Eine Illustration der Neckarwelle, wie sie sich Stuttgarter in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatten. Wer so was in echt sehen will, muss nach Pforzheim gehen. Foto: Neckarwelle e.V.

Dass Stuttgart nicht New York ist, damit kann man leben. Wenn aber ausgerechnet Pforzheim eine Surfwelle kriegt und Stuttgart aller Wahrscheinlichkeit nicht, ist das die Höchststrafe für Großstadt-Egos, kommentiert Sascha Maier.

Stuttgart - Nein, das Dorotheen-Quartier ist nicht die Galleria Vittorio Emanuele II, die Einkaufspassage am Mailänder Domplatz. Und nein, das Europaviertel ist auch nicht mit den Hudson Yards in Manhatten vergleichbar. Nicht mal der Stadtstrand in Bad Cannstatt kann sich mit dem Hamburger Alsterufer messen. Damit kann man als Stuttgarter aber gut leben, die Schwabenmetropole ist eben keine Weltmetropole. Punkt.

Womit es sich hingegen schwerer lebt, ist, dass ausgerechnet Pforzheim noch in diesem Sommer etwas verwirklicht, was in Stuttgart, immerhin die beste Stadt zwischen Frankfurt im Norden und München im Osten, wohl jämmerlich gescheitert ist: Eine Surfwelle mitten in der Stadt, wie die Eisbachwelle in München. Die Neckarwelle ist tot, lang lebe die Blackforestwave! Oder : Die Höchststrafe für Stuttgart.

Pforzheim ist schöner als sein Ruf

Der Gedanke, als Großstädter zum Surfen in die badische Provinz fahren zu müssen, kratzt ganz schön am Ego. Nichts gegen das 125.000-Einwohner-Städtchen mit dem unvorteilhaften Namen – Pforzheim ist schöner als sein Ruf, falls man mal da war. Und man kann dieses Provinz-Gerede natürlich zurecht albern finden, das in dieselbe Kerbe haut, wie das so verbreitete wie hochnäsige Lästern der Kesselbewohner über Doppelkennzeichen.

Nur offenbart der Fall um die Surfwelle, dass gefühlte und tatsächliche Provinzhaftigkeit nicht zwingend dasselbe sind, 600.000 Einwohner keine Garantie für das gesunde Gedeihen von Subkulturen sicherstellen. Auch wenn dem Argument natürlich stattgegeben werden muss, dass der Neckar laut Behörden einfach zu dreckig ist, um das Surfen dort verantworten zu können, bleibt das Scheitern der Neckarwelle doch ein Armutszeugnis.

Denn ob der Rhein in Köln, die Alster in Hamburg, die Isar in München oder eben Nagold und Enz in Pforzheim: Warum schaffen’s nur die Stuttgarter, ihren einzigen Zugang zum Wasser so zu verschmutzen, dass man dort Ausschlag vom Baden bekommt?

Surfen auf dem Nesenbach

Und das ist ja nicht seit gestern so. Seit 1978 herrscht im Neckar striktes Badeverbot, Grund ist die miese Wasserqualität. Seit vierzig Jahren. Jetzt fordern im Gemeinderat CDU und SÖS/Linke-plus zwar, das Wasser zu säubern, aber im Kommunalwahlkampf wird ja bekanntlich so Allerlei gefordert, was später doch im Sande verläuft.

Die Planung der Blackforerstwave begann 2016, drei Jahre später ist sie fast fertig. Die Neckarwelle, sollte sie jemals Wirklichkeit werden, ist meilenweit von so einem Zeitplan entfernt. Aber vielleicht muss es ja gar nicht der Neckar sein – Stuttgart hat ja noch den Nesenbach. Dann surfen wir eben unterirdisch – der Nesenbach wurde bereits vor über hundert Jahren überbaut. Aber mit Tunneln kennt sich Stuttgart ja aus.

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