„Niveau beim FC Bayern ist sensationell“: Ex-VfB-Keeper Sven Ulreich Foto: dpa

Sven Ulreich (27) hat bei Bayern München auch als Ersatztorhüter sein Glück gefunden. „Der Verein ist noch viel professioneller aufgestellt, als ich dachte“, sagt er vor seinem ersten Duell gegen seinen Ex-Club VfB Stuttgart an diesem Samstag.

- Herr Ulreich, Hand aufs Herz: Wer steht am Samstag gegen den VfB im Tor des FC Bayern?
Manuel Neuer. Wieso fragen Sie?
Weil Trainer Pep Guardiola in der Vergangenheit immer mal der Nummer zwei eine Chance gegeben hat. Ein Spiel gegen Ihren Ex-Club wäre doch ein Schmankerl für Sie, oder?
Dazu wird es nicht kommen. Wir sind streng fokussiert, wollen Ziele erreichen.
Meister, Pokalsieger, Champions-League-Sieger – schön und gut. Doch Sie sind Zuschauer.
Kein Problem. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Glauben Sie mir: Ich fühle mich sehr gut – auch abseits des Vereins.
Sie haben sich gut eingelebt?
Super. Wir haben ein Haus etwas außerhalb. Ich bin schnell am Trainingsgelände und kann den Stadtverkehr umgehen. Und München ist eine superschöne Stadt.
Ein Makel bleibt: Ihre Frau Lisa lebt in Stuttgart, weil sie als Grundschullehrerin nicht so einfach das Bundesland wechseln kann.
Lisa zieht im Januar nach München. Wir erwarten im Februar Nachwuchs, dann geht sie ohnehin erst mal in Mutterschutz.
Und so lange pendeln Sie?
Wir haben ja in Stuttgart ein Haus gebaut, da haben wir also eine Bleibe. Wir haben relativ häufig frei beim FC Bayern.
Wie? Bei den vielen Spielen?
Das dachte ich auch, trotzdem haben wir in der Regel einen freien Tag pro Woche. Da bin ich häufig in Stuttgart, aber ich bin auch in München schnell heimisch geworden. Ein Tag am Tegernsee ist was Wunderbares, es gibt schöne Biergärten, ich kann mit meinen Hunden an der Isar spazieren gehen und gehe mit manchen Mitspielern auch mal essen.
Mit wem bevorzugt?
Joshua Kimmich, Sebastian Rode, Jan Kirchhoff. Auch mit Thomas Müller und Manuel Neuer kann man immer Spaß haben.
Manuel Neuer? Der ist doch Ihr Rivale!
Wir können gut miteinander, das gilt auch für Tom Starke (dritter Bayern-Torhüter, Anm. d. Red.). Wir trainieren gut, konzentrieren uns auf unseren Job und haben Spaß miteinander. Ich kann mir von Manu viele Details abschauen und kann sagen: Ich bin schon jetzt ein besserer Torwart geworden.
Woran machen Sie das fest?
Der FC Bayern hat auch beim Torwartspiel eine eigene Philosophie. Die Umsetzung ­gelingt mir phasenweise schon ganz gut.
Ein Beispiel?
Beim VfB wurde mir häufig vorgehalten, dass ich lange Bälle nach vorn geschlagen habe. Aber das haben die meisten Trainer in Stuttgart von mir gefordert. Das wussten viele Außenstehende nicht. Ich weiß, dass ich fußballerisch nicht zu den Allerbesten gehöre. Aber ich kann mit beiden Füßen spielen. Es lag und liegt einfach am Spielsystem. Beim FC Bayern wird extrem gefordert, dass die Mannschaft von hinten herausspielt, das ist eine ganz andere taktische Ausrichtung.
Was lernen Sie unter dem Torwarttrainer Toni Tapalovic, was Sie bisher nicht konnten?
Ich bin mit einer guten Torwarttechnik nach München gegangen. Jetzt kommen andere Einflüsse hinzu, das wollte ich ja.
Welche?
Tapalovic hat ein Grundgerüst an Übungen, aber er ist auch offen für Neues. Er zeigt mir Videoanalysen von fast jedem Training und macht spezifische Übungen mit mir.
Hat das Andreas Menger beim VfB nicht gemacht?
Es geht nicht um besser oder schlechter. Andy Menger macht auch ein super Training, unter ihm habe ich mich super entwickelt. Mein neuer Verein hat nur eine andere Philosophie. Ich freue mich jedenfalls, dass ich zwei solche Fachleute hatte und habe.
Wo können Sie sich noch verbessern?
(Lacht) Es wäre schade, wenn ich mit 27 Jahren ausgelernt hätte. Ich hoffe, dass ich mich noch mehr festigen kann.
Beschreiben Sie doch mal diese Siegermentalität, die man beim FC Bayern angeblich auf Schritt und Tritt spüren kann – im Clubzentrum, in der Kabine, bei den Spielen sowieso.
Da möchte ich vorausschicken: Den FC Bayern und den VfB kann man nicht vergleichen. Jeder Verein hat seine eigene DNA. In München will jeder Spieler jedes Trainingsspiel gewinnen, dafür arbeitet jeder knallhart. Diese Haltung spürt man im ganzen Verein. Der FC Bayern ist viel professioneller aufgestellt, als ich gedacht hatte. Alles, wirklich alles, ist dem Erfolg untergeordnet.
Nehmen Sie uns doch mal mit in die Kabine. Sie treten ein – was spüren Sie da?
In Stuttgart hatten wir in den vergangenen Jahren oft negativen Druck. Hier herrscht eine positive Grundstimmung. Jeder freut sich, jeder Spieler ist von sich überzeugt, weil er weiß: Wenn jeder seine Leistung bringt, gewinnen wir das nächste Spiel.
Höchstes Leistungsklima zu jeder Minute?
Jeder, auch ich, muss sich täglich beweisen. Beim VfB haben wir auch immer Gas gegeben, aber hier geht es viel taktischer zu, da muss auch der Kopf ständig mitspielen. Wir arbeiten auf einem sehr hohen Niveau.
Das Niveau im Bayern-Training kommt dem Niveau der VfB-Spiele recht nahe – Einspruch?
Wie gesagt, Vergleiche verbieten sich.
Weil der VfB zwangsläufig schlecht wegkommt, was ja schon die Tabelle aussagt?
Genau. Ich kann nur sagen: Das Niveau in München ist sensationell hoch.
Wie häufig redet Pep Guardiola mit Ihnen, wie eng ist der Kontakt zu Sportvorstand Matthias Sammer?
Mit beiden ist ständig ein Austausch da. Ich freue mich über jede Anregung. Ich will ­wissen, worauf sie bei mir Wert legen.
Am Samstag treffen Sie zum ersten Mal auf Ihren Ex-Club. Der Abschied im Sommer war nicht gerade harmonisch. Manche Fans lästerten, Sie würden mit 26 Jahren in Rente gehen und seien nur dem Lockruf des Geldes gefolgt.
(Staunt) Rente? Ich habe ja gerade skizziert, wie fordernd es ist, Bayern-Profi zu sein. Ich bin auch nicht des Geldes wegen gewechselt, sondern um mich sportlich weiterzuentwickeln. Es ist meine Karriere, ich muss mit mir im Reinen sein – und das bin ich.
Vom VfB war damals zu hören, man wolle Ihnen keine Steine in den Weg legen, wenn ein entsprechendes Angebot käme.
Das ist ein Stück weit anders kommuniziert worden, als es tatsächlich war.
Der VfB spielt schon wieder gegen den Abstieg. Wie sehr berührt Sie das noch?
Ende der vergangenen Saison hatten wir einen guten Teamgeist und ein gutes System gefunden. Deshalb bedauere ich, dass es wieder so gekommen ist. Ich verfolge die Spiele und bekomme auch noch manches mit. Aber ich mag es nicht, wenn andere aus der Ferne über mich urteilen. Deshalb urteile jetzt auch ich nicht aus der Ferne.
Sehr diplomatisch.
Ich habe 95 Prozent meiner Karriere beim VfB verbracht. Ich drücke dem Verein die Daumen, dass es wieder aufwärtsgeht.
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