Sabine Pohlner, Leiterin des Fachdiensts Suchtberatung bei der Caritas, sorgt sich um die Klienten. Foto: Caritas

Die Suchtberatung muss wegen des neuartigen Coronavirus unter erschwerten Bedingungen stattfinden. Man lasse die Menschen aber nicht alleine, betont Sabine Pohlner von der Anlaufstelle der Caritas in Stuttgart.

Stuttgart - Sabine Pohlner ist Leiterin des Fachdiensts Suchtberatung und -behandlung bei der Caritas. Ein Gespräch über Suchtberatung unter erschwerten Bedingungen.

Frau Pohlner, wie arbeitet eine Suchtberatung in Zeiten von Corona?

Unser Beratungszentrum in der Katharinenstraße ist zwar geschlossen, aber wir lassen unsere süchtigen Klienten nicht alleine. Das gilt übrigens für alle Anlaufstellen im Suchthilfeverbund. Wir sind für die Menschen da – telefonisch und per E-Mail. In besonderen Einzelfällen auch persönlich.

Wie läuft das konkret?

Die Hälfte aus dem Team arbeitet von zu Hause aus, die andere Hälfte ist im Büro. Wir rufen jeden, der aktuell in Betreuung ist und von dem wir die Nummer haben, an, um Telefonberatungstermine zu vereinbaren. Viele unserer Klienten sind sozial ohnehin sehr isoliert. Sie sind sehr froh, dass wir weiter für sie da sind und drücken das auch aus.

Die telefonische Beratung wird also angenommen?

Natürlich gibt es auch Leute, die sich schwer tun mit dem Telefonieren, die können sich nur schwer darauf einlassen. Für jeden kommt das nicht in Betracht, aber wir merken, dass es für viele ein wichtiges Angebot ist. Ich habe auch schon positive Überraschungen erlebt. Ein Mann, der wirklich massive Probleme hat, konnte sich am Telefon viel stärker fokussieren. Im direkten Gespräch ist er viel schüchterner.

Wie geht es ihren Klienten denn gerade?

Das ist sehr unterschiedlich. Generell ist diese Zeit, in der man keine Kontrolle über den Alltag hat, natürlich für alle belastend. Das Risiko, jetzt zum Beispiel mehr Alkohol zu trinken, um sich selbst runter zu holen, ist ganz klar erhöht. Viele nehmen Alkohol zur Entspannung zu sich. Fehlt jetzt die Tagesstruktur, kann das zu mehr Konsum führen – das gilt auch für Bürger, die bisher kein Suchtproblem hatten. Ein Teil der Klienten berichtet uns von einem hohen Suchtdruck. Andere machen sich Sorgen, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Schließlich sind die meisten Risikopatienten. Wir fragen bei allen die Vitalfunktionen ab, damit man weiß, ob eine Infektion stattgefunden haben könnte.

Rechnen Sie mit mehr Rückfällen?

Wir rechnen mit mehr Krisen. Hart ist für einen Teil sicherlich, dass die Entgiftungsstationen nicht mehr für geplante Entzüge zur Verfügung stehen – die Kliniken nehmen nur noch im Akutfall auf. Sorgen machen uns auch die Familien, vor allem die Kinder suchtkranker Eltern. Da können gerade keine Gruppenangebote stattfinden. Was aber positiv ist: Im Suchthilfeverbund ziehen gerade alle an einem Strang bei der Suche nach Lösungen – das gilt für die Träger und das Sozialamt gleichermaßen.

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