Im Alltag spielt der Zwist zwischen Schwaben und Badenern kaum mehr eine Rolle – wenn aber im Landesderby der VfB Stuttgart und der Karlsruher SC aufeinandertreffen, tobt der Streit unter den Landsmannschaften oft schlimmer, als die Polizei erlaubt.
Stuttgart - Weil König Fußball im Abseits stand, als die Besonnenheit erfunden wurde, ist an diesem Sonntag mit Zuständen zu rechnen, die im nüchternen Teil der hiesigen Bevölkerung womöglich Fluchtinstinkte wecken. Der VfB Stuttgart trifft im Zweitligaderby auf den Karlsruher SC (13.30 Uhr, Mercedes-Benz-Arena). Landsmannschaftlich übersetzt heißt das: Schwobaseggl versus Gelbfüßler. Es werden vermutlich wieder die Fetzen fliegen.
Was im alltäglichen Sprachgebrauch so wirkungslos verpufft wie die üblichen Neckereien unter konkurrierenden Volksstämmen, entfaltet im Fußball hochexplosive Wirkung. Die Polizei jedenfalls spricht von einem Hochrisikospiel und plant, mit großem Besteck für Sicherheit und Ordnung zu garantieren.
Das ist – nach allem, was man aus der Vergangenheit weiß – kein Fehler: Da sich Teile der jeweiligen Glaubensgemeinschaften so sehr schätzen wie die Syphilis, bedienen sie sich zur Verdeutlichung ihrer Standpunkte traditionell einiger Hilfsmittel, die im Knigge nicht vorgesehen sind. In Karlsruhe sprühten dieser Tage mutmaßlich den VfB-Ultras nahestehende Chaoten „Anti-KA“ auf Straßenbahnen der Albtal-Verkehrsgesellschaft. Signiert mit CC97 und S02, den Kürzeln der Ultragruppen von Commando Cannstatt und Schwabensturm. Vor Derbys tauchten am Neckar schon mal Plakate auf mit unfreundlichen Forderungen wie „Tod dem VfB“ oder „Schwaben jagen, Schwaben schlagen“.
Ein Freundschaftsspiel endet mit einer Massenschlägerei
Selig die Zeiten, als KSC-Profi Arno Glesius vor Derbys die Arme in die Hüfte stemmte und die Stuttgarter Journaille schelmisch grinsend fragte: „Kann ich den Herren noch irgendwie behilflich sein?“ Das war in den Achtzigerjahren: Auch damals bat niemand zum Kirchentag. Es gab schon die Hooligans, die sich gegenseitig die Nasen polierten. Aber kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, vermummt, mit Böllern und Leuchtraketen bewaffnet, in den Kampf zu ziehen. Erst mit den Ultra-Bewegungen in den Neunzigerjahren wurde aus der Rivalität zwischen KSC und VfB so etwas wie Feindschaft. Heute müsste den Friedensnobelpreis bekommen, wer die Randalos zur Räson bringt.
Selbst schlichte Freundschaftsspiele fielen schon den niedrigen Instinkten zum Opfer. 2005 mündete ein Kick im Karlsruher Wildpark in eine wüste Massenschlägerei. 160 Randalierer erfreuten sich anschließend der besonderen Fürsorge durch Ordnungskräfte und Justiz. Den Wiederaufstieg 2007 in die Bundesliga feierte der KSC auf dem städtischen Rathausbalkon – unter dem Dirigat von Kapitän Maik Franz – mit Verbalinjurien gegen den Erzrivalen: „Stuttgarter Arschlöcher.“
Vor jedem Derby werden die Vorurteile wieder aufgewärmt
Weil sich Fußballspieler gern die Rückennummern von Spielern merken, mit denen sie eine Rechnung offen haben, holzte VfB-Torjäger Mario Gomez nach dem Derby 2008 (3:1) zurück: „Maik Franz ist ein Arschloch.“
Ein paar Monate später musste der VfB nach einem neuerlichen 3:1-Derbysieg in der Mercedes-Benz-Arena eine ausgebrannte Toilette erneuern und 200 Schalensitze ersetzen. Den Sturm einiger Karlsruher Raufbolde auf die Untertürkheimer Kurve verhinderte in letzter Minute eine Reiterstaffel. Die Polizei meldete 23 Verletzte und die Erkenntnis: „Sie haben übertrieben.“ Als der VfB 2016 absteigen musste, grüßten KSC-Fans in der City mit einem Plakat: „Willkommen in Liga zwei, ihr Hurensöhne.“ Wer in Württemberg den Schaden hat, braucht für den Spott aus Baden eben nicht zu sorgen.
Das Ressentiment gegen die vermeintliche Übermacht im Westen erlebt vor jedem Derby eine Renaissance. Als stünde es in Paragraf 1 der Landesverfassung, versichern die Gelegenheitsseparatisten in Freiburg, Hoffenheim und Karlsruhe, die Urabstimmung übers gemeinsame Bundesland 1951 sei von finsteren schwäbischen Mächten hintertrieben.
Selbst Trainer fallen der Feindschaft zum Opfer
Wie dauerhaft toxisch die Schimäre von den raffgierigen Landeshauptstädtern wirkt, bewies nicht zuletzt der Fall des rheinland-pfälzischen Fußball-Lehrers Winfried Schäfer. In zwölf Jahren als KSC-Trainer in die Walhalla badischer Freiheitskämpfer emporgestiegen, zerschellte er als VfB-Coach 1998 in Rekordzeit an der weiß-roten Wand erbitterter Ablehnung. Dass der wilde Winni vor Derbys „dem Bobic die Spätzle aus dem Arsch ziehen wollte“, den in Stuttgart ansässigen SWR als „Spätzles- und Maultaschensender“ verunglimpfte und zum Dienstantritt mit dem KA-Kennzeichen vor den Cannstatter Wasen-Kreml rollte, interpretierte der harte Kern der VfB-Familie als Kriegserklärung. Geschäftsführer Ulrich Schäfer hatte Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder noch gewarnt: „Die Bomb’ geht net unter meinem Arsch hoch.“ Aber MV, gebürtiger Mannheimer, mit einer Schwäbin verheiratet, unterschätzte die Sprengkraft der Personalie.
Es ist ja auch nicht so, dass die Badener nicht stolz wie Bolle sein dürfen auf das, was sie haben. Dort fuhr das erste Fahrrad und das erste Automobil. Als Karlsruher FV entstand 1891 der älteste süddeutsche Fußballverein. Aber der Neid auf die Landeshauptstadt und deren sportliche Botschafter scheint so unvergänglich zu sein wie das Badner-Lied vor dem Anpfiff zum Derby: „In Karlsruh’ spielt der KSC / in Freiburg der SC / in Stuttgart dort am Neckarstrand / da gurkt der VfB.“ Fortsetzung folgt.