Zwei Jahre nach der Randale gehört der Schlossplatz wieder allen. Möglich macht das ein emotionaler Abend. Ein Modell für eine krawallfreie Zukunft?
Als es am Donnerstagabend um 17.28 Uhr zum ersten Mal laut donnert über der Stuttgarter Innenstadt, rechnen nicht wenige damit, dass Sven Väth an diesem Abend als zweiter Sieger aus dem Duell Techno-Gott gegen Wettergott hervorgehen wird. Eineinhalb Stunden später beginnt der DJ sein Set am Kunstmuseum auf dem Schlossplatz mit den Worten: „Jetzt kitzeln wir die Sonne mal ein bisschen heraus.“
Und wer sonst sollte allen Wettern Einhalt gebieten können als jener Sven Väth, dieser moderne Schamane, der vor bald 40 Jahren das Plattenauflegen neu definierte und den DJ als Star schuf? Da scheint selbst ein vorbeiziehendes Gewitter lieber Pause zu machen, aus Angst, etwas zu verpassen.
Alle feiern friedlich vereint
An diesem Abend, als 5000 Gäste bei freiem Eintritt tanzen, zur Licht-Klang-Kulisse von Väth und Künstler Tobias Rehberger am Kunstmuseum, sind die Krawalle, die vor zwei Jahren an derselben Stelle stattgefunden und den Schlossplatz bundesweit in Verruf gebracht hatten, weit weg.
Bei der Gewaltorgie damals waren der oder die Schuldigen schnell gefunden: Die Partyszene war’s, die es als homogene Szene aber gar nicht gibt. Das zeigt am Donnerstagabend ein Blick ins Publikum vor der Bühne: Da tanzen – friedlich vereint – Jugendliche, ältere Semester und Rave-Mamas mit Tochter und Pferde-Luftballon auf der Schulter – vermutlich das meistfotografierte Paar an diesem Abend.
In der zweiten Reihe zappeln zwei Drei-Tage-wach-Raver mit nacktem Oberkörper und Sonnenbrille, während ein kleiner Bub, den die freundliche Security über den Zaun hebt, dem Auftritt eher weniger Aufmerksamkeit schenkt, seinem Handy dafür umso mehr. Vermutlich überprüft er online gerade den Wert seiner Pokémon-Karten.
Hinter der Bühne dasselbe Bild: Eltern mit Kindern, Rave-Profis, Jäger und Sammler und Künstler, und alle bestechend gut gelaunt. Der Bildhauer Tobias Rehberger natürlich, in Esslingen geboren, hat die Fassade seiner Ausstellung „I do if I don’t“ im Kunstmuseum so gestaltet, dass sie mit Musik interagiert – an diesem Abend mit den Beats von Väth.
Das Beat-Bein als Blitzableiter
Das gefällt Ulrich Dietz, Unternehmer, Gründer, ehemaliger Geschäftsführer der GFT (Gesellschaft für Technologietransfer) und Kunstsammler, der gemeinsam mit Tobias Rehberger viele Projekte verwirklicht hat. „Ich schätze es, dass er neue Technologien wie den 3-D-Druck künstlerisch weiterentwickelt“, sagt Dietz und filmt mit seinem Handy Väth und Publikum.
Auf einer Techno-Veranstaltung kommt das sogenannte Beat-Bein zum Einsatz, dessen Fuß zum Takt wippt, um den Bass im Stile eines Blitzableiters zu verarbeiten. Bei Dietz ist es das linke Bein, das diese wichtige Funktion übernimmt. Hatte er Bedenken, den zentralen Platz von Stuttgart zu besuchen? „Ich habe vor gar nichts Angst“, sagt Dietz und filmt und wippt weiter.
Auch Alexander Stein, der mit seinem Monkey 47 ein Gin-Märchen geschrieben hat und nun mit dem Whiskey Horse with No Name Ähnliches vorhat, ist ganz im Glück. Er erlebt Väths Einstieg in den Abend hautnah mit auf der kleinen Bühne hinter dem DJ-Pult, auf der die Temperaturen bald Saunastärke erreichen. Väth startet mit dem Titelstück seines aktuellen Albums „Catharsis“, einem perkussiven Beat mit Klangschalen und minimalem Gesang im Hintergrund, den der Künstler 2016 auf dem Ganges in Indien aufgenommen hat.
Hätte Stein vor zwei Jahren gedacht, dass eine solche Großveranstaltung auf dem Schlossplatz möglich sein würde, bei freiem Eintritt? „Nicht einmal vor drei Monaten hätte ich das für möglich gehalten“, sagt Stein, neben dem Ulrike Groos tanzt, die Direktorin des Kunstmuseums und Initiatorin der Veranstaltung. „Es ist ein Fest für alle, für Jung und Alt, und alle haben Spaß“, sagt Groos. „Der Auftritt zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, bei denen sich die Stadtgesellschaft harmonisch begegnen kann.“
Techno-DJ und Ornithologe Eulberg
Das hatte sich bereits in den Wochen vor Väths Auftritt abgezeichnet. Die Stadtgesellschaft hatte den Schlossplatz Stück für Stück zurückerobert – mit vielen treibenden Kräften: von der Jugendhausgesellschaft, die Stefan Kraft mit seinem Kulturbüro Sorglos losgeschickt hatte, um auf dem Schlossplatz kulturelle Freiräume zu kreieren, bis zum Stuttgarter Wissenschaftsfestival, bei dem der Techno-Produzent und Biologe Dominik Eulberg auf dem Schlossplatz auftrat.
Auch Eulberg, der sich als Ornithologe mit komischen Vögeln auskennt, hatte die Randale auf dem Schlossplatz vor zwei Jahren in den Nachrichten verfolgt. „Wenn Angebote gemacht werden und Menschen die Musik gemeinsam zelebrieren können, dann ist das sozialer Klebstoff für die Gesellschaft“, sagt Eulberg, der im Rahmen der Wahl zum Vogel des Jahres 2021 die zehn gefiederten Topkandidaten vertont hat.
Wenn Clubs oder Open Airs fehlen, zeige sich dagegen, dass man die Hormone nicht kanalisieren könne, sagt Eulberg und spielt auf das männliche Sexualhormon Testosteron an. „Männer verteilen am Ende vielleicht Kopfnüsse, Frauen hingegen ziehen häufiger die Handbremse und belassen es bei giftigen Blicken und Geschrei“, schreibt Evolutionsbiologin Carole Hooven in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „T wie Testosteron: Alles über das Hormon, das uns beherrscht, trennt und verbindet“.
Am Donnerstag überwiegen auf dem Schlossplatz eindeutig die Glückshormone. „Danke, Kunstmuseum, dass du die Stadt besser gemacht hast“, sagt Waranga-Geschäftsführer Daniel Mattes, der sich immer wieder über die Stimmung rund um den Schlossplatz beschwert hatte. An manchen Abenden habe er Angst gehabt, seine Gäste durch die Trauben junger und alkoholisierter Männer wieder nach Hause zu schicken.
Bürgermeisterstückchen im Citizen Long
Mattes sitzt mit Rehberger, Groos, Väth, Torben Giese vom Stadtpalais und anderen ausgewählten Gästen im Restaurant Citizen Long an der Stiftskirche, um den Abend bei Mangosalat, Wolfsbarsch-Ceviche und Bürgermeisterstücken vom Rind Revue passieren zu lassen. Rehberger und Väth strahlen um die Wette. „Ich habe von Anfang an gespürt, wie sehr Sven sich ins Zeug legt“, sagt Rehberger. „Die Leute sind mit erfüllten Herzen nach Hause gegangen“, sagt Väth, ehe er sich in die Nacht verabschiedet.
Zu diesem Zeitpunkt hat es längst wieder angefangen zu regnen. Pünktlich zu den letzten Klängen von Väth auf dem Stuttgarter Schlossplatz zucken wieder Blitze am Abendhimmel, als warte der Wettergott das Ende der Veranstaltung höflich ab, um dem Techno-Gott nicht dazwischenzufunken. Und während Sven Väth zum nächsten Auftritt nach Süditalien weiterzieht, scheint sich die Stadtgesellschaft in Stuttgart wieder versöhnt zu haben mit dem Schlossplatz.