Am rechten Bildrand ist die Maichinger Krautgartensiedlung zu sehen. Dort, wo jetzt noch Landwirtschaft betrieben wird, könnte womöglich mal ein Wohngebiet entstehen. Foto: Stefanie Schlecht

Wohnraum ist auch in Sindelfingen Mangelware. Eine landwirtschaftlich genutzte Fläche südlich der Krautgartensiedlung in Maichingen könnte potenziell zu einem neuen Baugebiet werden. Landwirte und Anwohner sind strikt dagegen.

Getreidefelder, grüne Wiesen, Menschen, die in der Abendsonne radfahren oder mit ihrem Hund spazieren gehen, ein Vater, der mit seinem Sohn auf die Tore des kleinen, mit Gras bewachsenen Bolzplatzes spielt. Die Freifläche südlich des Maichinger Ortsrandes, der sogenannten Krautgartensiedlung, ist für die Anwohnerschaft ein kleines Naherholungsgebiet – gerade im Sommer. Nicht umsonst bezeichnet ein Bewohner die Fluren als „grüne Lunge Maichingens“.

 

Doch die Felder und Wiesen bieten noch mehr. Auf ihren Böden entwachsen Weizen und Gerste, die als Mehl, Nudeln, Brot oder Bier über die Grenzen des Sindelfinger Stadtteils hinaus vermarktet werden. Auch Kartoffeln und Linsen werden auf den fruchtbaren Böden angebaut und in der Region verkauft. Doch wie lange können die Äcker zwischen Sindelfingen und Maichingen dem durch die hohe Nachfrage nach Wohnraum steigenden Bebauungsdruck wohl noch standhalten? Diese Frage stellen sich Anwohner wie Landwirte seit Jahren. Am Dienstagabend diskutierten sie im möglicherweise betroffenen Gebiet am Mühlweg die Gretchenfrage – bebauen oder belassen– zusammen mit Vertretern der Grünen des Sindelfinger Gemeinderats und des Maichinger Ortschaftsrats. Die klare Botschaft der Betroffenen an die Stadtverwaltung, die hier potenzielle Wohngebiete in Betracht zieht: Die Flächen müssen erhalten werden.

Neubebauungsprojekte nach Maichingen und Darmsheim verlegen?

Monika Haug, Grünen-Ortschaftsrätin und einer der Organisatorinnen der Radler-Runde, die sich zu dem Austausch am Bolzplatz verabredete, fasst zunächst die Grundproblematik zusammen: „Einerseits beobachten wir vor allem in Städten, auch Sindelfingen, eine Wohnraumproblematik. In Sindelfingen ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kernstadt fast voll verdichtet ist und freie Flächen für zukünftige Wohngebiete eher in Maichingen und Darmsheim vorhanden sind. Andererseits stehen wir wegen des Klimawandels vor großen Herausforderungen. Diese lassen es nicht mehr zu, weitere Flächen zu versiegeln.“

Dieses Dilemma spiegelt sich auch auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen südlich der Krautgartensiedlung wider. Auch wenn der Bereich, der rund 44 Hektar bemisst, streng genommen auf Sindelfinger Gemarkung liegt, wären die Auswirkungen einer Bebauung und anschließend einer Besiedelung und infrastrukturellen Anbindung am ehesten in Maichingen zu spüren. Denn die nächsten Kitas, Schulen, Straßen, Supermärkte oder die sich Richtung Fronäckerstraße vorzustellende S-Bahn-Station, die Anwohner des noch in den Sternen stehenden Baugebiets nutzen würden, stehen dann allesamt in Maichingen. Wohl auch aus diesem Grund versammelten sich am Dienstagabend rund 40 Interessierte, der Großteil Anrainer aus Maichingen.

Böden höchster Güteklasse

Am meisten betroffen von einem Wohngebiet am Rande des Ortes wären Landwirte wie Sigmund Kemmler. Der Maichinger betont die besondere Beschaffenheit des Bodens vor Ort, dank der ein reicher Ertrag an Obst, Gemüse und Getreide in Maichingen möglich ist. „Wir verfügen über beste Böden. Hier können Sie sechs, acht oder zehn Meter graben, ohne dass Sie auf einen Stein treffen“, erläutert Kemmler und fügt hinzu: „Böden wie hier, die der Trockenheit trotzen können, sind lebensnotwendig. Sie sichern auch die Nahversorgung.“

Aus den Erträgen speisen sich nicht nur einige besonders bewusste Verbraucher in Maichingen, die auf regionale und saisonale Erzeugnisse zurückgreifen, sondern weitere Abnehmer im Kreis. „Unser Getreide geht nach Altdorf in die Mühle, wo es gemahlen wird, oder nach Böblingen in die Schönbuchbrauerei, wo es zu Bier wird. Das Mehl wird beim hiesigen Bäcker zu Weckle verarbeitet“, erzählt Sigmund Kemmler. „Die Basis für Landwirtschaft ist ein fruchtbarer Grund und Boden. Den haben wir hier. Es spricht alles dagegen, diese kostbare Fläche zu bebauen“, bekräftigt Kemmler.

Auch die Grünen sind skeptisch eingestellt

Mit seiner agrarwirtschaftlichen Meinung steht der Maichinger Landwirt keineswegs alleine da. Auch die politischen Entscheidungsträger der Grünen aus dem Gemeinderat pflichten den Argumenten von Landwirten und Anwohnerschaft bei. Sabine Kober, Vorsitzende der Grünen im Sindelfinger Gemeinderat, weist auf Leerstände in der Kernstadt hin: „Wir Grüne glauben, dass mehr Wohnungen und Häuser im Stadtgebiet leerstehen, als nach außen kommuniziert wird.“ Fraktionskollege Uli Hensinger rechnet wegen der massiven Umbauprojekte auf dem Krankenhausgelände, dem Post-/VoBa-Areal oder dem Goldbachquartier mit zusätzlichem Wohnraum. „Wir müssen auch die Frage stellen, wie groß soll Sindelfingen werden? Wie viel weiter soll die Stadt wachsen“, stellt Hensinger eine große Zukunftsfrage in den Raum. Ohnehin, so Kober, kenne sie aus den Reihen des Gemeinderats, der ein solches Projekt auf den Mühlweg-Äckern absegnen müsste, keine Fürsprecher. „Wir müssen das Thema schon ansprechen, aber ich weiß von niemandem, der die Bebauung hier befürwortet“, besänftigt Kober die Maichinger Gemüter.