Der Job fällt weg, Freunde sterben, der Körper lässt nach: Bei älteren Menschen gibt es viele mögliche Auslöser für Krisen. Wie kann man ihnen helfen?
Mehr als 10 000 Suizide gibt es jährlich in Deutschland, so die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Das sind fast viermal so viele, wie durch Unfälle im Straßenverkehr ums Leben kommen. Weniger bekannt: Mit steigendem Alter wächst auch die Zahl der Suizide und Suizidversuche. Vergangene Woche machte etwa Ex-Trigema-Chef Wolfgang Grupp (84) bekannt, dass er versucht hatte, sich umzubringen. Er fällt damit in die am stärksten betroffene Altersgruppe: Über 40 Prozent aller Suizide begehen Menschen über 65, heißt es in einer Broschüre des Nationalen Suizidpräventionsprogramms.
Verlust ist ein zentrales Thema
Das Suizidrisiko beträgt in dieser Altersgruppe damit das Doppelte des Durchschnitts. Über 90 Jahre sei die Suizidrate sogar das Zehnfache, sagt Reinhard Lindner, Facharzt unter anderem für Neurologie und Psychotherapie an der Uniklinik Kassel und Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramm. Warum ist das so?
Eines der Hauptthemen bei älteren Menschen sei Verlust, sagt Reinhard Lindner. Die Verluste würden sich sowohl auf Trennungen, auf den Tod nahestehender Menschen – aber auch der Verlust von etwas von sich selbst, von bestimmten Fähigkeiten und Möglichkeiten beziehen. „Was einen sehr stark belasten kann, ist, wenn bestimmte Dinge nicht mehr gehen“, sagt Lindner.
Zwar erlebten alle älteren Menschen Verluste, doch nicht alle reagierten darauf mit Suizidgedanken, sagt Lindner. Aber: „Oft sind es diejenigen, die schon in ihrer Kindheit oder Jugend schwere Verlusterfahrungen erleben mussten und diese mehr oder weniger gut bewältigt haben“, sagt Lindner. Verluste würden also meist für die Menschen besonders schlimm, „die mit Gefühlen konfrontiert werden, die sie aus ihrer Kindheit kennen und gut verpackt haben, und dann aber, wenn sich im Alter die Verluste häufen, massiver werden“, sagt Lindner. Wenn man dieses Päckchen mit sich herumtrage, könne das in manchen Situationen richtig dramatisch werden.
Häufig kämen Ängste hinzu, etwa vor Abhängigkeit oder liebloser Pflege. „Es geht dabei um Beziehungen. Darum, dass man in der eigenen inneren Bedürftigkeit vielleicht nicht auf jemanden trifft, der Resonanz bietet und human mit einem umgeht“, so Lindner weiter.
Selbst konflikthafte Beziehungen können helfen
„Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung einen ganz besonders hohen Wert hat. Das hat ja auch einige Vorteile. Aber für Menschen, die weniger an der produktiven Leistung beteiligt sind, bräuchte es andere Ebenen, die den Wert eines Menschen ausmachen“, sagt Lindner. Viele Menschen, die ihr ganzes Leben dem Leistungsprinzip verschrieben hätten, würden dann im Alter merken, dass ihnen die Verbindung zu anderen Menschen wichtig sei. In dem Fall sei das eine wichtige Ebene, die es zu pflegen gelte, sagt Lindner, „auch von Seite der Älteren“.
Generell würden vor allem Beziehungen die Einschränkungen und Verluste ausgleichen, sagt Lindner. „Auch konflikthafte Beziehungen können binden“, sagt Lindner. „Man ist auch im Ärger miteinander verbunden. Wo es wirklich bedrohlich wird, ist, wenn gar nichts mehr gefühlt wird“, so der Mediziner weiter.
Männer tun sich schwer damit, sich Hilfe zu holen
All diese Probleme kennt Henok Tesfameskel. Er ist Geschäftsführer des Arbeitskreis Leben (AKL) Reutlingen/Tübingen. Der AKL zählt zu den Organisationen, die Menschen mit Suizidgedanken Hilfe anbieten. Mehr als 70 Prozent der Menschen, die bei ihnen eine Beratung aufsuchten, seien Frauen, sagt Tesfameskel. Gleichzeitig begehen Männer dreimal so häufig Suizid wie Frauen. Männer, vor allem ältere, tun sich schwer damit, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Deswegen bietet der AKL eine anonyme Beratung via E-Mail an, sagt Tesfameskel. Man sei zufrieden, wie das in den ersten Wochen angelaufen sei.
Was kann man selbst tun, wenn man sich Sorgen um ältere Angehörige oder Freunde macht? Wenn jemand über Suizidgedanken spreche, solle man nicht sagen: „Oh Gott, das darfst du nicht“, sagt Mediziner Lindner. Stattdessen solle man darüber sprechen, was jemanden in diese Not bringe. „Sich als Gesprächspartner für diese Gedanken zur Verfügung zu stellen, hilft oft schon, mit der Belastung umzugehen“, sagt Lindner. Auch Henok Tesfameskel vom AKL sagt: „Unser Motto ist: In Krisen braucht jemand ein Gegenüber. Dann können sich Krisen lösen.“
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 oder im Internet www.telefonseelsorge.de erreichbar.