Farbklecks im Winterwunderland: Der Leuchtturm am Sylter Ellenbogen Foto:  

Sandgestrahlt und Spaß dabei: Im Winter zeigt sich das frostige Sylt von seiner entspannten Seite. Und viel günstiger als im Sommer ist es auch.

Heike Werner benutzt gerne Grillzangen. Aber sie wendet damit keine Steaks, sondern sammelt Müll auf. „Die Strände hier auf Sylt sehen auf den ersten Blick sauber auf. Aber wer genau hinschaut findet immer was“, sagt die 52-Jährige aus Westerland. An diesem Tag klauben 16 Freiwillige mit hölzernen Greifern bewaffnet 10,5 Kilogramm Unrat auf: Styropor, Drahtstücke, Plastiktüten mit chinesischen Schriftzeichen, Schnipsel von Fischernetzen. Anderthalb Stunden hat es gedauert, nun ist ein drei Kilometer langer Abschnitt südlich der berühmten Strandbar Sansibar wieder tipp-top. Heike Werner entsorgt die „Beute“ in einer Mülltonne, dann gibt’s zum Aufwärmen heißen Tee für alle.

 

Ein halbes Lotsenboot wurde schon angeschwemmt

Vor vier Jahren hat Heike Werner dem Müll auf Sylt den Kampf angesagt und „Bye-bye Plastik“ gegründet. 14 Mitstreiter organisieren regelmäßig Aufräumaktionen. Die Termine stehen in der „Sylter Rundschau“ oder im Internet. Mitmachen kann jeder. Eine ganze Haustür und ein halbes Lotsenboot wurde schon am 40 Kilometer langen Weststrand gefunden. Dazu Barbiepuppen, Schaufeln, Sandförmchen. Im Winter, wenn die Stürme brausen, spülen die Wellen viel Abfall aus dem Meer an den Strand. Im Sommer kommen die Hinterlassenschaften eher von den Menschen auf der Insel.

Vor vier Jahren hat Heike Werner dem Müll auf Sylt den Kampf angesagt und „Bye-bye Plastik“ gegründet Foto: Susanne Hamann

„Die wenigsten werfen absichtlich etwas weg. Aber jedem von uns fällt man zufällig was aus der Tasche“, sagt Heike Werner. Sie möchte nicht belehren, sondern sensibilisieren: Wenn jeder am Tag drei Dinge einsammelt und schon beim Einkaufen darauf achtet, weniger Plastik zu benutzen, dann sei schon viel gewonnen.

Das Höchste in Deutschland: die Insel Sylt. Foto: STZN/Locke

Auch wenn sie privat unterwegs ist, hat Heike Werner immer eine Abfalltüte dabei: „Man bekommt mit der Zeit einen Müllblick. Wegschauen kann ich nicht.“ Die Thermoskanne kreist. Die bunt zusammengewürfelte Mischung aus Urlaubern und Insulanern hält noch ein kleines Schwätzchen. Dann zerstreut sich das Strandreinigungsteam, stolz und gut gelüftet.

Sylt im Winter, das bedeutet rote Wangen und eingefrorene Nasenspitzen. Die steife Brise aus Nordost sticht wie tausend Nadeln ins Gesicht, nach dem Strandspaziergang fühlt man sich wie sandgestrahlt. Laufen auf gefrorenem Sand geht einfacher als gewohnt – man sinkt nicht so fies ein. Der Strandhafer in den Dünen ist mit glitzerndem Raureif überzogen. Manchmal braust die Gischt wild auf. Dann liegt die Nordsee wieder da wie ein nasser Lappen. Im Watt schwimmen Eisschollen. Der hektische Trubel des Sommers ist ganz weit weg.

„Moin“ ist der tageszeitunabhängige friesische Universal-Gruß

Man hat die Insel fast für sich allein. Hin und wieder begegnen sich dick eingemummelte Gestalten, nicken sich freundlich zu oder rufen fröhlich „Moin“, den tageszeitunabhängigen friesischen Universal-Gruß. Besonders ruhig sei es von Januar bis März, mit einer Einschränkung: Zum Biikebrennen, dem traditionellen Feuerfest am 21. Februar, herrscht kurzzeitig wieder Hochbetrieb, erzählt der äußerst gesprächige Verkäufer in der Edelboutique auf dem Kampener Strönwai. Ganz offensichtlich freut er sich, dass der kalte Wind ihm potenzielle Kundschaft in den Laden geweht hat. Auch der Wirt der Goldenen Möwe hat nun viel Zeit für seine Gäste: „Im Sommer meiden die Sylter die Promenade von Westerland. Aber jetzt im Winter kommen sie gerne“, sagt Fabian de Vries. Auf den Straßen sind viel weniger Autos unterwegs. Und wenn dann solche mit „NF“-Kennzeichen – Kreis Nordfriesland. Parkplätze, in der Hochsaison Mangelware, findet man an jeder Ecke. Klar, viele Restaurants, Hotels und Geschäfte nutzen die Zeit, um selbst mal Urlaub zu machen. Halb Sylt, sagt man, trifft sich im Januar auf Fuerteventura. Doch erstaunlich viele Betriebe haben geöffnet. Eine gute Gelegenheit, dort Essen zu gehen, wo man im Juli einen Tisch erben muss, oder sich da einzumieten, wo es im Sommer viel teurer oder ausgebucht wäre.

Zum Beispiel im legendären Hotel Stadt Hamburg, eröffnet 1869 und seit 150 Jahren der Inbegriff Sylter Gastlichkeit. „Wir sind ein Hotel für schlechtes Wetter, dann punkten wir mit Wärme“, sagt Hoteldirektor Christian Wirsich. Den typischen Frosturlauber beschreibt der 46-Jährige als tiefenentspannt mit Lust auf die Natur. „Wintergäste haben Zeit, das Wetter ist ihnen völlig egal“, sagt Wirsich.

Werner Mansen kennt sich im Watt aus. Foto: Sylt Marketing

Macht der Wattwurm eigentlich Winterschlaf? „Nee, der gräbt sich höchstens tiefer ein“, erzählt Werner Mansen. Das 73-jährige Sylter Urgestein – eine Hausgeburt in List – studierte Biologie und leitete bis zu seiner Pensionierung das Naturzentrum in Braderup. Durchs Watt führt er noch immer. Weil es ihm Spaß macht und weil ihm die Insel am Herzen liegt. „Wir müssen begreifen, wie kostbar die Natur ist“, sagt Mansen. Daher marschiert er auch im Winter mit kälteresistenten Touristen um die Hörnum Odde. Früher dauerte so ein Spaziergang dreieinhalb Stunden. Jetzt schafft man es in sechzig Minuten „Man kann förmlich zusehen, wie die Südspitze ins Meer gezogen wird.“ Kurz vor der Nachbarinsel Amrum sind neue Sandbänke entstanden. Mansen mag es auch, wenn es draußen so richtig schön braust und stürmt. „Dann setze ich mir meinen Südwester auf, ziehe Ölzeug an und stelle mich raus“, sagt der Nationalparkwattführer.

Wem Kälte nichts ausmacht, hat im Winter auf Sylt die Chance auf besondere Erlebnisse. Zum Beispiel eine köstliche oldenburgische Linsensuppe oder eine Minestrone beim Suppenkönig. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, immer pünktlich um 12 Uhr, bilden sich vor der kleinen Bude von Maurice Morell in List lange Schlangen. Zumindest im Sommer. Es hat sich herumgesprochen: was der 65-Jährige in seinen vier Zaubertöpfen da köchelt, schmeckt wie bei Muttern. Samtige Cremesuppen oder Gemüseeintöpfe, alles regional und frisch. Kein Chichi.

Suppe ist sicher vor den Möwen

Morell krempelte vor acht Jahren sein Leben komplett um, hängte den Job als PR-Berater an den Nagel und zog auf die Insel. „Ich dachte mir, wir brauchen hier noch anderes Street Food außer Fischbrötchen“, sagt der Hamburger. Seine Suppen sind nicht nur Glück zum Löffeln, sondern auch möwensicher – im Gegensatz zu belegten Semmeln werden sie nicht aus der Luft geklaut. Suppensaison ist immer. Im Sommer verkauft Morell 120 Portionen, im Winter 30. Weniger Andrang bedeutet mehr Zeit für einen Schnack. Auch jetzt löffelt die Kundschaft direkt vor Ort, auf Gartenstühlen und in Strandkörben in Morrells kleinem Freiluftwohnzimmer. Es gibt schließlich kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Info

Anreise
Mit dem ICE nach Hamburg-Altona, weiter mit dem Regionalexpress nach Westerland, www.bahn.de .

Unterkunft
Antiquitäten, Motivtapeten und dicke Teppiche: Im historischen Ambiente des Hotels Stadt Hamburg fühlt man sich wie zu Besuch bei englischem Adel. Das 1869 gegründete Haus in der schicken Westerländer Strandstraße bietet dezenten Luxus, in der Bar treffen sich auch die Einheimischen. Doppelzimmer ab 280 Euro ohne Frühstück, www.hotelstadthamburg.com .Severin’s Resort & Spa am Rande des hübschen Kapitänsdorfs Keitum punktet mit einem üppigen Spa-Bereich, kuscheligem Kaminfeuer und dem Sternerestaurant Tipken’s by Nils Henkel. Doppelzimmer mit Frühstück ab 400 Euro, www.severins-sylt.de .Klein, fein und mit doppeltem Meerblick: Frisch renoviert: Hotel Strönhof in Kampen. Doppelzimmer ab 195 Euro pro Nacht, https://stroenhof.com .

Essen und Trinken
Was gibt es Schöneres im Winter als eine heiße Suppe? Maurice Morell und sein Sylter Suppen-Wagen in List sind Kult. Die Portion kostet 10 Euro, Nachschlag gibt’s kostenlos – solange der Vorrat reicht, www.sylter-suppen.de/ .Neuer Betreiber in der Butcherei: Constantin Nordmann aus Hannover, früher im Gosch am Kliff in Wenningstedt, hat das Steakhaus in Keitum übernommen. Neben Fleisch aus dem 800 Grad heißen Ofen gibt es jetzt auch Schätze aus dem Meer, https://butcherei-sylt.de/ .In prominenter Lage an der Westerländer Kurpromenade hat im Sommer 2024 der Surfer-Deli Zur Goldenen Möwe eröffnet. Im Angebot: Focaccia, Drinks, leckerer Kaffee. Im Winter bespielt das Team um Fabian de Vries, bekannt als Betreiber des Tofree am Campingplatz Tinnum ( https://tofreenorth.com/ ), auch die Räume der benachbarten Galerie. Das sogenannte Winterwohnzimmer ist noch bis März geöffnet, Infos: https://www.instagram.com/goldene_moewe_sylt/?hl=de .Schönes, maritimes Ambiente, herzlicher Service, gutes Essen: In der Seekiste in Westerland gibt es norddeutsche Spezialitäten wie Labskaus oder Scholle Büsumer Art. https://seekiste-sylt.de .

Aktivitäten
Die Teilnahme an einer Wattwanderung kostet ca. 12 Euro pro Person. Buchbar unter: www.sylt-wattwanderungen.de . Wer beim Strandreinigen helfen möchte findet Termine und Treffpunkte unter https://byebyeplastik.com/ .

Allgemeine Informationen
Sylt Marketing, www.sylt.de