – changierend zwischen unheilvollem Phlegma und dramatischer Eruption, die im atmenden Grundpuls der Komposition wiederum Beschwichtigung erfährt: In der Oper „Erdbeben. Träume“ von Toshio Hosokawa, 1955 in Hiroshima geboren und bedeutender japanischer Komponist der Gegenwart, kreist die Zeit. Das Werk wurde 2018 an der Stuttgarter Staatsoper uraufgeführt.

 

Jetzt konnte man das zwanzigminütige Orchester-Extrakt (als „Suite“ bezeichnet) im Saisonauftaktkonzert des Stuttgarter Staatsorchesters im Beethovensaal der Liederhalle erleben. Am Dirigierpult Sylvain Cambreling, der damals als Stuttgarter Generalmusikdirektor (GMD) auch die Uraufführung leitete. Die aktuelle Konzertsaison steht ja im Zeichen ehemaliger GMDs der Staatsoper. Neben dem aktuellen Amtsinhaber Cornelius Meister werden Lothar Zagrosek, Manfred Honeck und Dennis Russel Davies jeweils ein Abo-Konzert dirigieren.

Ein inspirierender Dirigent

Jetzt also Sylvain Cambreling (GMD von 2012 bis 2018), der energische Franzose mit dem weißen Zopf, aus Hamburg angereist, wo er die Symphoniker leitet. Cambreling ist ein sehr vielseitiger, inspirierender Dirigent, der gerne auch mal mit neuen Konzertformaten experimentiert, vor allem aber auch der zeitgenössischen Musik zugewandt ist. So ist Schwerpunktthema der aktuellen Konzertsaison der Hamburger Symphoniker das Schaffen des Stuttgarter Komponisten Helmut Lachenmann, der in Kürze seinen neunzigsten Geburtstag feiern wird.

Die intensive Beschäftigung mit Neuer Musik hat für Dirigierende in der Regel einen nicht unwesentlichen Einfluss auf ihre Deutung älterer Musik. Sie spiegelt sich in den meisten Fällen auch in den Interpretationen klassisch-romantischer Werke wider. Sie arbeiten die Strukturen genauer heraus, vieles wird durchsichtiger, farbiger.

So auch bei Cambreling. Er ist vielleicht nicht der allerakribischte Dirigent – manchmal klappert’s ein bisschen im Zusammenspiel des Orchesters –, aber er ist einer, der in die Seele der Werke vordringt und das unmittelbar hörbar macht. Er dirigiert aus der Tiefe des Klangs, bleibt nie an der Oberfläche. Erlebbar in diesem Konzert nicht nur in Hosowakas „Erdbeben. Träume“, sondern vor allem auch in Pjotr Tschaikowskys Vierter Sinfonie.

Nicht so pathetisch aufgeladen

Exzellent spielt sie das Staatsorchester an diesem Sonntagmorgen, eines der Werke, in denen Tschaikowsky sein Leiden an der Welt in Töne gegossen hat, eine seiner „Seelenbeichten“, in denen ein „Schicksalsthema“ die Form beeinflusst – hier die prägnante, signalartige Fanfare der Hörner und Fagotte des Beginns. Die überbordende Gefühlswelt dieser Sinfonie, dieses „immer etwas zu viel“, lässt Cambreling natürlich zu ihrem Recht kommen.

Aber in seiner Leitung wirkt das Ganze gar nicht so pathetisch aufgeladen, so aufdringlich wie so oft, eher natürlich, und damit viel anrührender. Melancholie wie im lyrisch-innigen und herzergreifend gespielten langsamen Satz lässt er sich voll entfalten, aber Gesten, die gerne als triumphal gedeutet werden, wirken jetzt eher ungeheuer wütend – ob im ersten Satz oder im rasenden Finale, das nun seine ungeheure Sprengkraft noch unmittelbarer entwickeln kann. Emotionen ohne Schönmalerei halt. So wirkt das von knöchernen Staccati durchzogene Scherzo so gar nicht fröhlich, vielmehr sehr bissig.

Begonnen hatte das Konzert mit Robert Schumanns sehr selten aufgeführtem, zutiefst romantischem Konzert für vier Hörner. Es bietet keine solistische Zurschaustellung, vielmehr ein geordnetes virtuoses Miteinander und farbliche Kontraste. Die Sologruppe hebt sich selten vom kompakt instrumentierten Orchester ab.

Vielfältige Tonfälle

Es geht um die vielfältigen Tonfälle, zu denen das Horn befähigt ist und die von fröhlichen und rasend schnellen Jagdhorn-Fanfaren über melancholische, weiche Gesänge bis hin zu edler Erhabenheit im vierstimmigen Chor reichen. Pablo Neva Collazo, Fabian Schröder, Christina Heckmann und Martin Grom spielten das mitreißend schön und brillant. Die Dankesblumen plus einer Flasche Schampus überreichten ihnen dann die Orchesterhörner. Und Cambreling bekam am Ende sein Bukett von GMD Cornelius Meister. Eine feine Geste!