So sehen die Kreuzungen im Superblock aus: Durch Poller soll der Autoverkehr reduziert werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Versuch, die Augustenstraße in Stuttgart-West autoärmer zu machen, bringt etliche Menschen auf die Barrikaden. Was ist da los? Ein Spaziergang durch den Superblock mit Gegnerinnen und Befürwortern.

Gegen Ende des knapp zweistündigen Spaziergangs bricht etwas aus Stephanie Naglschmid heraus, das vielleicht erklärt, worum es bei der Diskussion über den Superblock im Stuttgarter Westen tatsächlich geht: „Viele hier haben den Eindruck, sie werden von der Fahrrad- und Grünen-Lobby überholt. Und dass sie selbst keine Chance mehr haben.“

 

Kräuterbeete und Fahrradständer statt Parkplätze

Der Superblock ist weder eine Fahrradstraße noch ein Projekt der Grünen. Die Stadt Stuttgart spricht von einem Verkehrsversuch: Rund um die Augustenstraße wird ausprobiert, wie es sich in der Praxis auswirkt, wenn Autos weniger Platz haben. Zudem soll überprüft werden, ob sich das Mikroklima und die Lebensqualität verbessern.

Autofahrer können nicht mehr gerade durch die Augustenstraße fahren. Foto: Quelle: Bürgerbeteiligungsportal Stadt Stuttgart, Grafik: Yann Lange

An einigen Stellen, an denen bisher Autos parken konnten, stehen nun Sitzmöbel aus Holz, Fahrradständer, Pflanzen und rote Ausleihfahrzeuge von Stadtmobil. Auf den Asphalt wurde türkisblaue Farbe gepinselt. An den Kreuzungen stehen Poller, wodurch Autofahrer nicht mehr geradeaus durch die Augustenstraße fahren können, sondern nur noch im Zickzack. Damit soll der Durchgangsverkehr reduziert werden. Das Ganze wird wissenschaftlich evaluiert.

Bei der Eröffnung gab es bereits Vandalismus

Doch zeigt das Experiment bislang vor allem die Spaltung der Gesellschaft: Autobesitzer sind gegen Radfahrer, Ökos und Hipster gegen Konservative, Gewerbetreibende gegen die Stadt, Alt gegen Jung. Auf Facebook oder Linked-In findet man Diskussionen mit Hunderten Kommentaren. Superblock-Gegner tauschen sich in einem eigenen Mailverteiler aus. Manche scheinen so verärgert zu sein, dass sie bei neuen Pflanzen im Quartier Äste abgeschnitten haben. Die Polizei ermittelt wegen Vandalismus.

Deshalb hat unsere Zeitung Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zu einem Spaziergang durch den Superblock eingeladen. Manche wohnen oder arbeiten dort, einer hat das Ganze als Stadtplaner mitentwickelt, und ein anderer vermittelt zwischen allen.

Nicht alle sollen ihr Auto abschaffen, sagt der Stadtplaner

Stephanie Naglschmid ist Anwohnerin und Chefin eines kleinen Verlags in dem Quartier. Sie bezeichnet sich selbst weder als Gegnerin noch als Befürworterin: „Ich sitze zwischen den Stühlen.“ Doch sie beginnt ihre Sätze oft mit „Ich wohne seit 40 Jahren hier . . .“ – und erläutert dann, warum der Wegfall von Parkplätzen falsch sei. „Hier wohnen nicht nur junge Leute und Kinder“, sagt sie. Für Ältere oder Kranke sei das Experiment kein Spaß.

Haben unterschiedliche Meinungen: Anwohnerin Stephanie Naglschmid, Ladeninhaberin Christine Schönherr, Bezirksvorsteher Bernhard Mellert und Annette Loers vom Merlin (v.li.) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist nicht ganz leicht zu sagen, wie viele Parkplätze es durch den Superblock tatsächlich weniger gibt. Lange sprach die Stadt von einem Wegfall von 17 der bestehenden 750 Parkplätze – das entspricht einem Verlust von 2,5 Prozent. Dabei wurden illegale Parkplätze sowie Flächen für Außengastronomie im Sommer nicht mitgezählt. Zudem wurden als Kompensation an der Reinsburgstraße zehn neue Parkplätze eingerichtet.

Stadtplaner Felix Märker betont, dass das Ziel nicht sei, dass alle ihr Auto abschaffen: „Es geht um die Menschen, die eh schon mit diesem Gedanken spielen – ob man denen einen weiteren Grund dafür geben kann.“

Lob von Winfried Hermann, Kritik von OB Nopper

Schon vor der offiziellen Eröffnung des Superblocks waren sowohl der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) als auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) vor Ort. Während Hermann den Superblock unter anderem für seine Farbgestaltung lobte und nachfragte, wann dort das erste Fest gefeiert werde, kritisierte Nopper die Zunahme des „Parksuchverkehrs“.

Manche Gewerbetreibende hätten zudem von Umsatzeinbußen erzählt: „Besonders ausgeprägt ist die Kritik bei jenen, die Kunden von außerhalb Stuttgarts haben“, sagt Nopper. Er betont, dass er diese Stimmen „sehr ernst nehme“ und den Verkehrsversuch „intensiv verfolge“. Und: „Ich werde dem Gemeinderat empfehlen, keine weiteren Superblocks zu beschließen, bevor der jetzige nicht abgeschlossen ist.“ Interessant daran ist: Der Superblock wurde im Mai 2023 von allen Fraktionen im Gemeinderat beschlossen – auch von der CDU, und sogar der AfD.

In anderen Städten sind ähnliche Projekte gescheitert

Einer, der bei aller Diskussion erstaunlich ruhig bleibt, ist Bernhard Mellert, ehrenamtlicher Bezirksvorsteher in Stuttgart-West. „Man greift hier in die Lebensrealität von Menschen ein. Das mag nicht jeder.“ Wer einen Laden habe, wisse noch nicht, wie sich der Verkehrsversuch auf den eigenen Umsatz auswirke; das erzeuge Verunsicherung. Manche Anwohner würden das Projekt als „ideologisch“ ablehnen. Zugleich gebe es viele im Quartier, die eine Veränderung wollen, betont er. „Und das Ganze ist ergebnisoffen.“

Ähnliche Experimente in anderen Städten haben gezeigt, dass ein Scheitern möglich ist: In Barcelona gibt es schon länger Superblocks – die dort „Superilles“ (auf Deutsch: Superinseln) heißen. Sie waren nicht unumstritten, genauso wie in Paris und Berlin. In München hat ein Gericht die Sperrung der Kolumbusstraße für Autos im Oktober 2023 beendet, weil Anwohner Klage eingereicht hatten. Eine Anwohnerin sagte im ZDF: „Hier herrscht so etwas wie Krieg.“

Es gehe um die Erhitzung in der Innenstadt, sagt eine Befürworterin

In Stuttgart sind an der Augustenstraße sowohl Pflanzen als auch Sitzmöbel nicht fest im Boden verankert. Alles könnte theoretisch schnell wieder verschwinden. Geplant ist jedoch, dass der Superblock bis Herbst 2025 bleibt. Und manche wünschen sich, dass es danach erst richtig losgeht. Dazu gehört Annette Loers, Chefin des Kulturzentrums Merlin, das im Superblock liegt. Sie hat sich sogar bereit erklärt, dass ihr Team die Baumkübel mit Wasser versorgt. Zunächst sollte es nur acht „grüne Stellen“ im Superblock geben, weil es aus dem städtischen Gartenamt hieß, dass die Mitarbeiter nicht die Kapazität hätten, mehr Pflanzen zu gießen. Nach Protesten wurden es dann 25 „grüne Stellen“ – mit der Bedingung, dass andere das Gießen übernehmen.

„Das übergeordnete Ziel des Superblocks ist ja, die Erhitzung der Innenstadt einzudämmen“, sagt Annette Loers. „Probleme bei der Umsetzung oder der Kommunikation des Superblocks sind keine Argument gegen den Superblock an sich.“ Loers hat auch kein Verständnis für Menschen, die von außerhalb nach Stuttgart-West fahren und sich nun beklagen, dass sie keinen Parkplatz finden. Das sei auch vor dem Superblock schon so gewesen. Zumal man im nahe gelegenen Edeka-Parkhaus bei der Haltestelle Schwabstraße parken könnte, „dort kauft man dann noch irgendwas – und parkt umsonst“.

Dem widerspricht Christine Schönherr, die Inhaberin des Raumausstattungsladens Farbwerk, 350 Meter vom Merlin entfernt: „Meine Kunden haben meist schwere Farbeimer und können damit nicht lange laufen.“ Ihre Kunden seien jene Autofahrer, die nun dreimal um den Block fahren müssten.

Kritik an fehlendem Mut bei der Umsetzung

Ein anderes Problem ist, dass viele Menschen die Umsetzung zu „dürftig“ finden. Ein Superblock mit Spielplätzen und Sportgeräten auf der Straße wie in Barcelona ist die Augustenstraße nicht. Autos dürfen dort immer noch fahren, und Kinder werden deshalb wohl kaum auf der Straße spielen. Bislang sieht man auch selten Erwachsene auf den Sitzbänken. Die Stuttgarter Architektin und gebürtige Spanierin Raquel Jaureguízar meint, das Ganze wirke zu „temporär“: Superblocks bräuchten Zeit, um angenommen zu werden. Dafür sei es aber wichtig, das Ganze schön und qualitativ hochwertig zu gestalten, „dadurch schafft man Akzeptanz“.

Der Stadtplaner Felix Märker erklärt dies so: „Ein Verkehrsversuch basiert auf der Straßenverkehrsordnung. Die Gestaltung ist dabei erst einmal zweitrangig.“ Der Stuttgarter Superblock sei zwar ein Kompromiss, „der aber die Grundidee des Vorbilds Barcelona aufnimmt“, findet er.

Im Sommer sind mehrere Feste im Superblock geplant

Ganz am Ende des Spaziergangs fragt Stephanie Naglschmid noch einmal: „Was ist das Ziel dieses Provisoriums?“ Da offenbart Felix Märker etwas Entscheidendes: „Wenn der Verkehrsversuch erfolgreich ist, dann brauchen wir an manchen Stellen die breiten Fahrbahnen vielleicht nicht mehr. Es geht um die Anpassung an Klimafolgen und die bauliche Umgestaltung der Stadt.“

Doch momentan, so scheint es, braucht es vor allem viel Verständnis. Deshalb gibt es etliche Möglichkeiten des Austauschs: Briefkästen für Kritik und Lob, Runde Tische – und Feste. Das Merlin lädt am 21. Juni zu Konzerten auf den Parklets ein. Die Stadt veranstaltet am 19. Juli nachmittags ein Quartiersfest für Anwohner. Möglich, dass es dort zu Diskussionen kommen wird. Oder mancher doch Gefallen daran findet, dass die Straße nicht nur den Autos gehören muss.