Birgit Homburger hat harte Wochen hinter sich. Foto: dpa

Birgit Homburger war als Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag und als Landeschefin im Südwesten mittendrin im Politikbetrieb. Doch nach dem Debakel der FDP bei der Bundestagswahl 2013 muss auch sie sich einen neuen Job suchen. Wie geht es ihr eigentlich?

Birgit Homburger war als Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag und als Landeschefin im Südwesten mittendrin im Politikbetrieb. Doch nach dem Debakel der FDP bei der Bundestagswahl 2013 muss auch sie sich einen neuen Job suchen. Wie geht es ihr eigentlich?

Konstanz - 23 Uhr am 22. September 2013. Birgit Homburger gibt ein erstes Fernsehinterview. Kurz vorher hat sie endgültig erfahren, dass die FDP erstmals seit 1949 nicht mehr im Bundestag vertreten ist. Ihren Parteikollegen steht der Schock ins Gesicht geschrieben, viele Gesichter sind leer, ohne Ausdruck. Birgit Homburger dagegen gibt sich einen Ruck. Sie wirkt gefasst, hat sich offenbar gut unter Kontrolle. „Es ist natürlich ein verheerendes Ergebnis für die FDP“, sagt sie dem Sender SWR. Ihre Stimme ist fest, zwar spricht sie schnell, aber klar und deutlich.

Nur 4,8 Prozent. An diesem Abend steht Birgit Homburger vor dem Ende ihrer politischen Laufbahn. 23 Jahre saß sie für die Liberalen im Bundestag. Sie war Fraktionsvorsitzende, Verteidigungsexpertin, Chefin des Landesverbands in Baden-Württemberg. Viele Jahre im Zentrum des Politikbetriebs. Nach dem Wahldebakel der FDP ist alles anders. An diesem Abend sieht man ihr das nicht an. Sie lächelt.

"Ich habe mir gesagt: das ist jetzt so"

„Ich habe mir gesagt: das ist jetzt so“, sagt sie ein paar Monate später. „Du bist Führungspersonal dieser Partei. Wie musst du dich jetzt verhalten, damit die FDP für die Zukunft eine Chance hat. Denn der Auftritt am Wahlabend prägt das Bild für die Zukunft mit. Und so habe ich dann agiert.“ Sie sitzt in einem Café in Konstanz am Bodensee, vor sich einen Kaffee und eine Butterbrezel. Das Wetter ist grau, die Luft eiskalt, in der Nacht gab es Frost. Passanten huschen an den Fensterscheiben vorbei.

Sie habe kurz vor der Wahl gespürt, dass die Stimmung gekippt sei, sagt Homburger. „Nachdem ich am Sonntag wählen war, habe ich zu meinem Mann gesagt: Das geht schief. Richte dich mal gedanklich drauf ein.“ Seine Antwort: „Du hast zu wenig Schlaf, das klappt schon.“ Als sie im Flieger nach Berlin sitzt, ist ihr hundeelend. Später kommen die ersten Prognosen, die FDP liegt unter 5 Prozent. „Da war für mich die Sache durch.“

"Was ich nicht ändern kann, damit halte ich mich nicht auf"

„Ich bin von meiner Grundstruktur ein Typ, der sehr realistisch ist. Dinge sind, wie sie sind. Und was ich nicht ändern kann, damit halte ich mich nicht auf“, sagt Homburger. Wenn sie über die Veränderung in ihrem Leben spricht, sagt sie Sätze wie: „Die letzten zwei Monate wurde abgewickelt und aufgeräumt - und jetzt wird neu durchgestartet.“ Oder: „Ich genieße meine neue Freiheit.“

Aber ist es wirklich so einfach? Kann man Jahrzehnte in der Politik einfach hinter sich lassen und - ohne Wehmut - etwas Neues beginnen? Gerade sie, die als ehrgeizig, als Schafferin gilt? „Es ist die Frage, auf was ich mich jetzt konzentriere. Auf die Vergangenheit oder die Zukunft. Das ist eine Zäsur. Jetzt mache ich was anderes, fertig“, sagt Homburger. Sie ist Medienprofi. Sie weiß, was sie sagen, welches Bild sie vermitteln will. In diesem Fall will sie vor allem eines zeigen: Es geht mir gut. Trotz allem.

"Sie hat keine Angst, einer schwierigen Situation die Stirn zu bieten"

Dass das aber durchaus ein realistisches Bild sein kann, sagen Wegbegleiter der 48-Jährigen. Sie habe in all den Jahren nie die Fassung verloren, heißt es aus ihrem Umfeld. Sei immer die erste gewesen, die nach einer Niederlage einen konstruktiven Weg gesucht habe. „Sie hat keine Angst, einer schwierigen Situation die Stirn zu bieten.“

1990 kandidiert die Badenerin Homburger zum ersten Mal für den Bundestag. Sie ist damals Landesvorsitzende der Jungen Liberalen im Südwesten, aus der FDP heraus kommt die Frage, ob sie Interesse hätte. „Meine erste Reaktion: Ihr habt einen Knall.“ Später tagt aber der Familienrat und befindet: Das wäre eine wertvolle Erfahrung. „Im Vorfeld der Listenaufstellung bekamen dann aber einige Altvordere Angst, dass ich womöglich gegen sie kandidieren könnte“, sagt Homburger. „Da kamen alle möglichen Gerüchte auf.“

Am Abend vor dem Landesparteitag ist sie fix und fertig, bereit alles hinzuschmeißen. „Ich wusste nicht mehr, was ich machen soll und habe nachts um halb eins meinen Vater angerufen“, sagt sie. „Er hat gesagt: Ich weiß überhaupt nicht, wovor du Angst hast.“ Er rät ihr, anzutreten.

Es ist ein Gespräch, dass sie prägt - und ein Ansatz, den sie konsequent verfolgen wird. „Ein guter Rat an meine Gegner wäre immer gewesen: Kein Widerstand. Denn immer, wenn ich den bekommen habe, war meine Reaktion: So nicht und dann habe ich meine Ideen durchgekämpft. Ein Homburger gibt nicht auf.“

"Sie konnte am helllichten Morgen nerven"

Einer, der sie so erlebt hat, ist Rainer Arnold (SPD). Der Bundestagsabgeordnete ist seit 2002 verteidigungspolitischer Sprecher seiner Fraktion, Birgit Homburger zeitweise seine Kollegin.

„Sie konnte uns Obleute am Anfang schon jede Woche - wenn wir uns zum Frühstück trafen - am helllichten Morgen nerven“, sagte er. „Weil sie grundsätzlich mit Misstrauen an die Dinge herangegangen ist.“ Sie habe immer die Haltung gehabt: Ich muss meinen Platz behaupten. „Nach einem Jahr hat sich das aber gewandelt, und sie war konstruktiv und äußerst kollegial.“ Emotionen habe sie gut zu steuern gewusst: Er habe den Eindruck gehabt, sie beherrsche ihre Gefühle, wisse aber auch, sie einzusetzen. „Wir sind alle auch ein bisschen Schauspieler.“

Bei der Union war die selbstbewusst und energisch auftretende Homburger als „der einzig richtige Mann“ in der FDP bekannt. Und ihr Ehrgeiz bringt sie weit nach vorn: 2004 wählt sie der Landesverband im Südwesten mit 85,5 Prozent zur Vorsitzenden. Fünf Jahre später fährt sie mit der baden-württembergischen FDP bei der Bundestagswahl ein „super Ergebnis“ von 18,8 Prozent ein. Birgit Homburger wird Fraktionsvorsitzende im Bundestag - ihr Traumjob. „Das war das, was mich immer gereizt hat“, sagt die Frau aus Hilzingen im Landkreis Konstanz. „Ich bin im Grunde meines Herzens immer Parlamentarierin gewesen. Das ist für mich der Kern der Demokratie.“

Fraktionsvorsitz an Brüderle abgetreten

Doch die Glückssträhne hält nicht lange an: Anderthalb Jahre später - im Jahr 2011 - muss sie den Fraktionsvorsitz für Rainer Brüderle freiräumen. Obwohl ihr Fleiß, Organisationstalent und große Sachkenntnis bescheinigt werden. „Das ist in der Politik so“, sagt sie heute. „Es gibt nicht nur Kriterien wie „Leistung erbracht oder nicht“. Es gibt auch politische Gesamtkonstellationen.“

Ihr sei klar gewesen, dass die FDP in einer „ganz, ganz schwierigen Lage“ gewesen sei. „Und ich hatte die Hoffnung, dass wir da noch mal rauskommen“, sagt sie. „Daher wollte ich nicht diejenige sein, die den Neustart verhindert.“ Später sei Philipp Rösler auf sie zugekommen und habe sie gebeten, für den stellvertretenden Bundesvorsitz zu kandidieren. „Das war nicht meine Idee.“

Birgit Homburger bekommt den Posten, wird aber zwei Jahre später wieder abgewählt. Und die Niederlagen gehen weiter: Ende 2012 muss sie für Dirk Niebel auf die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 verzichten. „Ich habe nie in Kategorien von Macht gedacht“, sagt Homburger. „Also habe ich jetzt auch nicht das Gefühl von Machtverlust.“ Ist sie nachtragend? Pause. „Nee, eigentlich nicht.“

Die Wochen und Monate nach der Bundestagswahl habe sie damit verbracht, ihren Mitarbeitern zu helfen, woanders unterzukommen. 1800 Ordner zu sichten und auszusortieren. „Ich habe am Telefon zu meinem Mann gesagt: Die wachsen nachts nach, die kriegen Junge. Es wollte einfach kein Ende nehmen. Aber jetzt ist es geschafft.“ Keine Wehmut, kein Innehalten? „Nein.“

Wie es selbst für sie weitergeht, wisse sie noch nicht genau. „Ich habe noch nicht endgültig entschieden, was ich machen werde.“ Hat sie keine Angst, dass das große Loch noch vor ihr liegt? Wenn man mal Zeit hat, sich hinzusetzen? Wenn ein wenig Ruhe einkehrt? „Nein“, sagt sie. „Ich bin nicht der Typ dafür.“

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