Regisseur Joachim Lang (rechts) mit Ballettstar Eric Gauthier bei einer Filmpremiere in Stuttgart: Die beiden haben mehrfach zusammengearbeitet. Foto: Klaus Schnaidt

Sollte der SWR nicht stolz sein, dass er einen Regisseur in den eigenen Reihen hat, dessen Film „Führer und Verführer“ gerade als Meisterwerk gefeiert wird und der bald „Cranko“ ins Kino bringt? Stattdessen will der Sender Joachim Lang loswerden. Was steckt dahinter?

Es ist die Geschichte eines unbequemen Mitarbeiters, der den Mund aufmachte, als eine Kollegin glaubhafte Beweise vorbrachte für den Vorwurf, ein Vorgesetzter habe sie sexuell belästigt. Sein Arbeitgeber, der SWR, so schien es, wollte den Fall unter den Teppich kehren. Joachim Lang wehrte sich dagegen, wurde degradiert, zog vor Gericht, bekam in allen Instanzen Recht. Der heute 64-Jährige blieb also beim Sender, der nun erklärt: Die betriebsbedingte Änderungskündigung sei leider unumgänglich, weil der Sparkurs dies verlange.

 

Der Regisseur weilte gerade in Berlin, wo sein international hoch gelobter Antikriegsfilm „Führer und Verführer“ (selbst die „New York Times“ berichten begeistert darüber) Premiere feierte – da landete das Kündigungsschreiben in seinem Briefkasten. Joachim Lang äußert sich nicht dazu. Auch wenn er vermutlich innerlich kocht, muss er nach außen schweigen, um seine Chancen vor Gericht nicht zu schmälern. Wieder einmal dürfte es zum juristischen Schlagabtausch kommen – SWR versus Starregisseur.

Der Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross muss sich im Gegensatz zu Lang nicht zügeln. „Instinktlosigkeit“ wirft er dem SWR vor, der ausgerechnet zum Zeitpunkt der Filmpremiere in Berlin die Kündigung ausgesprochen habe. Dass kein offizieller Vertreter des SWR dabei ist, wenn der Stuttgarter Autor etwa auf dem Münchner Filmfest mit dem Publikumspreis geehrt wird, überrascht nicht, wenn man weiß, wie das Zerwürfnis seit Jahren immer noch schlimmere Kreise zieht.

Verdi-Mann Gross bescheinigt SWR-Intendant Kai Gniffke, „einen Kurs der leichten und seichten Unterhaltung, am liebsten im Digitalen“ zu fahren, statt den Rundfunkauftrag zu erfüllen. Der Staatsvertrag verlange nämlich, dass der SWR Spielfilme herstelle, deshalb könne der Sender Langs Vertrag nicht einfach beenden. Als Verantwortlicher für „Spielfilmsonderprojekte“ ist ihm betriebsbedingt und fristlos gekündigt worden. Man bot ihm eine Weiterbeschäftigung in einem anderen Bereich an.

Seine Filme dreht der SWR-Mann im Urlaub oder nimmt unbezahlte Freizeit

Seit Jahren nimmt Joachim Lang Urlaub oder unbezahlte Freizeit, wenn er Filme dreht, auf Promotour geht oder Preise entgegennimmt. Auch für den 20. September wird er freinehmen, wenn die Stuttgarter Staatstheater zur Premiere seines mit Spannung erwarteten Films „Cranko“ über den großen Choreografen ins Opernhaus einladen. Viel Prominenz wird erwartet. Die ersten aus der Ballettfamilie haben den Film vorab gesehen und sind begeistert.

Es läuft also gut für die kreative Arbeit des Regisseurs – wenn er nur nicht immer vor Gericht gegen seinen Arbeitgeber ziehen müsste. Damit will er, wie es bei der Verdi heißt, „den SWR endlich dazu bringen, Recht und Gesetz und vereinbarte Verträge einzuhalten“. Angeblich einen sechsstelligen Betrag an Gebührengeldern soll der Sender bisher in die juristischen Auseinandersetzungen mit seinem langjährigen Beschäftigten gesteckt haben, laut Verdi „einzig mit dem Ziel, dass Lang keine Filme mehr machen darf“.

Was der SWR dazu sagt

Die jüngste Erklärung des SWR-Sprechers Valentin Nann lässt vermuten, dass sich erneut das Gericht damit beschäftigen muss. Wer den Regisseur kennt, weiß, dass er sich erneut wehren wird. Dabei hätte der Sender nur noch ein wenig warten müssen. Zum 1. Januar 2026 geht Joachim Lang in den Ruhestand.

Der SWR-Sprecher weist darauf hin, dass der Sender vom Jahr 2025 an „von einem dauerhaften strukturellen Defizit von rund 70 Millionen Euro pro Jahr“ ausgehe. Die notwendigen Einsparmaßnahmen betreffen nach seinen Worten viele Bereiche in Verwaltung, Produktion, Infrastruktur und Programm.

Die Streichung der Spielfilmprojekte, für die Lang arbeite, sei Teil dieses Sparprozesses. „Darauf beruht die nun ausgesprochene Änderungskündigung“, erklärt Valentin Nann, „sie zielt nicht darauf ab, das Arbeitsverhältnis zu beenden, sondern es auf die bereits kommunizierte Einstellung der Spielfilmsonderprojekte anzupassen.“

Lang dürfe also weiterhin „Aufgaben rund um ,Führer und Verführer’ und ,Cranko’ wahrnehmen, Filmprojekte an der Filmakademie zum Abschluss bringen und vereinbarte Dokuprojekte umsetzen“, erklärt der Sprecher. Der SWR werde auch die Kinopremiere des Films über die Ballettlegende „im üblichen Umfang“ begleiten. Zudem werde der Sender die Filme als Koproduzent nach Ablauf der Sperrfristen im Programm zeigen.

Verdi: „Dies kommt einem Berufsverbot gleich“

„Das wirkt wie eine hilflose Ausrede, denn die Filme sind längst fertiggestellt und dass der SWR über diese Filmereignisse berichten wird, gehört zu seinen journalistischen Pflichten“, heißt es bei Verdi, die die „Änderungskündigung“ als Kündigung einstuft. Der SWR werde weiterhin in hoher Zahl Spielfilme mit Autoren und Regisseuren produzieren, nur Lang dürfe es nicht mehr machen. „Dies kommt einem Berufsverbot gleich“, protestiert die Gewerkschaft.

Wenn man wissen will, was das Zerwürfnis zwischen den SWR-Oberen und ihrem erfolgreichsten Regisseur ausgelöst hat, muss man 18 Jahre zurückblicken. In den Gerichtsunterlagen steht, dass die SWR-Mitarbeiterin, für die sich Lang eingesetzt hat, im Jahr 2006 von einer Führungskraft des Senders – damals Direktor und Mitglied der SWR-Geschäftsleitung - belästigt worden sei. Bei einer Preisverleihung habe er an ihren Busen gefasst und gesagt, dort solle sie sich das SWR-Logo tätowieren. Dafür gibt es laut Gericht Zeugen.

Der Beschuldigte streitet Vorwürfe der sexuellen Belästigung ab

Später habe der Vorgesetzte die Mitarbeiterin über einen Vorwand zu sich nach Hause gelockt und sei dort übergriffig geworden. Dies alles ist in den Gerichtsunterlagen nachzulesen – aber auch, dass damals der Beschuldigte die Vorwürfe abgestritten hat. Aussage steht gegen Aussage. Sandra D. blieb dem Beschuldigten jahrelang unterstellt.

Die Vorfälle von vor 18 Jahren scheinen aktueller denn je. Sandra D. bekam in allen gerichtlichen Instanzen recht, auch beim Bundesarbeitsgericht. Laut Gerichtsurteil hat der Sender „gegen Treu und Glaube“ verstoßen sowie seine „Schutz- und Rücksichtnahmepflichten verletzt“. Auf der Vorgeschichte, erklärten die Richter, habe der SWR gegenüber Sandra D. „eine erhöhte Pflicht zur Rücksichtnahme“. Dennoch kündigte der SWR ihr die durch das Urteil zugesprochene Redaktionsleitung „Spielfilmsonderprojekte“. Künftig soll sie Kulturdokus machen, keine Spielfilme mehr.

Mit der nächsten Klage ist zu rechnen

Und jetzt folgt die Änderungskündigung von Joachim Lang, der sich für Sandra D. eingesetzt hat. Die Gewerkschaft Verdi lässt keinen Zweifel, dass der Betroffene erneut gegen seinen Arbeitgeber klagen wird. Ein unbequemer Regisseur gibt nicht so schnell auf. Wieder einmal wird der 64-Jährige Energie und Zeit in Gerichtsklagen aufwenden, obwohl er doch lieber einen neuen Film drehen würde. Und der SWR wird erneut Gebührengelder ausgeben, mit dem Ziel, die Änderungskündigung durchzusetzen.

Jetzt fragt sich manch einer aus der Kulturszene: Wird SWR-Intendant Kai Gniffke zur Premiere des von seinem Sender mitfinanzierten Films „Cranko“ am 20. September ins Opernhaus kommen, weil die Produktion etwas ist, auf die der SWR stolz sein kann?