Das Kabinett berät an diesem Montag über Bildungslücken von Viertklässlern. Die Wirtschaft ist alarmiert, weil Schwächen in Rechnen und Deutsch den Fachkräftemangel verstärken.
Stephan Schöne vom Medizintechnik- und Industrieelektronik-Hersteller H & B Electronic in Deckenpfronn ist Pragmatiker. Wenn Bewerber um einen Ausbildungsplatz beim firmeneigenen Deutschtest Schwächen zeigen und es wegen des demografischen Wandels schwer ist, die 15 Auszubildenden zu finden, die sein Betrieb jedes Jahr braucht, lässt er sich davon nicht entmutigen. „Rechtschreibung und Schriftbild sind zum Teil erschreckend“, berichtet Schöne. „Aber das ist für uns kein Grund, jemanden nicht zu nehmen.“ Für die Azubis im ersten Lehrjahr bietet H & B inzwischen Nachhilfe in Deutsch an.
Vielleicht haben Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die Ohren geklungen, als Schöne von seinen Erfahrungen berichtet hat bei einer Pressekonferenz zum Ausbildungsmarkt. Der ist mit 11 300 unbesetzten Lehrstellen im Südwesten so angespannt wie nie. Ein Einzelfall sind die Erfahrungen von H & B nicht. Geht es nach Thomas Bürkle, dem Vizepräsidenten des Verbands Unternehmen Baden-Württemberg (UBW), sollte das Land in großem Maßstab gegensteuern. Vorbereitungskurse, wie man sie bisher von Unis kennt, will Bürkle zwischen Schulabgang und Ausbildungsstart dazwischenschalten, um Lernrückstände aus der Schulzeit doch noch auszubügeln.
Kleine Betriebe können keine Nachhilfe stemmen
„Ein rechtwinkliges Dreieck berechnen kann heute kaum mehr ein Bewerber“, erklärt der technische Geschäftsführer der Elektronikherstellers Bürkle + Schöck und UBW-Vizepräsident. „Unternehmen wie meines mit 130 Mitarbeitern können ihren Azubis Nachhilfe im Rechnen und Deutsch anbieten. Aber Ausbildungsbetriebe mit sechs Beschäftigten, wie wir im Land viele haben, werden solche Anstrengungen nicht stemmen.“ Christian Rauch, der Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, pflichtet Bürkle bei. „Die Heterogenität unter den Auszubildenden wächst. Das stellt Ausbilder und Berufsschulen vor neue Herausforderungen.“
Dass der Regierungschef sein ganzes Kabinett dazu verdonnert hat, sich an diesem Montagabend über die IQB-Studie, die Defizite der Grundschulen und Möglichkeiten zum Gegensteuern zu informieren, rennt bei UBW-Vize Thomas Bürkle offene Türen ein. Würde Kretschmann zu einem Spitzengespräch oder Strategiedialog einladen, um über die Leistungsdefizite der Schulen und über Gegenmaßnahmen zu beraten, wäre er sofort dabei.
Dass der Fachkräfte- und Azubimangel die Unternehmen ohnehin drückt, verstärkt in der Wirtschaft die Besorgnis über schlechte Nachrichten von der Leistungsfähigkeit der baden-württembergischen Schulen, die sich zuletzt wieder gehäuft haben. Zwar ist der Abwärtstrend beim Lesen, Zuhören, Rechnen und Rechtschreiben, den der jüngste IQB-Bildungstrend bei den Viertklässlern diagnostiziert hat, ein bundesweites Phänomen. Aber bei den Hightech-Unternehmen in Baden-Württemberg mit ihrem hohen Bedarf an hochqualifizierten Ingenieuren und Facharbeitern schrillen die Alarmglocken noch etwas lauter als im Rest der Republik, wenn ein Fünftel der Viertklässler die Mindestanforderungen in Deutsch und Rechnen nicht erfüllt. Zwar sind die Viertklässler von heute noch weit von der Ausbildung entfernt, aber Bildungsforscher fürchten, dass die Kinder solche Wissenslücken in der Schulzeit nicht mehr schließen können.
Gewerkschaft und Arbeitsagentur pochen auf zweite Chance
Arbeitsagenturchef Rauch appelliert an Politik und Wirtschaft, Jugendlichen, die länger brauchen, um eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen, diese zusätzliche Zeit einzuräumen und eventuell neue Berufsbilder zu schaffen. Außerdem müssten Schule und Ausbildungsbetriebe sich darauf einstellen, dass Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt öfter einen zweiten Anlauf brauchen und das Durchschnittsalter der Lehrlinge von derzeit zwanzig Jahren auf über dreißig steige. Auch der DGB-Landeschef Kai Burmeister fordert angesichts der wachsenden Personalnot passgenaue Angebote für Jugendliche, die am Ausbildungsmarkt eine zweite Chance benötigen.
IQB-Bildungsvergleiche und was sie bedeuten
Konzeption
Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen ist kurz nach der Jahrtausendwende eigens gegründet worden, um die Qualität der deutschen Schulen besser messen zu können. In erster Linie geht es darum, nicht den Leistungen der Schüler, sondern dem Bildungssystem auf den Zahn zu fühlen.
Besonderheit
Das Besondere an den Studien, die das IQB regelmäßig im Auftrag der Kultusministerkonferenz macht, ist, dass sie gezielt überprüfen, ob das, was die Schulen laut Lehrplan und gemäß der Bildungsstandards lehren sollen, bei den Schülern auch ankommt. Das ist eine genauere Messlatte für die Qualität des Unterrichts als internationale Studien, in denen allgemeine Bildungserwartungen an eine bestimmte Altersgruppe bewertet werden.
Ländervergleich
Beim jüngsten IQB-Bildungstrend haben sich die Leistungen der Viertklässler in allen Bundesländern deutlich verschlechtert.