Wenn Kinder und Jugendliche von Medien, Alkohol, Cannabis oder Vapes abhängig sind, leiden auch die Eltern erheblich. Im Suchthilfezentrum Sindelfingen erhalten sie Unterstützung.
Eine Flasche Wodka zum Feiern, einen Joint zum Runterkommen, ein Videospiel zocken oder der Zug an der süß riechenden und schmeckenden E-Zigarette – die Möglichkeiten, heute als Kind und Jugendlicher in den Genuss von Suchtmittel zu kommen, sind vielfältig. Und sie sind trotz Altersbeschränkungen und Jugendschutzgesetz keine unüberwindbaren Hürden. Wenn Jugendliche problematische Konsumverhalten zeigen, geraten viele Eltern an ihre Grenzen und nicht selten weit darüber hinaus.
Im Kreis Böblingen gibt es mit den Suchthilfezentren (SHZ) des Vereins „Mevesta“ unter anderem in Böblingen, Sindelfingen und Herrenberg Anlaufstellen. Für Eltern und junge Menschen unter 25 Jahren ist das SHZ Sindelfingen unter der Leitung von Jessica Bernhard Ansprechpartner. Zur Ausgangslage in vielen betroffenen Familien erklärt Bernhard: „Viele Kinder und Jugendliche machen Erfahrungen mit Alkohol und anderen Drogen oder nutzen Medien unangemessen. Bei einigen führt dies zu ernsten Schwierigkeiten: Schule und Ausbildung werden vernachlässigt, familiäre Konflikte entstehen.“
Bei besonders ausgeprägtem Suchtverhalten wie der Mediensucht findet mitunter keine Körperhygiene mehr statt. „Wir kennen Fälle, in denen Betroffene nicht mehr zur Toilette gehen, weil sie sich nicht vom Bildschirm lösen können“, erzählt die Diplom-Sozialpädagogin und systemische Therapeutin, die Ende 2023 für die Beratungsstellen Sindelfingen und Herrenberg das Zepter vom langjährigen Leiter Uwe Zehr übernahm.
Auch Zehnjährige brauchen mitunter Hilfe
Bei Kindern und Jugendlichen im Kreis spielt weiterhin Alkohol die größte Rolle. Eltern jüngerer Klienten kämen vor allem wegen des Verdachts einer Mediensucht in die Beratungsstelle: „Der jüngste, den wir betreuen, ist zehn Jahre alt.“ Cannabis werde wegen der Teillegalisierung 2024 von vielen inzwischen gar nicht mehr als Gefährdung angesehen. „Manche erwähnen in Gesprächen beiläufig, dass sie auch kiffen“, so die Leiterin. Insgesamt griffen Jungs häufiger zu Cannabis, Opioiden und Kokain, Mädchen eher zu Alkohol.
Zugenommen haben die Fälle, in denen junge Menschen missbräuchlich Vapes konsumieren. Gesetzlich ist der Kauf, Verkauf und Konsum für Jugendliche unter 18 Jahre verboten. Dennoch sei das Vapen auf Schulhöfen immer mehr Thema – auch weil die Geschmäcker und die Aufmachung junge Menschen anspricht. Die gesundheitlichen Folgen der Liquids, die in die E-Zigaretten gegossen und inhaliert werden, sind wissenschaftlich noch nicht endgültig erforscht.
Viele Eltern, die das SHZ kontaktieren, hätten jahrelange Leidenswege hinter sich – oft auch mit schwerwiegenden Konsequenzen für den eigenen Körper und die Psyche. Bei den fachlich ausgebildeten Beraterinnen finden Betroffene Hilfe. „Wir bieten Einzelgespräche für Eltern an – gegebenenfalls auch mit den Kindern. Diese können telefonisch, persönlich oder digital erfolgen“, erläutert Bernhard. Die Hilfesuche finde heutzutage öfter online statt: „Das liegt daran, dass man glaubt, seine Fragen im Internet schneller beantwortet zu bekommen. Zudem bleibt man im Netz im Anonymen“, so die Suchthilfeberaterin.
Die Elterngruppe – ein seit Jahren bewährtes Format
Noch immer empfänden viele Eltern eine Scham, dass ausgerechnet ihr Kind ein Suchtproblem hat. „Unsere Erfahrung zeigt, dass einige Angst haben, dass wenn sie zu Vor-Ort-Gesprächen oder in Gruppen kommen, Menschen treffen könnten, die sie kennen“, sagt Bernhard. Gerade jene, die in dem kräftezehrenden Prozess an einem anderen Punkt stünden, begrüßten das Angebot der „Elterngruppe“. Einmal im Monat findet in Böblingen eine Selbsthilfegruppe statt, die sich speziell an Eltern mit suchterkrankten Kindern richtet – durchgeführt von einer Gruppenleiterin, die als Mutter einst in derselben Lage war. „In der Gruppe spüren Eltern, dass sie nicht alleine sind. Sie erfahren Verständnis und können sich austauschen. Denn eines ist in der Gesellschaft weiter stark vorhanden: Die Angst, von anderen verurteilt zu werden“, unterstreicht Bernhard.
Weil es erfahrungsgemäß wichtig ist, bei Suchterkrankungen früh entgegenzusteuern, hat Mevesta ein neues Format eingeführt. Bei „Junge Menschen im Fokus“ soll im Sinne der Frühintervention problematisches Konsumverhalten von jungen Menschen ab 12 Jahren thematisiert werden. „Wir wollen frühzeitig ins Gespräch kommen – bevor sich problematische Verhaltensweisen verfestigen“, so die Suchthilfeexpertin. Im Herbst werden daher nun digitale Elternabende angeboten – „kostenlos und anonym“, wie Jessica Bernhard betont. Los geht’s am 18. September zum Thema Cannabis, am 23. Oktober geht es um digitale Medien und am 27. November um Nikotin und Vapes. Alle Meetings finden über Microsoft Teams statt.
Sucht und Suchthilfe im Kreis
Zahlen
2024 wurden bei Mevesta kreisweit 1402 Betreuungen erfasst. 178 davon waren Bezugspersonen und Angehörige (davon 84 Eltern). Von den 1224 Betroffenen waren 919 männlich und 304 weiblich. Bei Angehörigen haben sich mehr weibliche als männliche Personen an die SHZ gewandt (137 zu 41).
Ansprechpartner
Das Suchthilfezentrum Sindelfingen ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 70 31 / 2 18 12 30, E-Mail: suchthilfe-sifi@mevesta.de und Homepage www.mevesta.de