Zuhause ist Jacky ein dauerschnurrender Schmusekater. Foto: StZ

Ist der zwölfjährige Kater Jacky harmlos oder eine Gefahr für Menschen? Das muss wohl bald die Justiz beantworten. Eine Familie geht gegen den Besitzer des Katers vor.

Süßen - So etwas hat man im Süßener Ordnungsamt noch nie erlebt: Eine Familie hat einen Nachbarn angezeigt, weil dessen Katze ihre elfjährige Tochter angefallen habe. Ob Süßen, Göppingen, Waiblingen, Esslingen, Ludwigsburg oder Böblingen – eine bissige Katze ist bisher noch in keiner der großen Kreisstädte in der Region Stuttgart aktenkundig geworden – ganz im Gegensatz zu bissigen Hunden.

Die Elfjährige soll im Januar mit ihrem jüngeren Bruder und ihrem Hund spazieren gegangen sein. Eine Katze stellte sich den Kindern in den Weg, sprang das Mädchen an und biss es in den Oberschenkel.

Der Vater berichtet, er sei sofort mit dem Kind in die Notaufnahme der Klinik am Eichert gefahren. Das Kind habe unter Schock gestanden, habe sich übergeben, die tiefe Bisswunde habe desinfiziert und geklammert werden müssen. Am anderen Bein habe das Mädchen Kratzwunden von den Krallen der Katze gehabt. „Wir hatten tagelang Angst, dass sich die Wunde trotz der Antibiotika infiziert“, sagt der Mann. „Außerdem wussten wir ja am Anfang nicht, was mit der Katze ist, ob sie vielleicht Tollwut oder eine andere Krankheit hat.“

Die Frage ist, welche Katze zugebissen hat – in der Nachbarschaft leben drei Doppelgänger

Die Familie ist sicher, dass es sich bei dem Angreifer um den zwölfjährigen Kater Jacky handelt. „Wir sind mit unserem Sohn zu der Stelle gegangen, wo das passiert ist, und da saß die Katze vor dem Haus“, erzählt der Vater. Die Familie habe dann geklingelt, und der Besitzer habe bestätigt, dass dies seine Katze sei.

Tatsächlich bezweifelt niemand, dass eine Katze das Mädchen verletzt hat. Die Frage ist allerdings, welche. Jackys Besitzer ist überzeugt, dass der Angreifer unmöglich sein Kater gewesen sein kann. „Der hat noch nie jemandem was getan“, erzählt er. Sein 16-monatiger Enkel sei häufig zu Besuch, und wie alle Kinder gehe der Kleine nicht immer sanft mit dem Kater um. „Aber wenn es ihm zu viel wird, dann geht er einfach.“ Jacky, dafür legt sein Herrchen die Hand ins Feuer, „ist ein Schmusekater.“

Er könne sich höchstens vorstellen, dass die Kinder oder der Hund den Kater zuerst angegriffen oder bedroht hätten, „dann würde er sich natürlich wehren.“ Allerdings gebe es allein in der direkten Nachbarschaft drei Katzen, die aussehen würden wie Jacky, nämlich grau getigert mit einem weißen Fleck auf der Brust. „Die sitzen oft alle zusammen hier im Garten.“

Herrchen weigert sich, Schmerzensgeld zu zahlen

Eine aufgebrachte Familie, die um ihr Kind bangt, ein Katzenbesitzer, der seinem Kater vertraut – als die Eltern der Elfjährigen bei Jackys Herrchen klingelten, müssen Welten aufeinander geprallt sein. Kein Wunder, dass die Geschichte nicht gerade friedlich weiterging.

Die Eltern, empört, dass der Katzenbesitzer jede Schuld von sich und seinem Kater wies und „nicht einmal nach dem Befinden des Kindes fragte“, gingen zum Anwalt. Jackys Besitzer soll rund 750 Euro Schmerzensgeld sowie die Anwaltskosten bezahlen. Dieser weigert sich, auch nur einen Cent herzugeben. „Das war ja nicht Jacky“, sagt er. „Warum sollte ich das zahlen?“ Und er fügt an: „Wenn eine Katze zubeißt, dann sicher nicht ohne Grund.“ Auch auf den Vorschlag, die Summe auf 500 Euro zu reduzieren, ging er nicht ein.

Nun muss sich wohl ein Gericht des Streits annehmen und versuchen herauszufinden, ob Jacky ein harmloser Schmusekater oder ein Kinderbeißer ist. Oder ist der Kater womöglich beides?

Verhaltensforscher vermutet, dass es die Katze auf den Hund abgesehen hatte

Der Schweizer Verhaltensforscher und Katzenexperte Daniel Turner sagt, wenn eine Katze zubeiße, handle es sich oft um eine Verkettung unglücklicher Umstände. Denn wirklich aggressive Katzen seien selten. Natürlich sei er nicht dabei gewesen, aber er könne sich vorstellen, dass es die Katze in Süßen eigentlich auf den Hund in ihrem Territorium abgesehen habe. Das Mädchen sei vermutlich schlicht dazwischengeraten. „Deshalb würde ich auch nicht erwarten, dass so etwas noch einmal passiert.“

Turner zufolge ist die normale Reaktion einer Katze im Freien die Flucht, aggressiv werde sie eigentlich erst, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlt. Reagiere eine Katze plötzlich und wiederholt ohne Anlass aggressiv, „sollte ein Tierarzt prüfen, ob das Tier krank ist“. Die Gründe für aggressives Verhalten könnten der Versuch sein, das eigene Territorium zu schützen, oder ein fehlgeleitetes Spielverhalten.

Weil die deutsche Bürokratie kein Verfahren für aggressive Katzen vorsieht, hat das Ordnungsamt in Süßen das Verfahren für Hunde kurzerhand auf den Fall übertragen. Die Behörde versuchte herauszufinden, ob Jacky über „gefährliche Eigenschaften“ verfügt, die Auflagen wie ein Verbot des Freigangs rechtfertigen würden. Die Familie des Mädchens fasste den Vorfall anhand eines Fragebogens zusammen, der Katzenbesitzer wurde zu einer Anhörung in das Rathaus geladen. Gefährliche Eigenschaften hat das Ordnungsamt offenbar nicht gefunden: Jacky darf wie bisher hinaus ins Freie.

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