Erstmals ist Sven Ulreich für die Nationalelf nominiert – das sagt der Torhüter des FC Bayern über den Konkurrenzkampf zwischen Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen und über den Abstieg seines Ex-Clubs VfB Stuttgart.
Stuttgart - Der Urlaub muss warten – denn Sven Ulreich ist anlässlich des EM-Qualifikationsspiels am Samstag (20.45 Uhr/RTL) in Weißrussland im Dienste der DFB-Elf unterwegs. „Meine Nominierung habe ich mir ein Stück weit verdient“, sagt der Torhüter im Interview mit unserer Redaktion.
Herr Ulreich, wenn alles normal verlaufen wäre in den vergangenen Tagen, wären Sie jetzt gerade im Urlaub. Wo wäre es hingegangen?
Ins Zillertal zum Wandern, mit der Familie, wir wollten mal wieder in die Berge, das ist immer ein schönes Ziel.
Jetzt sind Sie stattdessen auf Ihrem Karrieregipfel angekommen – nach den Ausfällen von Marc-André ter Stegen und Bernd Leno hat Sie der Torwarttrainer Andreas Köpke am Montag beim Kofferpacken gestört und nominiert. Sie sind jetzt Nationalspieler – müssen Sie sich da noch zwicken, oder ist es ein logischer Schritt nach Ihrer Entwicklung in den vergangenen Jahren?
Logisch ist nie etwas im Fußball, der Anruf kam jetzt natürlich schon ein bisschen überraschend. Umso mehr habe ich mich gefreut. Ich habe beim FC Bayern in den vergangenen Jahren viel mehr gespielt, als man das vorher vielleicht geglaubt hätte. Ich habe gute Leistungen auf höchstem Niveau gebracht, deshalb ist es auch ein Stück weit verdient, dass ich hier mal reinschnuppern darf. Wenn man mit dem Fußballspielen anfängt, ist es immer ein Traum, irgendwann mal zum Kreis der Nationalmannschaft zu zählen – ich genieße die Zeit und freue mich sehr.
Wie beurteilen Sie Ihre Entwicklung in den vergangenen beiden Spielzeiten, als Sie aufgrund mehrerer Ausfälle von Manuel Neuer in München regelmäßig zum Einsatz kamen?
Du machst die ganz großen Spiele, Champions League und entscheidende Partien um die Meisterschaft, Spiele, in denen es um sehr viel geht. Da kann jeder Fehler entscheidend sein, da wächst man enorm dran.
Als Sie im Jahr 2015 vom VfB Stuttgart zum FC Bayern gewechselt sind, gab es von einigen Seiten Hohn und Spott. Der setzt sich mit 26 Jahren freiwillig auf die Bank, der spielt nie wieder hinter dem Neuer, der Fußballrentner Ulreich, hieß es – wie groß ist jetzt die Genugtuung, dass Sie so oft zum Zug kamen und es allen gezeigt haben?
Mich haben diese Stimmen damals nicht belastet, und sie tun das heute erst recht nicht. Ich verspüre keine Genugtuung. Ich habe vielmehr schon damals geglaubt, dass ein so großer Verein wie der FC Bayern zwei starke Keeper braucht, auf die Verlass ist.
Warum ist das so?
Weil es im internationalen Spitzenfußball längst üblich ist. Bei Borussia Dortmund zum Beispiel ist der starke Marwin Hitz die Nummer zwei, beim FC Barcelona sitzt der niederländische Nationalkeeper (Jasper Cillessen, d. Red ) auf der Bank, Real Madrid hat Keylor Navas und den aktuellen Welttorhüter Thibaut Courtois. Es ist wichtig, zwei Top-Torhüter unter Vertrag zu haben – und als es beim VfB Stuttgart 2015 nicht mehr weiterging, habe ich mich riesig gefreut, dass so ein Verein wie der FC Bayern anklopft.
Ihr Vertrag in München läuft bis 2021, Sie sind mit 30 Jahren im besten Torhüteralter – beenden Sie Ihre Karriere beim FC Bayern, oder reizt Sie noch mal eine neue Herausforderung als Nummer eins bei einem anderen Club, vielleicht sogar im Ausland?
Ich mag solche Spekulationen nicht sonderlich. Vor fünf Tagen habe ich noch gedacht, ich wandere bald durch Österreich, und jetzt bin ich bei der Nationalelf (lacht). Ich lasse da alles auf mich zukommen, meine Familie fühlt sich pudelwohl in München, das ist mir immer das Wichtigste, nur so kann ich Leistung bringen.
Dort spielen und trainieren Sie seit vier Jahren mit Manuel Neuer zusammen – wie nehmen Sie die Kritik einiger Experten an ihm in dieser Saison wahr?
Für manche ist da offenbar ein Stück Freude dabei, wenn der Welttorhüter mal eine nicht so gute Phase hat. Man darf aber eines nicht vergessen: Manuel hatte mit Verletzungen zu kämpfen, da muss man seine Form erst wieder finden, es ist nicht so, dass man das dann nur mit zwei oder drei Spielen wieder hinbekommt. Manuel hat in dieser Saison oft genug bewiesen, warum er den Status als klare Nummer eins hat. Es ist für mich immer unverständlich, wenn man einen Torhüter, der über Jahre hinweg überragende Leistungen gezeigt hat, wegen ein bis zwei Fehlern in einer Saison – und mehr waren es in meinen Augen nicht – anzweifelt.
Marc macht einen super Job, er hat beim FC Barcelona eine tolle Entwicklung genommen, er hält überragend. Es ist eben gerade das Los, dass es zu diesem Zeitpunkt Manuel Neuer gibt – mit solch einer Qualität, Erfahrung und Routine. Ich bin mir sicher, dass Marc in jedem anderen Land gerade die Nummer eins wäre.
Welche eigenen Ansprüche haben Sie eigentlich in der Nationalelf, jetzt, da Sie schon mal hier sind?
Ich möchte einen guten Eindruck hinterlassen. Es gibt im Fußball immer die Möglichkeit, sich zu empfehlen und sich in den Vordergrund zu spielen. Wenn dann mal wieder Not am Mann sein sollte und es heißt ‚Wir brauchen jemanden!‘, dann will ich einen so guten Eindruck hinterlassen haben, dass man wieder an mich denkt.
Bestimmt haben Sie selbst zuletzt recht häufig an Ihren Heimatverein VfB Stuttgart gedacht, den Sie noch heute als Ihren Herzensclub bezeichnen. Wie bitter ist für Sie der erneute Abstieg?
Das macht einen natürlich traurig, wenn man den Verein absteigen sieht. Aus dieser Negativspirale ist der VfB leider über die Jahre nie so ganz herausgekommen. Ich wünsche Stuttgart, dass sie wieder eine Philosophie entwickeln und dies mit Konstanz verbinden. Der VfB gehört in die erste Liga und wird wieder aufstehen.
Wie kann das klappen – muss der VfB wieder vermehrt auf eigene Talente bauen?
Ich bin Torhüter beim FC Bayern. Es steht mir nicht zu, dies zu beurteilen. Grundsätzlich hat man gesehen, dass die Stuttgarter A-Jugend gerade einen richtig guten Kader besitzt. Die Jungs haben den DFB-Pokal der Junioren gewonnen und standen im Endspiel um die deutsche U-19-Meisterschaft. Zum Finale kamen 10 000 Zuschauer, man identifiziert sich also mit den Jungs. Wenn man einige von ihnen hochzieht, muss man Geduld haben und ihnen Fehler zugestehen, aus denen sie lernen können. Somit entwickeln sie sich auf hohem Niveau weiter und werden das nächste Level erreichen.
Zum Schluss die vielleicht wichtigste Frage – was passiert jetzt eigentlich mit Ihrem Urlaub?
Meine Frau ist jetzt spontan mit Freunden ins Zillertal gefahren – und für uns geht es dann bald nach Griechenland, das hatten wir nach dem Zillertal ohnehin schon geplant. Ich bekomme also schon noch meinen Urlaub, keine Sorge (lacht).