Den Rasenplatz an der Kuntzestraße, oft mehr Acker als Wiese, säumen häufig mehr als 1000 Zuschauer. Foto: . Foto: VfR Süßen

Seit 100 Jahren kicken die Süßener beim VfR. In früheren Zeiten ging es dort rau zu. Sogar der Ehrenspielführer der Fußball-Nationalelf Uwe Seeler war schon einmal zu Gast.

Süßen -

März 1920: Putschversuch in Berlin, anschließend Generalstreik im Deutschen Reich. Und in Süßen? 37 Männer wollen Fußball spielen, sie gründen am 18. März 1920, einem Donnerstag, den FV Süßen. Aus dem Fußballverein Süßen wird sieben Jahre später der VfR Süßen, der Verein für Rasenspiele – neben Fußball gibt es auch Leichtathletik, der VfR hat zwischendurch eine Schachabteilung. Schwerpunkt bleibt aber der Fußball. Der wird auf den beiden Plätzen an der Lauter bis heute gespielt.

100 Jahre VfR, da ist auf dem Rasen einiges passiert. Nicht immer an der Lauter, zunächst auf Rasen in der Kuntzestraße, sagt Michael Hocke. Hocke hat den VfR von 1977 bis 1997 geführt, ist Ehrenvorsitzender und kennt die Geschichte des Vereins, der 30 Jahre älter ist als Hocke, wie kaum ein anderer. Fußball spielte Hocke auch, „in der Abwehr“, in den 1960er und 70er Jahren. Beim VfR kommt ein Hocke selten allein, als Michael Hocke hinten die Bälle abräumt, lauert sein ein Jahr jüngerer Bruder Christian vorn und schießt Tore. Nicht allen gefällt das. Christian macht das 1:0-Siegtor gegen den Favoriten VfR Aalen. Nach Spielschluss „gab es von der Ehefrau des Aalener Sponsors mit dem Regenschirm etwas aufs Haupt“, erinnert er sich.

Zuschauer gingen mit Zaunlatten aufeinander zu

Überhaupt ging es auf und neben den Plätzen in den 1950 und 60er Jahren oft handfest zur Sache. „Ohne Gehstock oder Regenschirm ging kaum einer ins Stadion“, sagt Michael Hocke, Zaunlatten wurden abgerissen und im Kampf Zuschauer gegen Zuschauer eingesetzt. Auch auf dem Platz herrschten raue Sitten, wurde dem Gegenspieler auch mal „mit voller Absicht wehgetan“.

Michael Hocke hat sich einmal den Mittelfußknochen gebrochen, ohne Gegner: „Ich bin im Rasen hängengeblieben“. Damals war der VfR eine echte Nummer in der Region, spielte in der zweithöchsten Amateurklasse. Der Gegner war der Nachbar: Der FC Donzdorf. Wie heute die Bayern mit Dortmund, so machte es schon der VfR, und hat den Donzdorfer Rudi Kauer abgeworben. Danach ging es hoch her, erinnert sich Hocke, auch Spiele gegen Salach und Ottenbach hatten es in sich. Damals standen auch mal 2500 Zuschauer dichtgedrängt am Platz, eine Tribüne gab es nicht. Aber nicht nur gekickt wurde an der Kuntzestraße. Während des Krieges wuchs dort Gemüse, später parkten die Amerikaner Panzer auf dem Platz. Auch der VfR machte eine Zwangspause: Im Jahr 1937 kam es „auf Betreiben des NS-Ortsgruppenleiters zum Zusammenschluss mit dem TSV“, berichtet Michael Hocke. Der VfR war zehn Jahre lang „nur“ die Fußballabteilung des neuen Großvereins. Im Jahr 1947 war Schluss, der VfR ging wieder eigenen Wege und kickte an der Kuntzestraße.

Seeler, Tilkowski und Rahn kamen sogar mal zu Kicken

Im Jahr 1975 kam der Umzug an die Lauter, zum Eröffnungsspiel reiste die Nationalmannschaft Thailands an, die gerade in der Sportschule in Ruit trainierte. Beide Hockes waren dabei, haben das Ergebnis aber vergessen. Im Jahr 1980 kamen die ganz Großen nach Süßen, zum 60-jährigen VfR-Geburtstag lief die Uwe-Seeler-Traditionself auf. Mit Seeler, Torwart Hans Tilkowski, mit Helmut Rahn und Sepp Piontek.

Auch Christian Hocke machte Karriere, als Trainer in Gmünd, Göppingen und dann 15 Jahre als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart. Gomez, Hildebrand, Khedira, Kurányi – sie trainierten unter Hocke. Den VfR hat er nicht vergessen, seit 2006 ist der 69-Jährige Vorsitzender: „Ohne Ehrenamt hat kein Verein eine Zukunft“, sagt er und hat in dem 400 Mitglieder starken Verein besonders die Jugend im Blick. Hocke organisiert seit Jahren den Carl-Stahl-U-14-Juniorencup, eins der bestbesetzten Jugendturniere, zu dem regelmäßig auch die U-14-Mannschaften der großen Clubs anreisen. Besonders in Zeiten der sozialen Medien hält er die Jugendarbeit der Vereine für immens wichtig. Fußball im Verein ist „gelebter Respekt und fördert die Toleranz“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: