Träumt von vier Dekaden Musikgeschichte: Sven Väth Foto: woellerphoto/Daniel Woeller

„Catharsis“, das neue Album von Sven Väth, läutet das Ende der Pandemie musikalisch ein. Im Interview spricht der DJ über Kokain, Ayurveda und Schwarzhalskraniche.

Stuttgart - Fast 20 Jahre sind vergangenen seit dem letzten Solo-Album von Sven Väth, Deutschlands erfolgreichstem DJ. Am 25. Februar erscheint „Catharsis“. Der Longplayer ist der Soundtrack der Lockerungen. Das Album funktioniert wie eine dramaturgisch geschickt aufgebaute Nacht im Club: Über treibende Percussions und pulsierenden Techno landet der Hörer am Ende bei entspannten Ambient-Ausflügen. Tiefenentspannt spricht der 57-Jährige mit der markanten Stimme am Telefon über vier Dekaden Musikgeschichte, Heimat im Plural und seinen Archivar.

 

Herr Väth, ist Ihr neues Album die Antwort auf die Pandemie?

Das schwingt mit, das war der Ausgangspunkt. Dazu wollte ich meine ganz persönlichen Geschichten erzählen, zum Beispiel was ich in Butan erlebt habe: Im Gangtey Valley kann man von Oktober bis Februar den Black Neck Crane beobachten, den Schwarzhalskranich. Morgens kommen die Kraniche zusammen, machen ein Tänzchen und geben diese Laute von sich. Und wenn sie im Februar wieder abfliegen, kreisen sie dreimal um das Gangtey-Kloster. Das ist für die Mönche ein heiliges Zeichen, das mich inspiriert hat: Deswegen hörst du die Kraniche im Titel „The Cranes of Gangtey Valley“.

Das Titelstück „Catharsis“ hat eine zweite Ebene, die ein wenig klingt wie der Gesang der Sirenen: hypnotisch. Wo haben Sie diesen Sound eingefangen?

Das sind Klangschalen, mit minimalem Gesang. 2016 war ich auf dem Ganges in Indien unterwegs, in Varanasi auf einem kleinen Holzboot. Als die Sonne unter- und der rote Vollmond aufging, ertönten die heiligen Gesänge. Das war ein magischer Moment. Den habe ich gespeichert auf meinem Telefon und wollte immer ein perkussives Stück daraus machen, für die Morgenstunden, wenn das Sonnenlicht hereinbricht, dann muss diese Nummer kommen. Den Song habe ich vor wenigen Wochen gespielt, im Dschungel Mexikos, kein Dach über uns und tausend lachende Gesichter.

Dort wird schon wieder getanzt, in Deutschland hoffentlich bald wieder. Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn ihr die Kultur fehlt?

Wenn eine Gesellschaft nicht mehr tanzen darf, wenn sie nicht mehr ins Theater kann, ins Kino, dann wird sie aggressiv. Die Menschen fragen sich dann: Für was mache ich das eigentlich alles, wenn ich nicht mal Spaß haben darf? Wenn man die Woche durcharbeitet, dann freut man sich darauf, mal wieder das Tanzbein zu schwingen oder ins Theater gehen zu können. Das ist der Nektar. Dann hat man wieder Energie, um in die nächste Woche zu starten. Wie man mit uns während Corona umgegangen ist, das war so uncharmant und dreist und grob kommuniziert. Ich sehe uns als Kultur und als systemrelevant.

Das letzte Stück des Albums heißt „Panta Rhei“, alles fließt, alles ist in Bewegung – wie bei einem Set von Sven Väth. Müsste man Sie also konsequenter Weise als den Heraklit des Techno bezeichnen?

(Lacht lange.) Dass alles im Fluss ist, ist meine Aufgabe. Das, was auf der Tanzfläche passiert, muss in Bewegung bleiben. Man muss sich fallen lassen können und zusammen einen großen Moment haben auf der Tanzfläche. Ich bin in dieser Situation Sender und Empfänger.

Ihr erstes Soloalbum nach fast 20 Jahren heißt „Catharsis“. Hatten Sie Ihre ganz persönliche Läuterung, als Sie bei der Geburt Ihrer Tochter auf Kokain im Kreißsaal standen?

Ja. In dem Moment, in dem ich sie das erste Mal auf dem Arm hatte, wurde mir klar, dass das das letzte Mal war, dass ich mit dem Zeug zu tun hatte. Das war ein Versprechen an meine Tochter. Ich war gerade mal 24.

War es einfach, von der Teufelsdroge, wie Sie sie nennen, loszukommen?

Es hat ein bisschen gedauert, körperlich und geistig, bis ich mich davon abgeschüttelt habe, mit viel Sport, viel Laufen und positivem Denken. Und ich musste mich dafür von vielen Freunden trennen. Wenn man in einem bestimmten Umfeld unterwegs ist, ist es unheimlich schwer, sich zu befreien, wenn alle anderen immer wieder ziehen und machen und dich wieder davon überzeugen wollen.

Hat die indische Heilkunst Ayurveda Ihnen dabei geholfen, ein gesünderes Leben zu führen?

Ayurveda mache ich seit 27 Jahren. Zwei Monate im Jahr bin ich vegan und trinke keinen Alkohol. Nach dem Sommer mit den ganzen Festivals ist man dann auch etwas ausgelaugt, da fand ich den Oktober dafür immer ganz passend, am 26. Oktober habe ich ja Geburtstag.

Früher haben Sie Ayurveda in Indien praktiziert, heute in einem Hotel in Traben-Trarbach an der Mosel.

Genau. Kennengelernt habe ich es in Indien, da hatte ich mal ein Haus in Goa, im Süden. Über einen Freund ist es an mich herangetragen worden, die Massagen, die Behandlungen, die haben mir sofort gutgetan. Später habe ich das auch immer vielen DJs weiterempfohlen, gerade auch den Stuttgarter Buben Ali und Basti Schwarz von Tiefschwarz.

Sie arbeiten seit 40 Jahren als DJ. Wie hat sich das Auflegen verändert in dieser Zeit, vom düsteren Dorian Gray im Frankfurter Flughafen über Ihren Club Omen bis zur Digitalisierung?

Die 80er waren sehr glamourös. Das Ende der Disco-Zeit, New Wave, Neue Deutsche Welle, New Romantic, da gab‘s noch kein Techno, da gab‘s noch kein House, das war ein Kessel Buntes. Das hat sich mehr und mehr verändert, als immer mehr DJs selbst Hand angelegt haben und ihre eigene Interpretation von Club-Musik geliefert haben. Da kamen die Impulse aus Detroit, aus New York, aus London, aus Frankfurt, aus Berlin. Die Nächte wurden länger, das lag dann auch an Ecstasy, so ab 1984. Mein Gott, die ersten Happy Pills, ich erinnere mich, das war alles ganz frisch und rein.

Später haben Sie das Omen in Frankfurt eröffnet, das für viele in den 90ern zum besten Club Deutschlands wurde.

Als ich Ende 89 im Omen die musikalische Direktion an mich gerissen habe und meinen Partnern gesagt habe, das wird jetzt ein reiner Techno- und Houseclub, war das schon eine Ansage. Die Leute sind angereist aus Dänemark, aus Belgien und allen Städten Deutschlands. Die haben gehört, da im Omen geht die Post ab, da legt der Sven die ganze Nacht auf und spielt radikal Techno …

… und dann kam die Love-Parade.

Genau. Es war spannend zu sehen, dass das international solch eine Welle gemacht hat. Alle waren überrascht, dass Deutschland tanzen kann. Techno war der Soundtrack des Mauerfalls. Zu der Zeit war ich zwei Monate im Jahr in Indien. Die haben die Musik auf den Partys Goa-Trance genannt und ich habe gesagt, nee, nee, die Musik kommt aus Frankfurt, das könnt ihr nennen, wie ihr wollt, das kommt aus dem Omen.

Und Ende der 90er waren die fetten Jahre auf einmal vorbei.

Jeder wollte mitmachen und jeder wollte mitverdienen. Irgendwann war die Luft draußen, da habe ich mich dann auch von der Love-Parade verabschiedet, im Jahr 2000. Bis dahin hatten wir aber alle eine gute Zeit.

Vermissen Sie diese Zeit manchmal? Das Vordigitale hatte ja auch etwas Unschuldiges, weil nicht irgendein Seggel einem die ganze Zeit mit dem Foto-Handy vor der Nase herumgesprungen ist.

Ich habe die Zeit voll gelebt und damit auch gut abgeschlossen. Ich bin kein Nostalgiker, sondern immer vorwärts gewandt. Ich bin dankbar, dass wir diese analoge Zeit erlebt haben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der aktuellen Generation das Interesse an der Clubkultur fehlt. Die sind nur auf große Events aus, die man teilen und liken kann, wollen Fotos machen von großen Bühnen, was wir als Techno ja eigentlich immer abgelehnt haben. Wir wollten nie so sein wie Rock ’n’ Roll. Und jetzt sind die Bühnen auf Festivals größer als bei den Rolling Stones.

Hat die Dauerverfügbarkeit von Musik die Jungen versaut? Weil sie nie im Plattenladen nach drei Stunden stöbern diese eine Platte entdeckt haben, die das Leben verändern kann?

Ganz genau. Deshalb spiele ich bis heute nur Vinyl. Ich reise mit meinen 50, 60 Kilo und zelebriere es, weil ich es liebe, Schallplatten zu spielen.

Wie viele Platten besitzen Sie?

Weit über 100 000.

Wie kaufen Sie ein?

Ich habe einen Archivar, Ingo Boss, ein ganz treuer Soldat, Mitarbeiter, Freund, der kümmert sich um mein Archiv. Der hat ein monatliches Budget zum Plattenkaufen und schickt mir die aktuellen Scheiben zu, nach London, Ibiza oder Thailand, je nachdem wo ich gerade bin. Die selektiere ich dann und zieh mir die Platten für meine Sets raus.

Wie lange wollen Sie das noch machen? Ist Mick Jagger ein Vorbild für Sie?

Ich war nie ein Rolling-Stones-Fan, aber wie er noch dasteht, das ist Wahnsinn. In New York bin ich immer im Park Hyatt, da habe ich Mick Jagger mal beim Training erlebt: Ich bin im Gym und auf einmal steht er neben mir mit seinem Trainer und fängt an, sein Programm zu machen. Wir haben uns nur angeschaut und gelacht. Ich habe dann ein paar Sachen mitgemacht, das war eine coole Situation.

Sie treiben viel Sport, um Ihr Pensum als DJ durchzuhalten.

Ich versuche bewusst zu leben, zu essen, zu trinken, das ist mir total wichtig. Ich mache kleine Mini-Triathlons zweimal die Woche, fahre viel Fahrrad und laufe gerne. Und höre ohne Ende Podcasts.

Welche Podcasts hören Sie am liebsten?

Ich erschaffe mir jede Woche ein audiophiles Magazin. Ich höre „Das philosophische Radio“ auf WDR 5 mit Jürgen Wiebicke, Johann Königs „Was mit Kunst“, „Ok, America?“ mit Klaus Brinkbäumer und Rieke Havertz, dazu die Morning Briefings von verschiedenen Verlagen. Weißt du, was das Interessante daran ist?

Verraten Sie es uns.

So lerne ich endlich mal die Journalisten richtig kennen. Da gibt es ein paar, die haben so sympathische Stimmen. Da geht’s auch mal richtig tief rein. Beim Sportmachen höre ich gar keine Musik, sondern nur Podcasts.

Was ist Heimat für Sie? Gibt es die für Sie nur im Plural?

So sieht‘s aus. Heimat ist für mich eigentlich Sprache. Heimat als Ort gibt es mehrmals. Ich bin seit über 20 Jahren fast jedes Jahr im Januar und Februar in Thailand. Auf Ibiza bin ich seit 40 Jahren. In London lebe ich seit acht Jahren. In Frankfurt sind meine Mama, mein Bruder. Mit meinem Freund, dem Künstler Tobias Rehberger, bereite ich da gerade eine Ausstellung vor, mit der das Museum of Modern Electronic Music (MOMEM) im April eröffnen soll.

Mit 16 haben Sie Ihre Mutter Monika geschockt, als Sie nach Barcelona getrampt und von dort mit der Fähre nach Ibiza gefahren sind. Sind Sie dankbar für das Vertrauen, das sie in Sie hatte?

Ich bin meiner Mutter extrem dankbar für alles. Sie hat mich eingeladen in ihre Diskothek Queens Pub in Neu-Isenburg, um dort zu spielen. Sie hat mir das Vertrauen geschenkt, da war ich 16 Jahre alt. Wenn ich mir heute 16-Jährige anschaue, das ist der Wahnsinn. Wir waren damals ohne Handy, die hat mich einfach gelassen. Wir haben manchmal wochenlang nicht telefoniert.

Ist Vertrauen die Währung, die Sie auch Ihren eigenen Kindern mitgeben?

Absolut. Und dass du vorlebst, was du wirklich liebst. Ich nehme Paulina und Tiga mit auf meine Partys, auf die Festivals, wenn ich mittags spiele, da bin ich als Papi mit voller Leidenschaft dabei.

Wie geht es Ihrer Mutter heute?

Meiner Mutter geht es sehr gut, die ist jetzt 77. An ihrem Geburtstag im vergangenen September habe ich für sie gespielt.

Was haben Sie da aufgelegt?

Für die Mami spiele ich ein bisschen Barry White, ein bisschen Marianne Rosenberg, ein bisschen Techno, ein bisschen Trance, ein bisschen Foxtrott, ein bisschen Elvis Presley, und sie tanzt dann zwei, drei Stunden durch. Und wenn sie weiß, ich bin da und mache das für sie, dann ist sie die glücklichste Mami der Welt.

Techno-Geschichte

Biografie
Sven Väth wird am 26. Oktober 1964 in Offenbach am Main geboren. Mit 16 legt der DJ und Musiker erstmals im elterlichen Tanzlokal Queens Pub in Neu-Isenburg auf. Im Club Dorian Gray im Frankfurter Flughafen erfolgt in den 1980er Jahren sein Durchbruch. In den 1990ern gilt das von ihm betriebene Omen in Frankfurt als bester Club Deutschlands. Am 25. Februar erscheint „Catharsis“, sein neues Soloalbum.

Museum
Im April soll das Museum of Modern Electronic Music (MOMEM) in Frankfurt mit einer Ausstellung über Sven Väth eröffnet werden, kuratiert von Tobias Rehberger, strukturiert von Torben Giese, dem Direktor des Stuttgarter Stadtpalais.