"Suicide by Cop" belastet Polizisten schwer. Foto: www.7aktuell.de |

Lebensmüde oder verwirrte Menschen zwingen Polizisten manchmal zum Todesschuss. Ein provozierter Selbstmord ist eine Extremsituation, selbst für abgebrühte Polizisten.

Stuttgart - Wenn Lebensmüde den Todesschuss durch Polizisten provozieren, wird das andere Leben missbraucht, um das eigene Leben zu beenden. Für die Polizei ist es nicht einfach bis unmöglich, das in einer bedrohlichen Situation zu erkennen. Denn aus lokalen Studien in den USA - wo der provozierte Selbstmord schon länger bekannt ist - geht hervor, dass die Täter meist mit echten Waffen hantieren. Im aktuellen Fall eines 34-Jährigen in Stuttgart war aber eine schwarze „Taurus PT 92 AF“ im Spiel - eine Softairwaffe, von einer echten Pistole nicht zu unterscheiden. Aus der Gesamtsituation gehe hervor, dass der Täter sich erschießen lassen wollte, sagte Polizeisprecher Stefan Keilbach.

Mitten in der Nacht liefert sich der 34-Jährige nach offiziellen Angaben einen Schusswechsel mit der Polizei. Dabei wird er am Bahnhof im Stadtteil Untertürkheim in der Nacht zum Mittwoch angeschossen und schwer am Bauch verletzt. „Der nächste, der kommt, den bringe ich um“, drohte der Mann den Beamten schon am Telefon. Als Polizisten zum Tatort fahren, eskaliert die Situation. Der 34-Jährige eröffnet sofort das Feuer. Auf dem Weg ins Krankenhaus, spricht er es aus: Ja, er wollte und wolle sterben. Der 34-Jährige ist polizeibekannt.

Körperverletzung, Widerstand gegen Polizeibeamte, später Drogen. Es ist der zweite derartige Fall in Stuttgart seit 2013. Polizisten dürfen ihre Waffen nur in Extremsituationen einsetzen. Gründe sind meist Notwehr oder der Schutz eines Bedrohten. Das Schießen ist im Ernstfall aber auch erlaubt, wenn schwere Verbrechen oder die Flucht eines gefährlichen Täters nicht anders verhindert werden können. Falls möglich, muss der Gebrauch der Waffe angedroht („Polizei, Waffe weg“) oder ein Warnschuss abgefeuert werden. Dies ist laut Keilbach nicht immer möglich.

Laut Polizeigewerkschaft sind Suicide-by-Cop-Fälle in Deutschland selten. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, verweist auf Zahlen der Polizeihochschule. Danach ist der Schusswaffengebrauch in Deutschland im Dienst seit 1996 stetig gestiegen: von damals 2595 auf 10 353 im Jahr 2012. Nur geringe Male richteten sich die Schüsse direkt gegen Menschen: Von 79 im Jahr 1996 sank die Zahl auf 36 im Jahr 2012. Dabei wurden 1996 insgesamt 9 Menschen durch Polizeischüsse getötet und 43 verletzt. Im Jahr 2012 waren es 2 Tote und 20 Verletzte. Die meisten Fälle waren zulässig.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte erst Mitte Januar ein Ermittlungsverfahren gegen einen Polizisten eingestellt, der im November 2013 einen Mann erschossen hatte. Der 36-Jährige hatte damals bei der Polizei angerufen und gesagt, er werde in Kürze bewaffnet auf die Straße gehen. Die Beamten konnten den Mann, der mit einer Schreckschusswaffe in die Luft schoss, erst mit dem tödlichen Schuss stoppen. Die Ermittlungen gegen den 49 Jahre alten Dienstgruppenführer wegen fahrlässiger Tötung im Amt ergaben keine Fehler. Aus einem Abschiedsbrief geht hervor, dass der Täter sich erschießen lassen wollte.

Schutzpolizisten üben regelmäßig sogenannte Deut-Schüsse - gemeint ist damit das Ziehen der Waffe und das Abdrücken ohne genaues Anvisieren des Ziels. Denn oft müssen sich die Beamten in Sekundenbruchteilen verteidigen, wenn ihre Pistole noch im Holster steckt. „Das nennen wir Verteidigungsschießen im Gegensatz zu den Sportschützen, bei denen es immer um Ringtreffer geht“, sagte Keilbach. Bei solchen Deut-Schüssen werden meist Wirkungstreffer abgefeuert. „Es werden so viele Schüsse abgefeuert, bis der Gegner kampfunfähig ist“, erklärte Wendt.

Darüber hinaus gibt es auch noch das Nicht-Schieß-Training. Dabei werden Polizisten mit moderner Technik in sogenannten Schießkinos mit polizeilichen Situationen vertraut gemacht und darauf trainiert, nicht zur Waffe zu greifen“, sagte Wendt. Die Polizei setze darauf, möglichst nicht zu schießen, sondern eine Situation durch Deeskalation zu bereinigen. „Es wäre viel mehr Training notwendig, dazu fehlt das Personal.“

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