Manfred Gann vom Marienheim befürchtet ein Sicherheitsrisiko durch Drogenabhängige. Foto: Heinz Heiss

Neben der Adlerstraße könnte auch die Katharinestraße ein Standort für die geplante zentrale Anlaufstelle für Suchthilfe sein. Anwohner aus den Bezirken haben mit beiden Optionen Probleme.

S-Mitte - Die Beunruhigung war Manfred Gann förmlich ins Gesicht geschrieben, als er bei der jüngsten Sitzung des Bezirksbeirats Mitte im Rathaus ans Mikrofon trat. Noch bevor die Tagesordnungspunkte aufgerufen wurden, äußerte der Vorstandsvorsitzender der Marienheimstiftung sich in den ersten, für die Belange der Bürger vorbehaltenden Minuten der Sitzung. Gann schilderte den Bezirksbeiräten seine Sorgen über eine mögliche Einrichtung einer Ambulanz für Drogensubstitution an der Katharinenstraße.

Abhängige könnten künftig im ehemaligen Westflügel des Wohnheims für alleinstehende Frauen mit geringem Einkommen die Ersatzdroge Methadon erhalten, will Gann erfahren haben. „Wir befürchten einen Schwerpunkt der Szene direkt neben uns, der dann in die Region ausstrahlt“, warnte der Vorsitzende.

Szene könnte Ruf gefährden

Die Drogenszene und das Rotlichtmilieu im Leonhardsviertel seien jetzt schon unangenehme Nachbarn für die derzeit 108 Bewohnerinnen, meinte Gann. Obdachlose versuchten zum Beispiel, sich an Wochenenden im Wohnheim einschließen zu lassen. „Wir wollen jetzt nicht auch noch in die Drogenszene miteingebunden werden. Das gefährdet unseren Ruf“, sagte er.

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle bestätigte die Angaben des Vorsitzenden der Marienheimstiftung. Sie habe Gann zu der Sitzung geladen, meinte Kienzle vor dem Gremium und kritisierte die Informationspolitik der Verwaltung. „Es kann nicht sein, dass so ein Vorhaben an den Anwohnern und den Bezirksbeiräten vorbei auf den Weg gebracht wird“, sagte sie.

Die Adlerstraße war bisher im Gespräch

Eine zentrale Suchthilfeeinrichtung schien eigentlich eine Angelegenheit zu sein, über die sich die Bezirksbeiräte im Stuttgarter Süden den Kopf zerbrachen. Die Caritas hatte im vergangenen Jahr bekannt gegeben, dass sie eine zentrale Anlaufstelle für Suchtkranke an der Adlerstraße plane. Die Bezirksbeiräte im Stuttgarter Süden brachten darauf eine Bürgerbeteiligung ins Rollen. Bei den Runden Tischen sei der Widerstand der Anwohnerschaft gegen das Projekt der Caritas groß gewesen, meinte Kienzle gegenüber den Bezirksbeiräten. „Dass darf aber nicht bedeuten, dass so eine Einrichtung immer in Bezirk Mitte und immer ins Leonhardsvietel kommt“, sagte sie. Kienzle versprach, sich um einen Auftritt von Sozialamtsleiter Stefan Spatz und der Zuständigen für die Suchthilfeplanung der Stadt, Elisabeth Dongus, in der Maisitzung des Bezirksbeirats zu bemühen. Spatz und Dongus sollen dann Auskunft geben über den Stand der Planungen, meinte Kienzle.

Laut dem Vorsteher des Bezirks Süd, Raiko Grieb, hätten die Runden Tische zwischen Anwohnern, Caritas und Verwaltung im Süden keine Präferenz für einen Standort zum Ergebnis gehabt. Es sei aber deutlich geworden, dass neben der Adlerstraße auch noch weitere Optionen denkbar seien, meinte er auf Nachfrage. Zum einen könnte der Kontaktladen High Noon an der Lazarettstraße verbleiben und nur zwei Einrichtungen, Substitutionsambulanz und Beratungsstelle, an die Adlerstraße umziehen. „Als weitere Möglichkeit hat die Verwaltung auch die Katharinenstraße als Standort ins Auge gefasst“, sagte Grieb.

Bezirksvorsteher wollen ergebnisoffen diskutieren

Er schlug eine offene Diskussion über die Anlaufstelle der Suchthilfe vor. „Darüber sollte bezirksübergreifend diskutiert werden“, meinte Grieb. Auch Bezirkschefin Kienzle befürwortete nach der Bezirksbeiratssitzung eine ergebnisoffene Suche nach dem geeignetesten Standort. „Ich will auch nicht aussschließen, dass dieser dann bei uns im Bezirk Mitte ist“, sagte sie.

Kienzle nannte als Beispiel das Züblin-Areal. Es wurde jüngst in die Projektliste für die Internationale Bauausstellung 2027 aufgenommen und soll nach dem Abriss des Parkhauses Platz bieten für innovative Formen des Wohnens und Zusammenlebens in der Stadt.

Suchthilfe warnt vor Stigmatisierung

Rainer Lang vom Kontaktladen High Noon an der Lazarettstraße zeigt sich derweil nicht erstaunt, dass Anwohner in Mitte wie auch im Süden Vorbehalte gegen eine Einrichtung der Suchthilfe in ihrer Nachbarschaft äußerten. Er könne Sorgen nachvollziehen, warne aber auch vor einem Festhalten an Klischees über Suchtkranke.

Gerade ein Abhängiger in der Substitution sei niemand, vor dem sich Anwohner hüten müssten „Die Menschen gehen zur Arbeit und haben Familie. Bei vielen würde niemand darauf kommen, dass sie süchtig sind“, sagt er. „Egal an welchem Standort, wir wollen zeigen, dass wir kein Ort sind, um den man einen Bogen machen muss.“

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