Szene aus „Surreale Realität“ Foto: KD Busch

Im Klub Zollamt hat das Theaterlabel Tacheles und Tarantismus „Surreale Realität“ uraufgeführt.

Stuttgart - Mal wieder nichts auf die Reihe gekriegt? Beim großen Sportevent den anderen hinterher gelaufen und nur mit der Teilnehmerurkunde heimgekehrt? Der ältere Herr, dessen Kopf wie Big Brother immer wieder auf der Leinwand vor bunt flimmerndem Hintergrund auftaucht, weiß Abhilfe. „Crispr“, schnurrt er mit sonorer Geschäftsstimme. Freundlich erklärt er dann, dass mit der Genschere die Unzulänglichkeiten des Erbmaterials eines jeden der Vergangenheit angehören, bevor im nächsten fröhlichen Werbeblock ein Zeichentrickmännlein mit päpstlichem Tiarahut „Papa Pizza, die beste Pizza“ wiederholt. Auf dass der Konsument dies nicht vergessen möge bei all dem Stroboskoplicht und dem Diskonebel um ihn herum. Denn die Konsumenten, das sind an diesem Abend auch die Besucherinnen und Besucher des Clubs Zollamt auf der Kulturinsel in Bad Cannstatt.

Im Labyrinth des Klubs präsentierten die „jüngsten Intendanten Deutschlands“ eine Uraufführung, deren Titel Programm ist: Tobias Frühauf und Philipp Wolpert zeigen mit ihrem Theater Tacheles und Tarantismus „Surreale Realität – Ein Klubstück“. Den Text des Dramatikers und Dramaturgen Frühauf hat der Regisseur Wolpert als Gang durch eine Traumsequenz mit Schauspiel, Tanz, Video (Jan Schneider) und harter Techno-Musik (Jonny Be) umgesetzt. Entstanden ist so eine Art Drogentrip, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Illusion zerfließen.

Unruhe, innere Leere und Egoismus haben verheerende Folgen

Auf einem solchen Trip befindet sich die Hauptfigur Kasper. Der Jugendliche – packend gespielt von Lara Haucke – ist so richtig high, nachdem er mit seinem alten Freund, dem „Weltenmittler“ Silas, in dessen Wohnung ihn „Unruhe und Leere“ getrieben hatte, „kosmische Substanzen“, genauer: magische Pilze einwarf. Auf der anschließenden Tour durchs Nachtleben, die nach Silas – Alexander Ilic gibt den Oberflächlichen überzeugend – erst gut ist, wenn jeder mal auf der Damentoilette Geschlechtsverkehr hatte, verlieren sich die beiden. Der vollgedröhnte Kasper findet sich nach Übelkeits- und Panikattacken in der „Lethe“ wieder, jenem altgriechischen Ort, der den Fluss des Vergessens in der Unterwelt bezeichnet. Dort trifft er auf einen kranken, unförmig verunstalteten Gott mit Raucherhusten: Der „alte Niemand, an den niemand glaubt“ hat Kasper – wie irgendwann alle Menschen – auf die Probe gestellt. Aber Gott ist von der „Muttersubstanz“ befallen, einem schwarzen Mikropilz. Der besteht aus menschlichem Größenwahn, befeuert von der „Commercial Highway“ im Kopf jedes Einzelnen, der den Planeten vernichtet. Auch Kasper ist infiziert. Obschon ihm am nächsten Tag Silas beteuert, dass dass er ihn verschissen und verkotzt auf der Straße aufgelesen habe und alles nur Halluzinationen waren, will er zu „Lethe“ zurück. Kaspar glaubt schließlich, das wahre Antlitz der Menschheit erkannt zu haben: pure Obszönität, Egoismus, Mordlust. Die Warnungen seines Über-Ichs missachtend, gibt er sich dem Sodom hin. Nur der Nihilismus zählt – die Folgen sind verheerend.

Für diese Geschichte fanden Frühauf und Wolpert eindrückliche Bilder, die die Klubbesucher, selbst Teil der kritisierten Gesellschaft, auf sich zurückwerfen. Hier ist „Surreale Realität“ kein fadenloser Mix aus Philosophie, Trash und Schock, sondern durchaus ein Bild dieser Zeit, in der Sinn so schwer zu finden scheint und Fakten keine Rolle mehr spielen.

Weitere Termine im Klub Zollamt, Kulturinsel Stuttgart, Güterstraße 4, sind vom 6. bis 8 September sowie am 13., 15., 20, 21. und 22. September, Beginn jeweils 20 Uhr. Tickets erhältlich unter: www.kulturinsel-stuttgart.org/tickets

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