Das Hochwasser fordert den Helfern alles ab, ein Retter stirbt. Bei Schwäbisch-Gmünd entgleist ein ICE. In der Region Stuttgart ist die Lage an Neckar und Rems angespannt.
Bei all den riesigen Massen an braunem Wasser und Schlamm, die sich durch den Süden der Republik wälzen, bei all der rastlosen Arbeit der Einsatzkräfte bleibt an diesem Katastrophenwochenende auch Zeit für einen Moment des Innehaltens: Nicht nur die Stadt Pfaffenhofen an der Ilm, 60 Kilometer nördlich von München, trauert um den 42-jährigen Feuerwehrmann. In der Nacht zum Sonntag war das Boot gekentert, drei Helfer konnten sich retten. Er nicht, am frühen Morgen wurde seine Leiche geborgen.
Teils dramatische Zustände in Bayern und Baden-Württemberg
Der starke, nicht enden wollende Dauerregen hat in Teilen von Bayern und Baden-Württemberg zu dramatischen Zuständen geführt. Eingrenzen lassen sich die Gebiete, wo es am heftigsten geworden ist, grob auf das Allgäu und Bayerisch-Schwaben, das nördliche Oberbayern sowie Oberschwaben. Richtige Entwarnung gibt es an diesem Sonntag von nirgendwoher, stattdessen werden aus einzelnen Orten und Landstrichen im Minutentakt stärkere oder auch etwas schwächere Anstiege der Fluten gemeldet. Das Land ist im Würgegriff dieser Naturgewalt.
Aus Reichartshofen südlich von Ingolstadt etwa vermeldet eine Reporterin des Bayerischen Rundfunks (BR), dass sie am Morgen noch in Gummistiefeln auf der Straße laufen konnte, am späten Vormittag ist das unmöglich. Sie steht nahe dem Feuerwehrhaus, der Standort sei mittlerweile zu „einer Art von Insel“ geworden.
Ein anderer Berichterstatter sagt in Offingen im Landkreis Günzburg: „Das Wasser kam alles in der Nacht.“ Unterführungen sind vollgelaufen, Häuser geflutet, auf den Straßen schwimmen Boote der DLRG, auch mit hohen Baggern kommt man noch durch. In Diedorf bei Augsburg ist der Fluss Schmutter über alle Ufer getreten, ein Bewohner meint lakonisch: „Da kann man schwimmen gehen.“
Nach den verschiedenen Hochwasserkatastrophen der letzten Jahre – Ahrtal 2021 mit 185 Toten, Simbach am Inn 2016, sieben Tote – kennt man die Szenarien ja zumindest grob: Fahrzeuge werden weggeschwemmt wie Matchbox-Autos, Häuser laufen voll, die Einrichtung wird zerstört. Menschen retten sich, teils müssen sie mit Booten geholt werden, manchmal seilt man sie auch an Hubschrauber und bringt sie in Sicherheit. In Babenhausen im Unterallgäu rät die Gemeinde noch in den Häusern verbliebenen Bewohnern, weit nach oben zu steigen und mit weißen Leintüchern nach Hilfe zu wedeln.
Auch die Infrastruktur bricht vielerorts zusammen: Das Stromnetz fällt aus, der Verkehr kommt zum Erliegen. Die Fernzugverbindungen von München nach Stuttgart sind eingestellt. Ein Paar, das mit dem Auto von Ulm nach München fährt, nimmt an der Raststätte Burgau einen völlig durchnässten jungen Mann mit. Der Zug sei nicht weiter gekommen, berichtet er, alle Passagiere mussten aussteigen. Zu Fuß hat er es im Starkregen bis zur Autobahn geschafft.
Eine 43-Jährige wird noch in einem vollgelaufenen Keller vermisst
Eine 43-Jährige wird noch am Sonntagnachmittag in Schrobenhausen im Spargelland vermisst: Es wird vermutet, dass sie sich in einem vollgelaufenen Keller befindet, doch selbst Taucher schaffen es nicht runter. In Memmingen im Allgäu wird die gesamte Justizvollzugsanstalt evakuiert, die 100 Häftlinge kommen vorübergehend in die Gefängnisse in Landsberg, Kempten und Aichach.
Die Katastrophe führt zu Politiker-Besuchen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist in vier betroffenen Gemeinden vor Ort gewesen, zwei Mal mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Dieser meint in Reichertshofen, die Nachricht vom Tod des Feuerwehrmannes habe ihn „aus den Gummistiefeln gehauen“. Laut Söder sind in Bayern derzeit 40 000 Einsatzkräfte bei der Arbeit, viele davon ehrenamtlich – von der Feuerwehr, dem Roten Kreuz, dem THW oder auch der Bundeswehr.
Solche Politiker-Termine werden manchmal kritisch gesehen. Hier hinterlassen sie aber durchaus positive Gefühle: „Wir zeigen, dass wir da sind, dass wir uns kümmern“, sagt Söder. Und das geschlossen von der CSU bis zu den Grünen.
Auch Baden-Württemberg, vor allem der östliche Teil, ist heftig von den Fluten betroffen. Bei Schwäbisch Gmünd im Ostalbkreis ist ein ICE entgleist, alle 185 Fahrgäste blieben unverletzt. Es war zu einem Erdrutsch aufgrund des Regens gekommen. Die Strecke wird jetzt nur einspurig befahren, die Bergung des Zuges dürfte laut einem Bahnsprecher einige Tage dauern. In Bad Urach ist ein Hang abgerutscht, zwei Häuser mit 21 Bewohnern mussten evakuiert werden, die Menschen sind laut Polizei bei Verwandten und Freunden untergekommen.
Ansonsten sind die vielen Berichte aus Baden-Württemberg zwar durchaus auch ernst, aber bei weitem nicht so dramatisch wie in Bayern. In Ochsenhausen (Landkreis Biberach) war die Stadt überflutet, die Pegel des Flusses Rotturm sanken im Laufe des Sonntags aber. Gebäude mussten nicht evakuiert werden. In Meckenbeuren nahe des Bodensees hingegen appellierte die Gemeinde an die Bewohner mehrerer Straßen, die Häuser zu verlassen. Der allgemeine Tenor lautet: Die Lage ist weiterhin kritisch, entspannt sich aber leicht.
Für das Hochwasser gewappnet sieht sich Ulm, dort wurde laut Berichten nach dem „Jahrhunderthochwasser“ von 1999 einiges für besseren Schutz getan. Und so sieht sich das THW in der potenziell selbst gefährdeten Donaustadt in der Lage, 30 000 Sandsäcke in die akuten Hochwassergebiete zu liefern.
In der Region Stuttgart sind vor allem Neckar und Rems betroffen
Auch in der Region Stuttgart ist die Lage weitgehend im Griff, obwohl auch hier vielerorts Feuerwehren im Dauereinsatz waren. Betroffen ist vor allem der Neckar. In Stuttgart mussten Ausflugsschiffe, die abzutreiben drohten, gesichert werden. Flussaufwärts glich der Neckar einem Strom und riss Äste, Müll und teils Baumstämme mit. Der Neckar trat immer wieder über sein Ufer, die beliebten Rad- und Fußwege entlang des Flusses wurden an vielen Stellen abgeriegelt. Im Kreis Ludwigsburg wurden etliche neckarnahe Straßen gesperrt, etwa in Freiberg und in Remseck.
Die Lage sei angespannt, teilten die Feuerwehren des Kreises Ludwigsburg mit. Zwar liefen einige Keller voll – Evakuierungen oder gar lebensbedrohliche Ereignisse habe es aber nicht gegeben. Die Feuerwehr bereitete 10 000 Sandsäcke vor. Eine Task Force beobachte, ob der Neckarpegel weiter steige oder abnehme.
Sorgen bereiteten den Rettungskräften vor allem die Zuflüsse des Neckars – Rems und Murr schwollen über das Wochenende weiter an. In Neckarrems und Hessigheim wurden deshalb vorsorglich mobile Dämme aufgebaut, um Häuser zu schützen. Dafür wurden Hunderttausende Liter Wasser in Schläuche gefüllt. In Steinheim an der Murr dürfe der Fluss maximal noch 30 Zentimeter steigen, bevor die ersten Menschen evakuiert werden müssten, hieß es. Weil die Lage derzeit unberechenbar sei, wolle man gegebenenfalls die Bewohner des Erdgeschosses eines flussnahen Pflegeheims evakuieren.
In zwei Städten muss das Trinkwasser abgekocht werden
Weiter östlich im Rems-Murr-Kreis beschloss das Landratsamt wegen der angespannten Lage, bei Winterbach die Rems-Renaturierung zu fluten. Außerdem muss derzeit in zwei Orten das Trinkwasser abgekocht werden, Regenwasser sei in die Versorgung eingedrungen, es käme zu Verunreinigungen. Vor verunreinigtem Trinkwasser warnte auch der Landkreis Göppingen für die Stadt Wiesensteig. Im Landkreis schwoll die Fils stark an. In Uhingen mussten am Samstag 50 Menschen ihre Häuser verlassen, sie wurden an anderen Orten untergebracht. Die Pegelstände der Fils sanken im Verlauf des Sonntags wieder.
Im Landkreis Esslingen sorgten Lindach und Lauter dafür, dass in Kirchheim einige Plätze und Straßen überflutet wurden. Sonst blieben Überschwemmungen von Häusern aus – auch weil heikle Uferstellen rechtzeitig mit Sandsäcken gesichert worden waren. Die Bäche und Flüsse zwischen Alb und Schurwald stiegen aber zwischenzeitlich bis an die Uferkanten.
Während sich trotz Regenfällen am Sonntag die Lage in Baden-Württemberg zu beruhigen scheint, könnte sie sich in Bayern noch weiter verschärfen, warnten Meteorologen. Erst ab Dienstag sei in fast allen Regionen mit einer Entspannung der Wetterlage zu rechnen.