Junge Russinnen feiern in London – dort haben viele vermögende Landsleute von ihnen einen teuren Zweitwohnsitz.Foto:Mauritius Foto:  

Der Anschlag auf den Ex-Agenten Sergej Skripal hat ein Licht auf die Russen in Großbritannien geworfen. Eine Rundfahrt zeigt, wie opulent viele Superreiche in der britischen Hauptstadt wohnen.

London - Hunderte oder gar Tausende von wohlhabenden Russen parken ihr Vermögen in Großbritannien – auch schmutziges Geld. Daran ändert selbst gelegentlicher Streit nichts, so wie jetzt wegen des Anschlags auf Sergej Skripal oder 2006 wegen des Mordes am Ex-Agenten Alexander Litwinenko. Die Tür für die riesigen Vermögen reicher Freunde Wladimir Putins steht offen. Das Wirtschaftszentrum London zieht.

Es gibt viel, was Russen nach London lockt, sagt Wladimir Aschurkow, ein russischer Bankier und Oppositionspolitiker, der 2015 in Großbritannien Asyl erhielt. „Ein Grund ist die Sprache – wenn Russen eine Fremdsprache sprechen, dann ist es Englisch“, sagt er. „London ist eine Großstadt, die Moskau nicht allzu unähnlich ist, und es gibt schon viele Russen hier. London ist das konkurrenzlose Wirtschafts- und Finanzzentrum in Europa, und das britische Bildungssystem ist vertrauenswürdig.“ Heute organisiert Wladimir Aschurkow Bustouren für Aktivisten und Journalisten, um die zarenhafte Opulenz der russischen Oligarchie in London zu zeigen. „Ich tue es, um die britischen Behörden auf schmutziges Geld aufmerksam zu machen“, sagte er.

Privater Palast

Zum Beispiel in Witanhurst, Londons größtem Privathaus, das nur vom Buckingham-Palast übertroffen wird. Im Untergeschoss befinden sich ein Schwimmbad, ein Kino, eine Sauna, ein Fitnessstudio, Personalräume und Parkplätze für bis zu 25 Autos. Lange wurde gerätselt, wer diese Villa im Norden Londons 2008 für 70,2 Millionen Dollar gekauft hat. 2015 enthüllte „The New Yorker“ den wahren Besitzer: Andrej Gurjew, ehemaliger Chef einer der größten Düngemittelfirmen Russlands. Gurjew und seinesgleichen haben viel Geld gebracht.

„Eine Milliarde Pfund russisches Geld ist das Minimum, das in London investiert ist“, sagt Aschurkow. „Mindestens hundert russische Familien leben in Villen im Wert von mehr als zehn Millionen Pfund.“ Laut der Organisation Transparency International UK befinden sich fast zehn Prozent der Immobilien im Stadtteil Westminster im Besitz anonymer Offshore-Gesellschaften. In Kensington und Chelsea, dem vielleicht edelsten Teil der Stadt, sind es sieben Prozent.

Sicheres Vermögen

Der Belgravia-Platz in Westminster wird wegen des Zustroms russischer Einwohner auch als Roter Platz bezeichnet. ­Investitionen in Londoner Immobilien sind für sie eine sichere Wertanlage, ähnlich wie es der Kauf von Goldbarren ist. Wenn es einmal nötig sein sollte, Russland schnell zu verlassen, können diese Oligarchen nach London fliehen, wo ihr Vermögen gesichert ist.

Der Bauunternehmer William Brown hat eine Reihe von Villen russischer Milliardäre renoviert. „Keiner von ihnen ist ständig hier“, sagte er. „Die meiste Zeit ist niemand in diesen Villen, außer dem Butler und den Sicherheitskräften.“ Die groß angelegten Renovierungsarbeiten finden dann statt, wenn ein neuer Besitzer eine so große Villa übernimmt. Davon leben unzählige Bauunternehmer, Installateure und Innenarchitekten. „Ein Kunde hatte 22 Marmorbäder, für die er je 90 000 Dollar ausgab“, erinnert sich Brown.

Reiche Russen zahlen in Londons beliebtesten Bezirken oft mehr für Renovierungsarbeiten als andere. Aber sie können auch überraschende Erwartungen haben. „Ihre Designer fragen nach Dingen, die fast unmöglich sind.“

Schmutziges Geld

Auch das Finanzamt profitiert. Beim Kauf eines Hauses mit dem Preisschild von Witanhurst gehen mehr als 10,3 Millionen Dollar als Steuern an den Staat. 2015 schätzte die Deutsche Bank, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten aus dem Ausland – und vor allem aus Russland – mehr als 200 Milliarden Dollar nach Großbritannien geflossen sind.

Die Verflechtung des russischen Reichtums mit der britischen Wirtschaft erschwert die Politik. Die Regierung von Theresa May kann kaum Sanktionen verhängen, die auf das sogenannte schmutzige Geld abzielen, ohne auch britische Interessen zu schädigen. Aschurkow rät May dennoch zu handeln. „Die britische Wirtschaft würde nicht leiden, wenn schmutziges Geld verschwindet.“

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